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Die unbequeme Kreuzung

Die Ecke Grenzweg, Karl-Eichler- und Friesenstraße ist kein Unfallschwerpunkt – doch sie hat ihre Tücken.

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© Schermann

Von Ralph Schermann

Der junge Mann war noch Stunden nach dem Unfall ganz verdattert: „Der war einfach da und ist mir reingeknallt“, sagt er. Dabei kennt er die Unfallstelle wie seine Westentasche: „Schon zigmal bin ich in Richtung Landeskronsiedlung hier problemlos langgefahren.“ Bis zum 3. Mai, jenem Tag, als der Verkehrsspiegel beschlagen war, er sich langsam vortastete und das Auto aus Biesnitz dann doch übersah.

Die Grafik zeigt: Linksabbieger vom Grenzweg (gelb) müssen Gegenverkehr (rot) durchlassen.
Die Grafik zeigt: Linksabbieger vom Grenzweg (gelb) müssen Gegenverkehr (rot) durchlassen.

Es geht um jene Kreuzung an der Stadtteilgrenze zwischen Biesnitz und Rauschwalde, wo die Karl-Eichler- in die Friesenstraße mündet und links und rechts der Grenzweg einmündet. Nachdem die Friesenstraße ausgebaut wurde, gilt hier nicht mehr Tempo 30 wie einst, sondern darf mit 50 km/h gefahren werden. Auch in der leichten Kurve der Kreuzung, die aus dem Grenzweg schwer einsehbar ist und deshalb zur Unterstützung der Orientierung Verkehrsspiegel bekam. Immer wieder beschweren sich Bürger darüber – über die 50 km/h ebenso wie über die schlechte Sicht, wegen der zumindest das Stück Grenzweg aus Richtung Rosa-Luxemburg-Straße zur Sackgasse werden müsste. Der jüngste Unfall kurbelte die ortsüblichen Diskussionen mal wieder gehörig an, und doch lautet die Antwort sowohl von der Polizei als auch von der Straßenverkehrsbehörde im Görlitzer Rathaus wie immer: „Diese Kreuzung ist nicht außerhalb der Norm. Sie ist höchstens etwas unbequem.“

Vielleicht erinnert sich sogar Sabine Ullmann an ihre Kritik zu dieser Kreuzung? Sie schrieb jedenfalls die erste Leseranfrage dazu – am 16. Juni 1988. Damals war die Abteilung Verkehrspolizei des VPKA zuständig, und deren Chef, Hauptmann Werner Hilger, antwortete, dass diese Ecke keinen Unfallschwerpunkt darstelle und ohnehin geplant sei, „die Führung der Karl-Eichler-Straße in gerader Linie weiter bis direkt zur Friesenstraße“ zu führen. So geschah es auch. Das DDR-Straßenbauprojekt wurde nach der Wende noch verwirklicht. Doch gerade die nun entstandene Kreuzung sorgt für weitere Leserfragen, und alle lauten sie so ähnlich, wie es Steffen Burak 2008 zusammenfasste: „Dort ist immer unklar, wer zuerst aus dem Grenzweg in die Eichler-Straße abbiegt.“ Auch Raphael Schmidt, damals Stadtrat, beschäftigte mit einer langen Anfrage die Stadtverwaltung mit seitenlangem Schriftwechsel. Er allerdings behauptet, wie 1988 Leserin Ullmann, eine angebliche hohe Unfallgefahr.

„Die gibt es hier nicht“, entgegnet Tobias Sprunk von der Polizeidirektion Görlitz: „Bei dieser Kreuzung handelt es sich aus polizeilicher Sicht um keine Unfallhäufungsstelle.“ 2013 registrierten die Beamten dort vier Unfälle, wobei aber nur zwei im Zusammenhang mit einem Einbiege- oder Kreuzungsvorgang standen. Das war in den Vorjahren ähnlich, bis zehn Jahre zurück nennt die Statistik relativ wenig Unfälle, und wenn, dann mehr wegen Alkoholeinfluss, falscher Geschwindigkeit oder anderen als Vorfahrt-Ursachen. 2014 gab es zwei Unfälle, dabei wurde eine Person leicht verletzt. 2015 wurde ein Unfall registriert, 2016 bisher ebenfalls einer. Statistisch ist das nicht viel für eine Kreuzung, über die täglich allein von und zur Friesenstraße gezählt 6 300 Kraftfahrzeuge rollen (Anteil Schwerverkehr 2,8 Prozent).

Warum aber ist diese Ecke dennoch bei den Kraftfahrern so in aller Munde? „Weil es sich um eine unbequeme Kreuzung handelt“, sagt ein Polizeisprecher. Und ein nicht genannt werden wollender Verkehrsplaner gesteht: „Baulich ist das nicht schön gelöst. Es war das Optimum, das man an Kompromissen herausholen konnte.“

Erinnern wir uns: Mit der geraden Durchfahrt zur Friesenstraße wurde einst ein wirklicher Unfallschwerpunkt abgebaut, nämlich das Fahren erst rechts in den Grenzweg und dann wieder links mit schlechter Sicht auf den Gegenverkehr. Dass die nun querenden Fahrbahnen des Grenzweges um eine Straßenbreite versetzt wurden, hing mit der Sicherung der nahen Grundstücke zusammen, die obendrein Lärmschutzwände erhielten, die zusammen mit einer privaten Hecke die Sicht behindern. Weil das so ist, wurden unterschiedliche Vorfahrtzeichen angeordnet (Stoppschild aus Richtung Gärtnerei) und ein Verkehrsspiegel montiert. Immer mal wieder werden anhand einer dreiseitigen Checkliste alle Parameter geprüft – und stets für ausreichend befunden. Maße, Ausstattungen und Sichtwinkel sind eingehalten. Die Kreuzung bleibt dennoch ein Kompromiss – allerdings sehen ihn weder Polizei noch Verkehrsbehörde so dramatisch, wie immer wieder behauptet wird.