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Die Unvollendete

Nur fünf Kilometer fehlen von der neuen B 178 bis zur A 4. Doch jetzt hat das Projekt einen erneuten Rückschlag erlitten.

© Uwe Soeder

Von Thomas Mielke und Stefan Schramm

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Mit Oppacher gelassen losradeln

Eine ausgedehnte Fahrradtour ist fabelhaft – wenn sie gut vorbereitet ist.

Aus vier Spuren werden zwei, lautet bislang die Devise am Ende der Ausbaustrecke der Bundesstraße 178 nahe Nostitz. Kurz darauf endet die neue Trasse von Zittau über Löbau auf einem Acker, nahe der Einmündung der Staatsstraße von Krappe nach Niederkotitz. Eigentlich soll die B 178 die südliche Oberlausitz besser an die Autobahn anbinden, doch das entscheidende Stück dafür fehlt: der etwa fünf Kilometer lange Abschnitt bis zur A 4 bei Weißenberg. Allen Hoffnungen auf einen baldigen Lückenschluss zuwider haben die Landesdirektion und das sächsische Verkehrsministerium nun bestätigt: Im Jahr 2015 wird es dort keinen Baubeginn mehr geben.

Denn: Der Freistaat plant die Strecke noch mal um. Sie soll nur noch drei Spuren haben. „Grundsätzlich ist eine Planung mit einem geringeren Querschnitt als bislang geplant notwendig“, teilte das Ministerium auf SZ-Anfrage mit. „Daher ist ein vierspuriger Ausbau nach diesen Anforderungen nicht mehr möglich.“ Auf der neuen B 178 ergibt sich dann ein seltsames Bild. Die Autofahrer würden von der vierspurigen A 4 auf die dreispurige Bundesstraße wechseln. Bei Nostitz wird sie dann vierspurig, von Löbau bis zur Landesgrenze bei Zittau geht es dann erneut dreispurig weiter.

Zweifel an der Verkehrsbelastung

Der Grund für das Abspecken auf drei Spuren: Gegner der Trasse hatten bei einer Anhörung der Betroffenen im vergangenen Sommer in Löbau die bisher prognostizierte Verkehrsbelastung der Straße angezweifelt. Bisher waren für diese Planung Schätzungen für das Jahr 2020 maßgeblich, die von 17 500 Fahrzeugen pro Tag auf der neuen Straße ausgingen – was einen vierspurigen Ausbau gerechtfertigt hätte. Eine Prognose für das Jahr 2025 sagt mittlerweile jedoch nur noch 12 500 Autos am Tag voraus. „Insbesondere die abnehmende Verkehrsentwicklung hat die Planung des Projekts überholt“, so das Verkehrsministerium. „Hinzu kommt eine immer strengere Rechtsprechung gegen Trassen, die europäische Naturschutzgebiete queren.“ Eine Planfeststellung auf Basis der alten Zahlen sei juristisch angreifbar. „Die Straßenbauverwaltung wird nun mit höchster Priorität die geforderten neuen Planungsunterlagen mit einem reduzierten Straßenquerschnitt erarbeiten“, so Ministeriumssprecher Jens Jungmann. Nach der A 72 von Chemnitz nach Leipzig sei die B 178 das vorrangigste Verkehrsprojekt im Freistaat.

Während die SPD-Fraktion im sächsischen Landtag die neuen Planungen begrüßt, formiert sich im Altkreis Löbau-Zittau, aber auch in der Stadt Weißenberg Widerstand dagegen. „Die neue Verzögerung ist ein riesengroßer Mist. Irgendwann muss doch endlich mal eine Entscheidung fallen“, tobt Weißenbergs Bürgermeister Michael Staude (parteilos). Ihm sei die Umplanung nicht zuletzt deshalb unverständlich, weil Planfeststellungsverfahren die Steuerzahler Unsummen kosten. „Die meisten Bürger in Weißenberg ärgern sich über die Verzögerungen“, sagt Michael Staude.

Noch immer würden tagtäglich Sattelschlepper aus Tschechien und Polen über den gepflasterten Markt des Städtchens rollen. „Ich kann ihnen ja nicht mal einen Vorwurf machen, denn das Navigationssystem zeigt ihnen das als kürzeste Strecke an“, so der Bürgermeister weiter. Für die Einwohner sei es aber eine Zumutung. Auf der Ausweichroute in Richtung A 4 würden manche Brummis zudem den zweiten der beiden unmittelbar aufeinanderfolgenden Abzweige in Niederkotitz verpassen. „Mal nicht als Bürgermeister gesprochen, sondern aus meiner persönlichen Sicht kann die Straße ja gern auch dreispurig sein“, sagt Michael Staude. Denn im Raum Herrnhut funktioniere das ja auch. „Aber Hauptsache, sie wird auch mal gebaut!“

Katastrophe für die Region

Auch die Interessengruppe für die neue B 178 findet deutlich Worte. „Für die Region wäre das eine Katastrophe“, sagte Sprecher Michael Hiltscher. Man werde sich mit der Absage an den vierspurigen Ausbau nicht zufrieden geben. Bei der Bundesstraße handele es sich um eine internationale Vorrangtrasse und nicht um die Verbindung von ein paar Städten und Dörfern. Bei der Vorhersage der Verkehrsbelastung ist das seiner Meinung nach noch nicht stark genug berücksichtigt worden. Und er fordert alle Befürworter auf: „Die Region muss jetzt sagen, was sie will.“

Selbst der Verlauf ist wieder offen. Denn bei der Neuplanung müssen die Verkehrsexperten auch alternative Routen in Betracht ziehen, die die Einwender im Verfahren vorgeschlagen hatten. „Geprüft werden Trassen, die westlich der bisher geplanten Straßenachse an die Bundesautobahn 4 anbinden“, heißt es in der Antwort des Ministeriums an die SZ. Demnach wird der Knoten der B 178 mit der Autobahn nicht mehr bei Wasserkretscham gebaut, sondern weiter in Richtung Bautzen. Weißenbergs Bürgermeister fordert, dass es bei der östlich der Stadt geplanten Einmündung in die A 4 bleibt. „Die westliche Umgehung ergibt wieder neue Probleme, wäre also das Gleiche in grün“, bemerkt Michael Staude in Bezug auf das nordwestlich von Weißenberg gelegene Naturschutzgebiet Gröditzer Skala, das Stoff für weitere Konflikte berge. „Die ganze Diskussion über bedrohte Vögel und Fledermausarten entwickelt sich für mich zu einem Possenspiel ähnlich dem der Dresdner Waldschlößchenbrücke“, schimpft der Rathauschef.

Bislang hatten die Projektgegner insbesondere den Lebensraum der Singvogelart Ortolan als Argument gegen den Bau angeführt. Doch es gab noch zahlreiche weitere Einwände gegen das vor fünf Jahren beantragte Planfeststellungsverfahren. Wann es zum ersten Spatenstich kommt, ist derzeit noch nicht absehbar.

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