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Die Tuberkulose war nie weg

Die Fachklinik Coswig behandelt jährlich 50 Neuerkrankungen. Manchmal müssen die Ärzte die Bakterien überlisten.

© Arvid Müller

Coswig. Vor einigen Jahrzehnten noch war die Diagnose Tuberkulose selbst in West- und Mitteleuropa nicht selten ein Todesurteil. Durch Nahrungsmangel und andere Krankheiten sowieso schon geschwächte Patienten hatten den Tuberkelbakterien kaum etwas entgegenzusetzen. Als dann Antibiotika ganz neue Heilungschancen eröffneten, entstand die Illusion, die Krankheit könne ausgerottet werden. Zu DDR-Zeiten wurde gar propagiert, es gebe sie nicht mehr.

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Privat-Dozent Dr. Dirk Koschel weiß es besser. Die Tuberkulose war nie weg, sagt der Chefarzt Innere/Pneumologie im Fachkrankenhaus Coswig. Ärzte und Pflegepersonal haben hier täglich damit zu tun. Ihre Erfahrungen geben die Mediziner regelmäßig weiter. Auch bei Fachtagungen. Am Mittwoch fand die 15. zum Thema Tuberkulose statt. Im Radisson Radebeul, weil die Räume in der Coswiger Klinik inzwischen zu klein sind für alle Interessenten. Diesmal waren es 110 Teilnehmer. Lungenärzte, Allgemeinmediziner, Ärzte und nicht-ärztliche Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Nicht nur aus Sachsen.

Ständiger Informationsaustausch und zunehmendes Interesse an neuen Erkenntnissen bedeuten allerdings nicht, dass die Tuberkulosegefahr zunimmt. Dirk Koschel warnt vor Panikmache und kann das mit Zahlen belegen. Die SZ hat mit ihm über die Bedeutung der Krankheit in Sachsen gesprochen.

Herr Dr. Koschel, welche Rolle spielt die Tuberkulose in unserem Alltag?

Einige Zahlen machen die Entwicklung deutlich. 1991 gab es in Westdeutschland circa 18 Erkrankte auf 100 000 Menschen, im Osten waren es circa 13. Jetzt ist Sachsen bei 5,3 Erkrankten, der Bundesdurchschnitt bei 6,7, immer auf 100 000 Personen bezogen. Als die Flüchtlinge kamen, 2015, lagen die Erkrankungszahlen auf dem Stand wie zehn Jahre zuvor. Also etwas höher als jetzt.

Wie lauten jetzt die absoluten Zahlen in Sachsen und im Landkreis Meißen, wie hat sich das seit 2015 entwickelt?

In Sachsen erkranken seit 2015 konstant circa 200 Patienten jährlich an Tuberkulose, davon circa 14 im Landkreis Meißen.

Was macht die Tuberkulose für Sie und andere Lungenärzte zu einem besonderen Thema?

Die Tuberkulose ist zwar selten, aber wird daher auch leider häufig nicht rechtzeitig erkannt. Andererseits beschäftigt uns vor allem die Resistenz der Erreger auf unsere Standardbehandlung. Das Bakterium ist schlau. Es verändert sich, lässt sich dann durch ein bestimmtes Antibiotikum nicht mehr bekämpfen. Das geht bis zu extremen Resistenzen, wie sie in Osteuropa oder Zentralasien vorkommen. Das Bakterium passt sich an die Lebenssituation an, ist dann nur sehr schwer zu behandeln. Das kann sehr teuer und sehr aufwendig werden und schon mal im Einzelfall mit einem ganzjährigen stationären Aufenthalt verbunden sein.

Wobei zu sagen ist, dass Resistenzen nur bei weniger als zehn Prozent der Patienten auftreten.

Wie können Sie überhaupt feststellen, ob eine Resistenz vorhanden ist?

Im Labor schauen wir auf die Gene des Bakteriums. Finden wir Resistenzen, steigen wir auf Reserveantibiotika um. Um eine resistente Tuberkulose zu behandeln, braucht es viel Erfahrung.

Muss ich da jetzt nicht doch ein wenig Angst haben, dass ich mich schnell anstecken könnte?

Tuberkulose ist zwar eine Infektionskrankheit, aber nicht hoch ansteckend, wie die Grippe, Influenza, wo einmal husten oder niesen reicht, und der Nachbar hat sie auch. Um sich mit Tuberkulose anzustecken, müssten Sie mit dem Erkrankten mehrere Stunden Kontakt in einem Raum haben. Da reicht es nicht, wenn ein Erkrankter auf dem Zebrastreifen an Ihnen vorbei geht und hustet.

Wann sollte ich mich sorgen, ob ich an Tbc erkrankt bin?

Husten, Auswurf, Gewichtsverlust und Nachtschweiß können auf Tuberkulose hindeuten. Ein Röntgenbild und die Überprüfung des Auswurfs bringen Klarheit. Ist es Tuberkulose, haben Sie eine heilbare Krankheit. Ein halbes Jahr lang werden Sie in der Regel behandelt, initial erhalten Sie vier verschiedene Antibiotika in Kombination, nach zwei Monaten noch zwei, bei ansteckender Tuberkulose verbunden mit einem stationären Aufenthalt.

Die Behandlung kann bei schweren Formen einer Resistenz allerdings bis zu zwei Jahre dauern.

Sind auch Todesfälle zu verzeichnen?

Der Tod an Tuberkulose ist bei uns die absolute Ausnahme, 2017 sind drei Patienten in Sachsen verstorben, alle in sehr hohem Alter und von weiteren schweren Krankheiten betroffen.

Heißt das, sie gehörten zu einer Risikogruppe?

Prinzipiell sind Menschen mit einer Abwehrschwäche stärker gefährdet. Die Ursache dafür können HIV, andere Begleiterkrankungen oder dafür notwendige Medikamente, Alkoholismus, Drogenmissbrauch oder Obdachlosigkeit sein.

Kann ich der Tuberkulose vorbeugen ? Mit einer Impfung wie zu DDR-Zeiten?

Diese Impfung gab es nur bis Anfang der 90er-Jahre. Weil die Effektivität zu gering und die Nebenwirkungen zu groß sind, wird das heute nicht mehr gemacht.

Infiziert bedeutet nicht erkrankt. Nur fünf bis zehn Prozent der Infizierten erkranken an aktiver Tuberkulose, manche erst nach vielen Jahren. Was bedeutet das für Menschen, die häufig Kontakt zu Tbc-Kranken haben? Sie könnten ja unbemerkt die Krankheit in sich tragen, die dann irgendwann mal ausbrechen kann?

Die Infektion lässt sich mit einem Bluttest nachweisen. Das ist wichtig für Personen mit einem deutlich erhöhten Infektionsrisiko, beispielsweise bei Mitarbeitern des Gesundheitswesens. Wird da eine Infektion festgestellt, gibt es eine präventive Therapie mit ein bis zwei Tuberkulose-Medikamenten über mehrere Monate.

Wie gesagt, die richtige Tuberkulose-Behandlung umfasst mindestens vier Medikamente.

Wie viele Tuberkulosepatienten werden in Coswig behandelt?

Wir nehmen jährlich 50 Neuerkrankungen auf, aus ganz Sachsen. Bei 80 Prozent der Patienten geht es um die Lunge. Die übrigen Patienten leiden an Darm-, Knochen oder Lymphknotentuberkulose. Über das Blut gelangen die Bakterien an andere Organe.

Gespräch: Ines Scholze-Luft