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Die USA machen Ernst im Abgas-Skandal

Volkswagen drohen wegen Verstoßes gegen Umweltgesetze neue Strafzahlungen in Höhe von mehreren Milliarden Dollar. Die Aktie stürzt ab.

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© dpa

Von Hannes Breustedt und Sebastian Raabe

Viel schlechter hätte das neue Jahr für Volkswagen nicht beginnen können. Die USA haben den Druck im Abgas-Skandal mit einer Zivilklage kräftig erhöht – die Luft für den deutschen Konzern wird immer dünner. „Durch die mutmaßlichen Falschangaben konnten fast 600 000 Dieselwagen im ganzen Land übermäßig die Luft verschmutzen und so unsere Gesundheit gefährden und die Verbraucher betrügen“, erklärte die zuständige Bundesanwältin Barbara L. McQuade. Die am Montag in Detroit, Michigan, eingereichte Klage sei nur der erste Schritt, um VW zur Rechenschaft zu ziehen. Die US-Justiz kündigte an, alle geeigneten Rechtsmittel auszuschöpfen.

Die US-Regierung wirft dem Autobauer, die Konzerntöchter Audi und Porsche eingeschlossen, Verstöße gegen das in den USA mit allen Mitteln von den Umweltbehörden verteidigte Luftreinhaltegesetz „Clean Air Act“ vor. VW hatte bereits im September zugegeben, mit einer „Defeat Device“ genannten Manipulations-Software bei Abgastests betrogen zu haben. Schlimmstenfalls droht den Wolfsburgern in den USA eine Strafe von 18 Milliarden Dollar (umgerechnet 16,7 Milliarden Euro). Dabei handelt es sich jedoch um ein theoretisches Höchstmaß. Experten zweifeln, ob diese Summe realistisch ist. Doch so oder so dürfte es teuer werden.

Klage kurz vor Automesse

Zu den Strafen, die das US-Justizministerium und die Umweltbehörden EPA und CARB verhängen könnten, kommen für VW diverse andere Risiken dazu. Auch mit Hunderten privaten Klägern muss sich der Konzern wegen Betrugs und Vertragsbruchs zivilrechtlich auseinandersetzen. Diese bei einem Gericht in Kalifornien gebündelten über 500 Klagen stellen ebenfalls ein erhebliches finanzielles Risiko für VW dar. Dazu kommen immense Kosten für den geplanten, aber bislang nicht von EPA und CARB abgesegneten Rückruf der betroffenen rund 580 000 Dieselfahrzeuge in den USA. Bisher reichen den Behörden die Vorschläge von VW nicht aus. Nicht akzeptabel sei das, was man bisher gesehen habe, heißt es in der Mitteilung des US-Justizministeriums.

Wenige Tage vor dem Beginn der wichtigen Detroiter Automesse sind die Nachrichten aus den USA für VW-Konzernchef Matthias Müller also alles andere als erfreulich. Während in Deutschland Ende Januar die Rückrufaktion beginnt, die zumindest die Manipulationen aus der Welt schaffen soll, scheint es auf der anderen Seite des Atlantiks deutlicher schwieriger für VW zu werden. Dort, bei der Umweltbehörde EPA, hatte der beispiellose Abgas-Skandal seinen Anfang genommen. Am 18. September hatte die Behörde die Manipulationen an Dieselautos öffentlich gemacht – und damit einen Sturm ausgelöst.

Weltweit seien elf Millionen Autos betroffen, musste Volkswagen einräumen. Viele Einzelheiten kamen nur nach und nach ans Licht. Der Konzern stürzte in die tiefste Krise seiner Geschichte, der Aktienkurs brach massiv ein. Nur wenige Tage konnte sich Konzernchef Martin Winterkorn im Amt halten. Danach kam Matthias Müller. Er verkündete schonungslose Aufklärung, maximale Transparenz und Lösungen für die betroffenen Fahrzeuge.

In den USA ist das Misstrauen allerdings groß, von einer Lösung ist man dort offenkundig ein ganzes Stück entfernt. Volkswagen hat bereits 6,7 Milliarden Euro für technische Nachbesserungen der manipulierten Dieselautos zurückgelegt. Ob das reicht, ist offen.

Doch wie war es zu den Manipulationen überhaupt gekommen? In den Jahren 2005 und 2006 hat VW massive Absatzprobleme in den USA. Erzrivale Toyota mit seiner Hybridtechnik ist auf dem US-Markt viel erfolgreicher. VW will auf den Diesel setzen. Die Wolfsburger Vorgabe lautet: Sauber, aber nicht zu teuer. Doch das ist technisch für die Ingenieure nicht zu schaffen. Die USA haben strengere Stickoxid-Grenzwerte als Europa. Die Lösung ist am Ende verhängnisvoll: Dank einer Manipulations-Software können die Autos die Grenzwerte zumindest auf dem Prüfstand einhalten. Nun kommt aus den USA die erste Quittung für diesen Betrug.

Die Vorzugsaktie der Wolfsburger drehte am Dienstagmorgen ins Minus und büßte bis Mittag teils rund fünf Prozent ein. Ein Konzernsprecher sagte am Dienstag, das Unternehmen sei in ständigem Austausch mit den US-Behörden. VW müsse die Klage nun zunächst im Detail überprüfen. Die Nachrichten aus den USA kommen für Deutschlands größten Konzern zur Unzeit. Nächste Woche startet in Detroit die US-Automesse. Sie gilt als Gradmesser für die Branche und den Erfolg der deutschen Fahrzeughersteller in den USA, dem nach China weltgrößten Automarkt. (dpa)