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Die Tiger sind in der Stadt

Noch bis zum 9. Juli gastiert der Zirkus Barley in Großenhain. Und bietet den Zuschauern mehr als alle Branchenvertreter zuvor.

© Klaus-Dieter Brühl

Von Catharina Karlshaus

Großenhain. Seine größte Angst läuft auf nackten Beinen. Wenn Jonny Ortmann des grauen Vierbeiners nur ansichtig wird, nimmt der erfahrene Dompteur schon mal auf dem Tisch Platz oder am liebsten gleich reißaus. Der Mann, der von klein auf die Luft der Manege schnupperte, 20 Jahre als Artist in schwindelerregenden Höhen arbeitete und sich später auf die Dressur von Löwen und Tigern spezialisierte, hat Panik. Panik vor Mäusen. „Ich weiß, dass das der absolute Schenkelklopfer ist! Und ich amüsiere mich auch selbst drüber. Allerdings nur so lange, bis keines der Tiere in meine Nähe kommt“, bekennt Ortmann und lacht.

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Der 56-Jährige zählt mit seiner Darbietung ohne Zweifel zu den Aushängeschildern des Zirkus „Barley“. Obgleich dem 40-köpfigen Familienunternehmen Konkurrenz in den eigenen Reihen völlig fremd ist, kommen viele Zuschauer tatsächlich um ihn zu sehen – und vor allem wegen seiner fünf tierischen Kollegen. Dass deren Ohren gerade mal die Maße jener ungeliebten Maus haben und jeder Einzelne kapitale 300 Kilogramm auf die Waage bringt, mutet angesichts des Ortmann'schen Eingeständnisses wie ein Witz an. Sultan, Laika, Fatima, Prinzess und Lisa sind sibirische Tiger und allein schon durch ihre Erscheinung der Höhepunkt jeder Show.

Das Überraschende daran: Jonny Ortmann, der die in Zusammenarbeit mit dem Berliner Tierpark selbst aufgezogenen Tiere seine felligen Kinder nennt, agiert zwar streng und hochprofessionell. Kein Zweifel, er ist der Chef, der im sogenannten Revierabstand von einem Meter die unbedingte Kontrolle behalten muss. Vor allem aber ist der Umgang mit den unter Artenschutz stehenden Großkatzen sichtbar liebevoll. Die drei bis fünf Jahre alten Tiere scheinen eins zu sein mit ihrem Ziehvater, der laut und deutlich kurze, klare Ansagen macht. Als sie drei Monate alt waren, hat Ortmann begonnen, mit ihnen zu spielen. Ähnlich einem kleinen Hund brachte er ihnen Kunststücke bei und begeistert die Besucher mittlerweile damit, Sultan über ihn hinwegspringen zu lassen. „Wichtig für die Dressur sind bedingungslose Liebe und viel Geduld“, weiß Jonny Ortmann. Dass alle fünf zwar alles können, aber längst nicht alles dürfen, verstehe sich von selbst.

Wenn Jonny Ortmann und all seine anderen Mitstreiter – Akrobaten, Clowns und zahlreiche, auch exotische Tiere – ihre Gäste erfreuen, tun sie das in guter Tradition. Einstmals 1826 in Berlin gegründet, spielten sich die Vorfahren im festen Spielhaus auf der Friedrichsstraße bis Ende der 1950er Jahre in die Herzen von klein und groß. Was heute in bereits achter Generation von Töchtern, Söhnen, Nichten und Neffen fortgeführt wird, mündete 1968 zunächst im staatlichen DDR-Zirkus Berolina. Ursprünglich zur Bespielung der dörflichen Regionen gedacht, entwickelte sich der Zirkus bis 1989 zum modernsten der sozialistischen Länder. Allein das ausladende Chapiteau hatte einen Durchmesser von 50 Metern und ein Fassungsvermögen von 3 000 Personen. Seit der Wende besinnen sich die Barleys nun wieder auf ihr ureigenes handwerkliches Können. Ausgebildet in namhaften Zirkusschulen gastieren sie mit mehreren Zelten, gut 30 Wagen und 80 Tieren fast ausschließlich in den neuen Bundesländern. Von März bis November spielen sie in bis zu 35 Städten – abwechselnd im Raum Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sowie Sachsen-Anhalt und Sachsen.

Eine straffe Logistik, die Sultan momentan nicht interessiert. Der Tiger gähnt geräuschvoll und signalisiert, dass nach all der Plackerei jetzt doch ein leckeres Rindfleischhäppchen drin sein dürfte. Dass er und seine Gefährten insgesamt einen Zentner pro Tag verspeisen, verwundert nicht. Und darf ihnen auch zugestanden sein – nach einer Darbietung, die in Großenhain so schon lange nicht zu sehen gewesen ist.