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Die Vermessung der Stadt

© Ronald Bonß

Per Smartphone erfasst die Firma Cyface, wo überall Schlaglöcher sind. Obwohl Navi-Anbieter davon profitieren könnten, sind diese noch zurückhaltend.

Von Stephan Hönigschmid

Manchmal ist es zum Verzweifeln. Weil ein Schlagloch auf das andere folgt, wird man bei der Fahrt durch die Stadt förmlich durchgeschüttelt. Wie gut wäre es da, wenn man eine Karte hätte, auf der alle Holperpisten eingezeichnet sind!

Diese Idee hatte vor einigen Jahren auch Klemens Muthmannn (33) vom Dresdner Start-up Cyface. „Klemens war im Herbst 2011 auf einer Tagung. Da er gern Rad fährt, hat er sich über die schlechten Straßen geärgert. Als er sich mit einem anderen Teilnehmer darüber unterhalten hat, schlug der vor, einen Messwagen ans Fahrrad zu hängen, um so die Daten für die Karte zu erfassen“, berichtet Cyface-Gründer Dirk Ackner.

Anstatt jedoch dem Rat seines Kollegen zu folgen, machte es bei Klemens Muthmann vielmehr „Klick“ – und er hatte eine bessere Idee. „Ihm ist in diesem Moment eingefallen, dass ein Messwagen überflüssig ist, weil auch ein normales Smartphone die gleichen Dienste leisten kann“, erzählt Dirk Ackner. Verantwortlich dafür sind Dinge wie Accelerometer, Gyroskop und Magnetometer, die in den Geräten verbaut sind. Sie sind zum Beispiel dafür verantwortlich, dass sich der Monitor mitdreht, wenn das Smartphone gedreht wird. Am Anfang treibt der Informatiker Muthmann das Projekt während seiner Promotion voran. Dabei konzipiert er auch einen Softwarealgorithmus, der essentiell ist, um die aufgezeichneten Daten auszuwerten.

„Aufgrund unserer Recherchen haben wir herausgefunden, dass das eine preiswerte Möglichkeit ist, den Straßenzustand darzustellen“, sagt Dirk Ackner. Während nämlich das bisherige Lasermessverfahren, das im Auftrag von Städten immer wieder mal durchgeführt wird, 200 bis 1000 Euro pro Kilometer koste, schlage die von Cyface erfundene Methode per Smartphone gerade einmal mit 10 Euro pro Kilometer zu Buche. „Wir sagen aber auch, dass wir das sehr genaue Laserverfahren nicht ersetzen können. Ergänzen können wir es aber schon“, betont Ackner.

Als ersten Ansprechpartner sehen Ackner und Muthmann sowie ihr dritter Kompagnon Armin Schnabel (27) zunächst die Stadt Dresden in Gestalt des Tiefbauamtes. Sie müssen sich aber schnell eines Besseren belehren lassen. „Uns wurde gesagt, dass dafür im Zweijahresplan kein Geld zur Verfügung steht. Die Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren, war nicht sehr groß“, erinnert sich Ackner an die Reaktion.

Unterkriegen lassen sich die mit einem Exist-Stipendium und anschließend mit einem Technologie- und Gründerstipendium der Sächsischen Aufbaubank ausgestatteten Gründer aber nicht. „Wir haben in dieser Situation etwas gelernt. Während wir die Ingenieurbüros anfangs für unsere Konkurrenten gehalten haben, erkannten wir nun, dass sie auch als Kunden interessant wären“, sagt Ackner und fügt an: „Die Ingenieurbüros konnten durch unsere Erfindung ihre Angebotspalette erweitern und größeren Kommunen, die beim teuren Laserverfahren nur Geld für die Hauptstraßen hatten, anbieten, dass auch die Nebenstraßen und Fahrradwege erfasst werden. Für kleinere Gemeinden mit wenig Geld war es so indes überhaupt erst möglich, den Service in Anspruch zu nehmen.“

Inzwischen hat Cyface, das seit Mai 2017 als GmbH firmiert, Kunden in ganz Deutschland. Unter anderem hat die Firma kürzlich einen Radweg am Frankfurter Flughafen vermessen, der demnächst erneuert werden soll. Gemeinsam mit der TU Dresden und dem Klima-Bündnis e.V. arbeitet das Unternehmen zudem in der Initiative Stadtradeln mit. Dabei wird per Smartphone untersucht, wie sich Radfahrer in der Stadt bewegen, um das Radverkehrskonzept zu verbessern.

Eine besonders naheliegende Anwendung ist hingegen noch nicht zustande gekommen: Der Einsatz in Navigationssystemen. „Wir haben zwar Kontakt mit Navi-Betreibern aufgenommen, aber bisher hat sich da noch nichts ergeben“, sagt Ackner. Dabei, so der 29-Jährige, ließen sich für Autofahrer durch die Vermeidung von schlechten Straßen etwa zehn Prozent Kraftstoff einsparen.