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Die Todesangst und ihre Folgen

Am Mittwoch jährt sich der Anschlag auf Borussia Dortmund, der der Mannschaft immer noch zu schaffen macht.

© dpa

Von Thomas Nowag

Der Anschlag? Ernsthaft? Schon wieder? Nuri Sahin kann es nicht mehr hören. Er verdreht genervt die Augen, brummt einen ablehnenden Satz, dreht ab. Dann ist der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund verschwunden. Am Mittwoch sind die dramatischen Sekunden des Bombenattentats auf die BVB-Mannschaft ein Jahr her – mit der Aufarbeitung hat der Verein weiterhin zu kämpfen.

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„Ich kenne Spieler, die noch immer darunter leiden. Das war ein Anschlag auf das Leben“, sagte Torhüter Roman Weidenfeller im Prozess gegen Sergej W., der gestanden hat, am 11. April 2017 drei Sprengsätze neben dem Mannschaftsbus gezündet zu haben. „Der Vorfall hat mein Leben verändert. Die Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen“, sagt Fußball-Weltmeister Weidenfeller. Er nehme seitdem psychologische Hilfe in Anspruch: „Man ist immer noch betroffen, schreckhaft.“

Platzt irgendwo ein Luftballon, rollt unerwartet ein Bus heran, muss mal wieder zum Stadion gefahren werden – dann sind die Bilder wieder da. Kapitän Marcel Schmelzer berichtete, er zucke noch bei lauten Geräuschen zusammen. „Ich habe die Angst in den Gesichtern gesehen. Ich versuche, es wegzuschieben. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen man denkt, was für ein Glück wir hatten.“

Sergej W. bestreitet vor dem Dortmunder Landgericht weiter jegliche Tötungsabsicht. Sein Motiv soll Habgier gewesen sein. Mutmaßlich wollte er mit kreditfinanzierten Put-Optionen nach seiner Tat am sinkenden Kurs der BVB-Aktie verdienen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem versuchten Mord in 28 Fällen vor. Der ehemalige Innenverteidiger Marc Bartra hatte einen Armbruch und Fremdkörpereinsprengungen erlitten, ein begleitender Polizist ein Knalltrauma.

Das waren nur die direkten körperlichen Folgen eines Tages, der alle Spieler und den Klub tief erschüttert hat. Die psychischen sind immer noch zu spüren. Mehrere Spieler berichteten im Zeugenstand von ernsten Schlafproblemen.

Bartra, der einzige beim Angriff verletzte Spieler, ist in seine Heimat zurückgekehrt. Er spielt inzwischen beim FC Sevilla. Zwischen ihm und den Dortmunder Fans ist im Nachgang des Anschlags eine einmalige Verbindung entstanden. „Ich hatte Todesangst und Angst, meine Familie niemals wiederzusehen“, sagte der Innenverteidiger mit leiser Stimme. „Ich bin nur froh, noch am Leben zu sein.“ (sid)