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Die Tragödie von Tatabanya

Vor 40 Jahren endete die Karriere von Joachim Deckarm. Doch der damals weltbeste Handballer hat sich ins Leben zurückgekämpft.

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Bei einem Zusammenprall im Europapokalspiel seines VfL Gummersbach in Ungarn verletzt sich Joachim Deckarm schwer.
Bei einem Zusammenprall im Europapokalspiel seines VfL Gummersbach in Ungarn verletzt sich Joachim Deckarm schwer. ©  dpa

Von Oliver Mucha

An seine Tragödie wird Joachim „Jo“ Deckarm täglich erinnert. An der Wand seines Zimmers im Evangelischen Seniorenzentrum in Gummersbach hängt ein Wimpel des Klubs Banyasz Tatabanya aus Ungarn. Dort endete an diesem Samstag vor 40 Jahren im Halbfinal-Rückspiel des Europacups der Pokalsieger die Karriere eines der weltbesten Handballer auf tragische Weise.

Deckarm prallte im Trikot des VfL Gummersbach mit Lajos Panovics zusammen und schlug ungebremst mit dem Kopf auf den nur mit einer dünnen PVC-Schicht belegten Betonboden auf. Er fiel für 131 Tage ins Koma. „Nach dem Spiel saßen wir alle in der Kabine und haben geheult, weil wir dachten, Jo sei tot“, sagte Heiner Brand.

So schlimm war es nicht, doch aus Deckarm wurde ein Pflegefall. Der 1,94 Meter große Koloss musste alles neu erlernen: essen, sprechen, laufen. Doch mit einer unbändigen Willenskraft und unter Anleitung seines früheren Trainers Werner Hürter kämpfte sich der heute 65-Jährige zurück ins Leben, begleitet von seinem Motto: „Ich kann, ich will, ich muss.“

Große Unterstützung erfuhr er dabei von der Handball-Familie. Seine Weltmeister-Teamkollegen von 1978 haben ihn nie vergessen, besonders Brand erweist sich in der Not als treuer Freund. „Es ist ein großes Gefühl, zu einer Mannschaft zu gehören“, sagt Deckarm.

Mit dieser Mannschaft feierte er ein Jahr vor seinem Unfall, der alles veränderte, seinen größten Triumph. Mit sechs Toren im Finale gegen die schier übermächtige Sowjetunion führte Deckarm die Auswahl des Deutschen Handballbundes in Kopenhagen zum WM-Triumph. Bundestrainer Vlado Stenzel bezeichnete ihn später als „besten Handballer aller Zeiten“.

Joachim Deckarm ist inzwischen im Rollstuhl unterwegs, und er genießt seine öffentlichen Auftritte. 
Joachim Deckarm ist inzwischen im Rollstuhl unterwegs, und er genießt seine öffentlichen Auftritte.  © Eibner

Doch am 30. März 1979 folgte der Schock. Nach dem Unglück schwebte Deckarm lange in Lebensgefahr. Die schreckliche Diagnose in der Budapester Johannis-Klinik: doppelter Schädelbasisbruch, Quetschungen des Haupthirns, Riss in der Hirnhaut. Unter dem Dach der Deutschen Sporthilfe wurde ein Fonds gegründet, damit die Kosten der aufwendigen Behandlungen gedeckt sind. „Nach dem Unfall waren wir alle in der Verantwortung. Ich vielleicht ganz besonders, weil wir so viel zusammen erlebt haben“, sagte Brand.

Deckarm tut der Zuspruch seiner alten Weggefährten gut – und er stellt sich seiner Vergangenheit. 2014 reiste er mit Brand nach Tatabanya und traf Lajos Panovics. „Es ist eine unfassbare Tragödie, die uns verbindet“, sagte der Ungar danach.

Doch Deckarm lässt sich davon nicht unterkriegen – bis heute. Das Sprechen fällt ihm zwar schwer, doch nach dem Umzug im vergangenen Herbst von seiner Heimatstadt Saarbrücken nach Gummersbach, wo er in Vollzeit gepflegt werden kann, blüht er richtig auf. Über Siege bei Würfelspielen mit Brand freut er sich ebenso wie früher über einen gelungenen Torwurf. Schachspieler Deckarm scherzt herum und sucht die Nähe zu Menschen.

Seine öffentlichen Auftritte genießt er. Am 7. April wird Deckarm gemeinsam mit den ebenfalls schwer verunglückten ehemaligen Topathleten Kristina Vogel und Ronny Ziesmer bei der Endrunde um den DHB-Pokal in Hamburg zu Gast sein. Bei der Heim-WM in Januar sangen ihm 20.000 Menschen in der Kölner Arena ein Ständchen zum 65. Geburtstag, auch in der Halle seines Ex-Klubs VfL Gummersbach ist er inzwischen wieder Stammgast. Die Anspannung sei weg, erzählt er. Die Wege seien kurz, er komme nach einer schwierigen Zeit zuletzt in Saarbrücken, wo er erst im Elternhaus bei seiner Mutter und nach deren Tod in einer Betreuungseinrichtung lebte, wieder zur Ruhe.

Deckarm, der nie den Mut verlor, ist ein Vorbild. Als „besonderer Kämpfer“ wurde er im Jahr 2013 in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen. Ein beispielloser Kämpfer ist er bis heute. Viermal in der Woche trainiert er im Kraftraum, um seinen körperlichen Zustand weiter zu verbessern. Und wenn er danach zurück in sein Zimmer kommt, erinnert ihn ein Blick an die Wand wieder an die Tragödie von Tatabanya, die sein Leben für immer verändert hat. (sid)