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„Die Wildschweine sind nicht das Problem“

Der Tharandter Wildökologe Sven Herzog warnt vor Aktionismus bei der Jagd.

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© privat

Herr Professor Herzog, manche sagen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Afrikanische Schweinepest bei uns ankommt. Stimmt das?

Sicher ist es eine Frage der Zeit. Wie lang diese Zeit ist, wird davon abhängen, ob wir jetzt das Richtige tun.

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Und was wäre richtig?

Wir müssen am Weg ansetzen, auf dem die Krankheit zu uns kommt. Und sie kommt nicht über die Wildschweine zu uns, sondern höchstwahrscheinlich über die Menschen, über Fahrzeuge, über Essensreste. Wir müssen die einfachen Dinge erledigen, Autobahnparkplätze schweinesicher einzäunen zum Beispiel und die Mülltonnen vor Einbruch der Nacht leeren.

Aber die Krankheit rückt doch auch durch die Schweine selbst vor, oder?

Ja, aber nur sehr langsam, wenige Kilometer pro Jahr. Die Afrikanische Schweinepest führt sehr häufig und sehr schnell zum Tod der betroffenen Tiere. Einmal infiziert, haben sie gar nicht mehr die Gelegenheit, weit zu wandern. Sie werden apathisch und sterben.

Allenthalben wird jetzt gefordert, die Wildschweine vorbeugend zu dezimieren. Was halten Sie davon?

Ich sehe den Hype um die verstärkte Jagd kritisch. Sicher, wir sollten die Schweine straff bejagen, so wie bisher auch. Ob die Reduktion in dem Maße gelingt, dass die Ausbreitung der Schweinepest verhindert wird, wage ich aber zu bezweifeln. Vielleicht wird sie ein bisschen gebremst, aber sicher nicht gestoppt. Noch einmal: Die Tatsache, dass die Afrikanische Schweinepest aus dem Baltikum oder aus der Ukraine zu uns kommt, hat mit der Dichte von Wildschweinen bei uns absolut nichts zu tun, sondern damit, dass irgendwo ein Lasterfahrer oder ein Tourist sein Wurstbrot wegwirft.

Gerade läuft die Saison der großen Treibjagden. Von vielen wird das Treiben als effektiv befürwortet. Wie sehen Sie das im Hinblick auf die Seuche?

Ich bin nicht sicher, ob die vielen Drückjagden auf Schwarzwild wirklich etwas bringen oder ob sie eher kontraproduktiv sind. Außerdem: Es könnte doch sein, die Krankheit ist bereits irgendwo im Bestand. Wenn ich gerade dann die Schweine in Bewegung bringe, kann das erst recht zur Ausbreitung führen. Und noch wichtiger: Es kann vorkommen, dass in der Hektik die falschen Tiere geschossen werden, die erfahrenen Bachen, die eine Rotte sozusagen am Ort zusammenhalten, und die sich nicht in der Gegend herumtreiben lassen.

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Meiner Meinung nach nicht. Dadurch wird der Jagddruck, der ohnehin schon hoch ist, in die einzige verbliebene Ruhephase hineingetragen. Die Folge könnte sein, dass wir die Schweine noch mehr aufmischen und durcheinanderbringen. Wenn wir die Jagd erleichtern wollen, gibt es viel wichtigere Baustellen, etwa die überzogenen deutschen Vorschriften zum Transport und zur Aufbewahrung der Waffen.

Gespräch: Jörg Stock