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Die Thriller von Wembley

Das Stadion im Nordwesten von London garantiert Drama und Spannung, wenn England Deutschland empfängt.

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© dpa

Von Hartmut Scherzer

Uwe Seelers Startelf-Debüt mit 18 Jahren. Der Mythos des Jahrhundert-Tores. Franz Beckenbauers Weltstar-Geburt. Günter Netzers Ramba-Zamba. Andreas Köpkes Elfmeter-Abwehr. Andreas Möllers Sieg-Elfmeter. Oliver Bierhoffs Golden Goal zum EM-Titel. Berti Vogts’ Solo-Welle. Dieter Hamanns Sensations-Freistoß. Nach dem Wankdorfstadion der Helden von 1954 in Bern ist Wembley das „Stadium of Fame“ des deutschen Fußballs. Auch wenn die anderen WM-Triumphe 1974 in München, 1990 in Rom und 2014 in Rio de Janeiro gefeiert wurden.

Am Freitag betritt der deutsche Weltmeister den neugebauten Tempel der Fußball-Götter und begegnet einem England, das seit 1983 alle sechs Spiele gegen Deutschland auf seinem heiligen Rasen verlor. Testspiel? Zumindest für England ein Prestigespiel. Das Denkmal Bobby Moores, Kapitän der Weltmeister von 1966, symbolisiert Englands einmalige Wembley-Geschichte gegen Deutschland vor gut einem halben Jahrhundert. Erst das ebenso strittige wie legendäre Wembley-Tor von Geoffrey Hurst zum 3:2 besiegte die Deutschen und machte sie dennoch zu Rittern, „auf die wir in der Tat stolz sein können“, wie die Süddeutsche Zeitung den Deutschen aus den Herzen schrieb. Der hängende Kopf des Kapitäns Seeler beim Abgang bot das Bild des anständigen Verlierers.

Bei dieser Weltmeisterschaft wuchs der gerade 20-jährige Franz Beckenbauer zum Weltstar heran. Die Fußball-Gelehrten behaupten heute noch, dass es ein entscheidender Fehler des Bundestrainers Helmut Schön war, Beckenbauer im mit 2:4 nach Verlängerung verlorenen Finale gegen England als Bewacher des Spielmachers Bobby Charlton abzustellen, anstatt dessen Esprit freien Lauf zu lassen.

„Der aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßende Netzer hatte Thrill. Thrill, das ist das Ergebnis, das nicht erwartete Manöver, das ist die Verwandlung von Geometrie in Energie, die vor Glück wahnsinnig machende Explosion im Strafraum, Thrill, das ist die Vollstreckung schlechthin, der Anfang und das Ende. Thrill ist Wembley.“

Mit diesem literarischen Text begeisterte sich der Essayist Karl Heinz Bohrer, Vorgänger Marcel Reich-Ranickis als Feuilleton-Ressortleiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, am legendären 3:1-Erfolg gegen England in Wembley. Der 29. April 1972, der Tag des EM-Viertelfinals, steht als Datum des ersten deutschen Sieges im Mutterland des Fußballs. Der Libero Beckenbauer und der Stratege Netzer hatten einen Kompromiss gefunden, ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten gemeinsam zu nutzen. Für die Präzision ihrer wechselnden, rasanten Vorstöße erfand die Bild-Zeitung das rhythmische Schlagwort Ramba-Zamba. Uli Hoeneß, Netzer und Gerd Müller trafen vor 100 000 Zuschauern, Deutschland holte später den EM-Titel.

Hört er richtig? „Berti, Berti“, intoniert der deutsche Fanblock. Vogts hat noch die „Berti-raus-Rufe“ der vergangenen Jahre im Ohr. Jetzt Volksheld Vogts? Da steht der Bundestrainer im dunklen Anzug und mit Krawatte nun ganz allein vor der schwarz-rot-goldenen Tribüne, beugt den Kopf dreimal runter bis zum Knie und reißt die Arme hoch. La Ola solo. Es ist der Abend des 30. Juni 1996. Deutschland ist gerade durch das Golden Goal Oliver Bierhoffs zum 2:1 gegen Tschechien Europameister im Wembley-Stadion geworden – dort, wo die Deutschen zuvor im Halbfinale England nach einem dramatischen Elfmeterschießen mit 7:6 besiegt hatten. Jürgen Klinsmann nimmt die Trophäe aus den Händen der Königin entgegen und diktiert den Medien: „Der Titel ist Berti Vogts’ Verdienst.“ 32,86 Millionen deutsche Haushalte sahen damals beim Finale zu.

Es passt zur deutschen Wembley-Geschichte: Bevor die Bulldozer anrollten, um die 77 Jahre alte Arena im Nordwesten Londons niederzuwalzen, besiegte Deutschland unter dem neuen Teamchef Rudi Völler England im WM-Qualifikationsspiel mit 1:0 durch einen tückischen 30-Meter-Freistoß von Hamann, Legionär beim FC Liverpool, in der 14. Minute. Ein Deutscher schoss das letzte Tor im altehrwürdigen Wembley-Stadion.

Dort, wo Seeler, seit 37 Tagen gerade 18 Jahre alt, in seinem zweiten Länderspiel bereits zur Nationalhymne in der Weltmeistermannschaft von 1954 stand. „Uns Uwe“ erzählt: „Ich musste gegen Billy Wright spielen. Da haben mir vor dieser Kulisse die Knie gezittert.“

Personalien: Verteidiger Marcel Halstenberg vom Bundesligisten RB Leipzig feiert sein Debüt in der deutschen Auswahl. Joachim Löw gibt ihm die Garantie für einen Startelf-Einsatz – als einzigem Akteur. Der Bundestrainer kann bis auf Jerome Boateng alle Spieler einsetzen.

TV-Tipp: Das ZDF überträgt live. Das Spiel beginnt 21 Uhr.