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Die wilden 20er im Sanatorium

In „Weidners Sanatorium“ am Dresdner Elbhang trafen sich die Vorkriegs-Promis. Die junge Bademeisterin Hertha Kammel erlebte Unglaubliches, wie ihr Sohn weiß.

Kay Haufe

Was für elegante Kleider! Immer wieder schaute die junge Masseurin Hertha Kammel vorsichtig in das Zimmer von Camilla Horn. Die gefeierte Schauspielerin war Ende der 1920er-Jahre Kurgast in Weidners Sanatorium, wo Kammel arbeitete. Manchmal durfte die hübsche Bedienstete eine Stola des Stars umlegen und drehte sich damit beglückt vor dem Spiegel hin und her. Wie liebte sie ihren Einsatzort.

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Auch Filmstar Lilian Harvey schrieb der Masseurin Hertha nette Zeilen.
Auch Filmstar Lilian Harvey schrieb der Masseurin Hertha nette Zeilen.
Eine Autogrammkarte mit Widmung von Leinwanddiva Camilla Horn.
Eine Autogrammkarte mit Widmung von Leinwanddiva Camilla Horn.
Hertha Kammel (vorn Mitte) zwischen anderen Angestellten im Weidnerschen Sanatorium.
Hertha Kammel (vorn Mitte) zwischen anderen Angestellten im Weidnerschen Sanatorium.

„Meine Mutter hat mir oft von ihrer Arbeit im berühmten Sanatorium am Elbhang erzählt. Sie war ja noch ganz jung und unglaublich beeindruckt vom Haus und den eleganten Gästen“, sagt Eberhard Quietzsch. Von Oktober 1928 bis November 1932 badete und massierte Hertha Kammel dort reiche Leute. Das Haus sei damals die nobelste Kuranstalt in ganz Dresden gewesen, sagt Quietzsch. „Noch einen Tick besser als Lahmanns Sanatorium.“

Der 78-Jährige muss es wissen, brachte seine Familie doch eine regelrechte Bademeister-Dynastie hervor. Schon Großvater Reinhold Kammel verdankte seiner Fingerfertigkeit beim Massieren gutes Trinkgeld. „Der war bei Heinrich Lahmann beschäftigt und behandelte nur berühmte Gäste“, sagt Quietzsch. Stolz holt er ein Zeugnis seines Opas hervor, unterschrieben von Lahmann persönlich. Auch ein Schreiben über die damaligen Dienstprämien hat Quietzsch sorgsam aufbewahrt. Die 35 Reichsmark Lohn pro Monat seien meist von den zugesteckten Scheinchen der Reichen und Schönen übertroffen worden. „Manche Banker gaben meinem Opa sogar Tipps, wie er sein Geld am besten anlegen soll“, erinnert sich Quietzsch an frühere Erzählungen des Großvaters.

Jeden Freitag durfte der kleine Eberhard mit seinen vier Cousins und Cousinen zum Baden ins Lahmann-Sanatorium. Das sei oft das schönste Ereignis der ganzen Woche gewesen. „Wir haben uns in die riesigen Wannen gelegt und rumgealbert, bevor uns Großvater mit dem Schlauch kalt abgespritzt hat“, erzählt der 78-Jährige lachend. Er weiß noch genau, wie er staunend die Gäste beobachtete, die im Smoking und in Abendkleidern abends ins benachbarte Parkhotel zum Tanz eilten.

„Das war in Weidners Sanatorium gar nicht gern gesehen. Hier galt gesunde Lebensweise als oberstes Gebot“, so bekam es Quietzsch von seiner Mutter erzählt. Doch nicht nur einmal hat Hertha Kammel die illustren Gäste aus der Beerenweinschenke an der Schwebebahn oder den Weinstuben in Loschwitz kommen sehen. „Die wollten sich amüsieren. Und am nächsten Tag wurde wieder diätisch gegessen. Denn zur Kur galt es ja, den Körper zu entgiften“, sagt Quietzsch. Sorgfältig aufgereiht liegen die Autogrammkarten früherer Leinwandgrößen auf seinem Tisch. Lilian Harvey ist dabei, Camilla Horn, Lil Dagover oder Fee Malten. „Frl. Hertha. Herzlichst gewidmet“, steht darauf oder „Für Fräulein Hertha in freundlicher Erinnerung“. Auch ein Foto des spanischen Fahrers vom Sanatorium liegt daneben. Der gut aussehende Südeuropäer, stets im Anzug, holte die Kurgäste im Auftrag Weidners mit einem polierten Nobelwagen vom Bahnhof ab oder fuhr sie in die Semperoper. Mit Hertha Kammel verstand der Chauffeur sich bestens und hat ihr später ein Foto von sich vor seinem eleganten Dienstwagen geschickt. Beide hatten eine Vorliebe für moderne Kleidung und Frisuren, über die sie sich gern austauschten, weiß Eberhard Quietzsch.

All die Fotos und Autogrammkarten habe seine Mutter gehütet wie einen Schatz. Genauso verfährt er nun mit den wertvollen Stücken. „Sie sind ein Stück Erinnerung an eine glanzvolle Zeit und natürlich an meine Mutter“, sagt Quietzsch. Bis zu ihrem Lebensende im Jahr 2000 hat Hertha Kammel von den Jahren bei Weidner geschwärmt. Doch seit ihrer Hochzeit 1933 mit Rudolf Quietzsch hat sie das Sanatorium nicht wiedergesehen. Das Gelände war nicht zugänglich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im dortigen Lazarett sowjetische Soldaten behandelt. Später diente es als Tuberkulose-Klinik der Volkspolizei, dann der Nationalen Volksarmee. „Doch gleich nach der Wende wurde das Areal wieder geöffnet“, sagt Eberhard Quietzsch.

Erinnerungen im Spiegelsaal

Seine Frau und er luden die Mutter ein, um im dortigen Restaurant Kaffee zu trinken. „Was glauben Sie, wie aufgeregt meine Mutter war. Wir saßen im Spiegelsaal. Sie hat alles wiedererkannt, weil die Einbauten alle noch erhalten sind“, sagt er. Sämtliche Erinnerungen kamen in seiner Mutter wieder hoch. Sie erzählte von den Tanzabenden, bei denen sie zusehen durfte. „Die Gebäude waren ja noch erhalten wie früher. Mutter wusste noch genau, welche Person in welchem Zimmer gewohnt hat“, erzählt ihr Sohn. Er freut sich, dass die Klinik jetzt aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und hier Wohnungen entstehen. „Als ich die Pläne dafür in der Zeitung gesehen habe, fielen mir die Erlebnisse und Dokumente meiner Mutter wieder ein. Es wäre doch schön, wenn die neuen Bewohner ein bisschen was aus der glanzvollen Zeit erfahren würden“, sagt Quietzsch und schaut auf seine Autogrammkarten.

Damit noch möglichst viele Leute Spaß daran haben und ihre Fantasie spielen lassen können, hat er alle alten Papiere laminieren lassen, denn sie seien ihm vorher langsam zerfallen. „Ich möchte helfen, ein Stück aus der Geschichte meiner Heimatstadt lebendig werden zu lassen. Bei mir hat das meine Mutter getan. Ich gebe die Anekdoten weiter, damit man sieht, was für einen Glamour es dort einst gab.“