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Gesundheit  

Die Stadt kann krank machen – das Dorf auch

Modell Stadt: zu viele Menschen auf einem Fleck. Foto: Matthias Hiekel/dpa

Psychische Belastungen hängen auch vom Wohnort ab. Psychiater erklären wie und warum. 

Von Martina Hahn

Städter sind öfter psychisch krank als Menschen, die auf dem Land leben: Ihr Risiko, an Schizophrenie zu leiden, ist dreimal so hoch. Psychosen und Angststörungen treten bei ihnen fast doppelt so häufig auf, auch erkranken sie verstärkt an Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Asthma oder Allergien, so der Tenor eines Spitzentreffens von Psychiatern und Psychotherapeuten in Berlin. Denn: Wer unter sozialem Stress steht, dessen Körper schüttet größere Mengen des Stresshormons Cortisol aus. Das erhöhe das Risiko, dass diese Menschen an Depression oder Herzinfarkt erkranken, sagt der Berliner Psychiater Mazda Adli in seinem Buch „Stress and the City“.

Dass Städter empfindlicher auf Stress reagieren, hat viele Ursachen: Verkehrslärm, abgasgeschwängerte Luft und wenig Natur sind das eine. „Menschen, die Grünflächen um sich haben, geht es besser“, sagt Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim. „Waldspaziergänge haben Folgen auf das seelische Befinden, sie tun gut.“ Einen ähnlichen Effekt hat Wasser.

Wichtiger aber noch für die psychische Gesundheit ist das soziale Umfeld, sind die Beziehungen und Bindungen. „Nicht die Städte per se sind das Problem, sondern die Nachbarschaften, in denen die Menschen in der Stadt leben“, sagt Professor Andreas Heinz, Chef der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin. Menschen brauchen „eine Nachbarschaft, in der man sich kümmert“. Oder zumindest eine, die zu einem passt: „Stress verursacht auch, wenn man in einem Stadtteil lebt, in dem die anderen anders aussehen, anders wohnen, anders verdienen“, sagt Heinz.

Die psychische Belastung hänge beispielsweise weniger von der eigenen Armut ab als von der Armut der Nachbarn, sagt Heinz. „Ganz egal, wie gut es Ihnen geht: Wenn Sie in einer Nachbarschaft leben, in denen die Menschen ärmer sind, dann ist das Risiko höher, dass Sie Stress empfinden, weil auch Sie sich dann sorgen, in eine finanzielle Notlage zu geraten.“ Dasselbe gelte für eine hohe Arbeitslosigkeit um einen herum, oder wenn man als Mieter nur von Wohnungseigentümern umgeben ist: Dann entsteht die Angst, arbeitslos oder aus der Wohnung vertrieben zu werden – auch, wenn sie unbegründet ist, weil man etwa einen sicheren Job oder einen netten Vermieter hat. Noch höher ist das Risiko einer Depression oder Psychose infolge der Abstiegsangst, wenn die Sorge vor Wohnungs- oder Jobverlust begründet ist; wenn jede Hoffnung und Perspektive fehlt, dieser Lage zu entkommen.

Modell Land: zu einsam. Foto: Thomas Kretschel

Doch auch auf dem Land treten psychische Krankheiten infolge von Stress und Angst auf. Denn hier brechen seit Jahren Strukturen zusammen, weil Betriebe schließen, Arbeitsplätze wegfallen und Menschen wegziehen. Die Folgen sind auch hier Isolation und Angst vor dem sozialen Ausschluss. Schrumpfende Dörfer, sagt Meyer-Lindenberg, machen einsam. Wo keine Nachbarn mehr oder nur noch betagte Nachbarn leben, ist man im Alter oder während einer Krankheit genauso auf sich allein gestellt wie in der Metropole, und womöglich noch stärker von einer professionellen Hilfe durch Ärzte oder Pfleger abgeschnitten. Auch mache „die große Perspektivlosigkeit auf dem Land viele Menschen verbittert, wütend, frustriert“, sagt Heinz. Auch das kann Stress und psychische Erkrankungen auslösen.

Im Dorf ist der soziale Druck enorm, „hier kann man sich schnell ausgegrenzt fühlen“, sagt Heinz. „Nicht umsonst heißt es: Stadtluft macht frei.“ Wer anders denkt, liebt, isst, spricht oder aussieht, gehört in ländlichen Gegenden oftmals nicht dazu. Er vereinsamt, weil er keine Gleichgesinnten trifft. „Stadtmenschen werden in der Regel als toleranter und weltoffener wahrgenommen“, sagt Majken Bieniok, Psychologin an der Humboldt-Universität Berlin.

Ohnehin ist das Landleben nichts für jedermann. „Nicht jeder sucht das Einfamilienhaus mit Vorgarten und einen Dorfkern mit Kirche“, sagt Christina West vom Urban Office am Geographischen Institut der Uni Heidelberg. „Es gibt Menschen, die ganz bewusst die soziale Anonymität der Stadt suchen und die sich nur in der Stadt wohlfühlen – und zwar quer durch alle Schichten“. Und es werden mehr werden. Bis 2050 sollen laut UN-Prognosen 70 Prozent der Menschen weltweit in Großstädten leben. Umso wichtiger ist es, dass Städte menschenfreundlich und ohne Stressquellen geplant werden.

Eine Stadt müsse Menschen einladen rauszugehen, ins Gespräch miteinander zu kommen. Viele Städte liegen an Flüssen, an den Ufern können Kommunen Freizeitmöglichkeiten und Grün schaffen, Gifte entsorgen, Rückzugsräume für alle Generationen schaffen, fordern Psychiater. Städte müssen günstigen Mietwohnraum anbieten und dafür sorgen, dass Jobs geschaffen werden. Auch mehr Freiräume sind zu gestalten. Heinz: „Ein Fußballfeld reicht da nicht“. Menschen in der Stadt können aber auch selbst dazu beitragen, dass sie sich wieder wohl und weniger gestresst fühlen, sagt die Psychologin Bieniok. Auf die Nachbarn und die Familie zuzugehen oder die Verbundenheit mit Gleichgesinnten, Peers, der Stadtnatur sowie dem Ort suchen – das müsse man nicht verordnen.

Buchtipp: Mazda Adli: „Stress and the City“, C. Bertelsmann, 19,99 Euro.