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Die Strippenzieher

Die Firma LTB Leitungsbau gehört zu den führenden Stromleitungsbauern – und kann nicht nur seine Kunden elektrisieren.

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© Roland Bonss

Von Andrea Schawe

Dass Dieter Pusch und Jörg Hennersdorf sich normalerweise nicht in einem Baubüro aufhalten, sieht man schon an der Kleidung – beide tragen Anzug, Pusch mit Krawatte und Mantel, Hennersdorf mit Pullunder, winddichter Firmenjacke und Helm. Die beiden Geschäftsführer der Firma LTB Leitungsbau haben ihr Büro in der Dresdner Rankestraße. Jetzt aber stehen sie unter einer Stromtrasse in der Oberlausitz.

Margitta Markert, Jurymitglied und Direktorin beim Wirtschaftsprüfer PwC
Margitta Markert, Jurymitglied und Direktorin beim Wirtschaftsprüfer PwC © Wolfgang Wittchen

Seit dem vergangenen Sommer baut die LTB 24 Kilometer der neuen Stromleitung zwischen Bärwalde und Schmölln. „Die Schwierigkeit ist, dass während der Bauzeit die alten Stromleitungen teilweise in Betrieb bleiben müssen“, erklärt Hennersdorf. Die Strommasten inklusive Leitungen mussten daher parallel teilweise demontiert und neu gebaut werden. „Das haben wir so noch nicht gemacht“, sagt Hennersdorf.

Das Unternehmen gehört deutschlandweit zu den führenden Anbietern schlüsselfertiger Stromleitungstrassen. Sieben Standorte hat es in Deutschland, darunter fünf Bauabteilungen in Dresden, Lehrte, Mannheim, Dortmund und Güstrow. Die LTB hat bisher über 73.000 Kilometer Stromleitungen gelegt, knapp 17 000 davon im Ausland, unter anderem in Österreich, Kambodscha, Nepal und Bangladesch. Kunden sind Energierversorger, Industrie und auch die Deutsche Bahn.

336 Mitarbeiter arbeiten für den Leitungsbauer, darunter 185 Monteure. Sie setzen vor Ort über 10.000 einzelne Stahlteile und über 3.000 Schrauben zu Freileitungsmasten zusammen. Entwurf, Planung und andere Ingenieursleistungen sowie die Instandhaltung erledigt die LTB gleich mit. „Deutschlandweit arbeiten wir momentan an 130 Projekten“, sagt Pusch.

Deswegen ist Hennersdorfs Arbeitsplatz eigentlich sein Wagen. Der 41-Jährige ist ständig unterwegs, er ist für den Baubetrieb zuständig und kümmert sich um den Vertrieb und den Kontakt zum Kunden. Hennersdorf, geboren in Meißen, hat Elektrotechnik studiert. „Er ist der Techniker unter uns Geschäftsführern“, sagt sein Kollege. Dieter Pusch ist eher der Mann für die Zahlen, Daten, Fakten. Bei der LTB ist der 61-Jährige kaufmännischer Leiter, verantwortlich für Personal, Rechnungswesen, Einkauf. Der Dortmunder ist gelernter Industriekaufmann und hat Betriebswirtschaft studiert. „Meine Mutter wollte immer, dass ich Prokurist werde“, erzählt er. „Dann hätte ich es zu etwas gebracht, meinte sie.“ Ausgebildet wurden beide in einer der Vorgängerfirmen des Unternehmens, das sie jetzt führen.

Die 2005 gegründete Firma wächst. Der Jahresumsatz ist seit 2009 um 57 Prozent gestiegen, 2013 lag er bei knapp über 71 Millionen Euro – Rekord, so Pusch. „Wir sind nicht der Größte, aber auch nicht der Kleinste im Wettbewerb.“ Das Wichtigste am Erfolg seien die Mitarbeiter, sind sich die Geschäftsführer einig. Das Know-how der Mannschaft und die Erfahrung der Mitarbeiter sind das Rezept. „Viele sind schon über 25 Jahre in dem Unternehmen“, sagt Pusch. Er selbst schafft es auf 44.

Bei dem großen mittelständischen Unternehmen arbeiten heute zwölf Prozent mehr Menschen als 2009. 2014 sollen noch einmal etwa 30 dazukommen. Die meisten davon bildet der Betrieb selbst aus. Im erzgebirgischen Lichtenberg hat das Unternehmen ein Ausbildungszentrum für den eigenen Bedarf. Und für 17 andere Unternehmen. Unter den insgesamt 107 Azubis lernen 30 bei der Dresdner Firma, fast doppelt so viele wie noch 2005. Die werden nicht nur zum Mechatroniker ausgebildet, sondern arbeiten ab dem zweiten Lehrjahr als Monteure mit auf den Baustellen.

„Dass wir das Ausbildungszentrum mit übernommen haben, war ein Grund, warum man uns die Unternehmenssparte verkauft hat“, sagt Dieter Pusch. Die LTB hat zwei Wurzeln: den 1955 in Radebeul gegründeten VEB Energiebau und den 1914 entstandenen Leitungsbau Mannheim. Beide wurden 1996 in der ABB-Gruppe, einem Konzern für Energie- und Automatisierungstechnik mit Hauptsitz in Zürich, verschmolzen. Pusch und Hennersdorf gehörten bei ABB zum Management. Hennersdorf leitete die Bauabteilung Ost in Dresden, Pusch war – zur Freude der Mutter – Prokurist. 2004 wollte sich der Konzern von der Sparte trennen, 2005 setzten sich Hennersdorf und Pusch gegen Konkurrenten aus Österreich, Kanada und anderen Ländern durch. Auch, weil sie garantierten, alle Mitarbeiter zu übernehmen. Und das Unternehmen soll weiter wachsen.

Die momentane Auftragshöhe – über 70 Millionen Euro – soll in den kommenden Jahren gehalten werden. Mit Blick auf die Energiewende scheint das möglich. Allerdings sei die Branche extrem abhängig von der Politik, „vor allem mit Blick auf die vielen Proteste gegen neue Masten“, sagt Pusch. Wenn die Freileitungsbauer nicht permanent beschäftigt seien, könne sich das kein Unternehmen ohne Personalabbau leisten. „Zum Glück ist das bei uns noch nicht der Fall.“ Die Firma experimentiert auch mit unterirdischen Stromkabeltrassen. Die sind aber sehr teuer, so Hennersdorf. Personal wird dafür aber schon ausgebildet. Die LTB liebäugelt auch mit dem niederländischen und dem Schweizer Markt. „Das klappt noch nicht so gut, aber wir sind zuversichtlich“, sagt Hennersdorf. Zunächst zieht das Unternehmen nach Radebeul. Dort wird der neue Hauptsitz gebaut. „Damit kehren wir quasi an unsere Wurzeln zurück“, so Pusch.

Am Freitag wird bei einer Gala in der Gläsernen VW-Manufaktur in Dresden „Sachsens Unternehmer des Jahres 2014“ gekürt. Die SZ stellt die besten sechs Bewerber vor.