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Die Wüstenstadt

Syrische Flüchtlinge haben im Staub Jordaniens aus einem Containerlager eine eigene Stadt errichtet. Unfreiwillig. Und niemand weiß, für wie lange.

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© Raphael Knipping

Von Bartholomäus von Laffert

Es sieht aus wie zu Hause in Syrien. Damals. Vor dem Krieg. Die reifen Weintrauben über Abu Hamads Gartentor, die bunten Käfige an der Wand, aus denen zwei Dutzend Kanarienvögel ihre Lieder trällern. Im Innenhof die Kinder, die lachend Fangen spielen, darüber schwebt der Geruch von Minze, die Abu Hamad zum Trocknen an einer Wäscheleine aufgehängt hat. Der 61-Jährige sitzt auf dem Rand eines kleinen Springbrunnens, typisch für alte syrische Wohnhäuser, und füttert die Tauben, die er hier züchtet. Er lächelt müde: „In Syrien haben wir einst im Paradies gelebt, hier in Jordanien haben wir versucht, es nachzubauen – ganz gelungen ist uns das nicht“.

Jugendliche im jordanischen Flüchtlingslager Al Zaatari, unweit der syrischen Grenze. Fast 80000 Menschen leben hier – viele schon seit Jahren.
Jugendliche im jordanischen Flüchtlingslager Al Zaatari, unweit der syrischen Grenze. Fast 80000 Menschen leben hier – viele schon seit Jahren. © Reuters

Denn die Fassade täuscht: Abu Hamad ist syrischer Flüchtling. Die Wände des Hauses sind aus Wellblech, Wasser hat der kleine Brunnen nie geführt, die Väter der lachenden Kinder sind seit vier Jahren tot. Abu Hamads neues Zuhause ist Zaatari, Jordanien, das größte Flüchtlingscamp im Nahen Osten; mit 80 000 Einwohnern das zweitgrößte der Welt.

Hierhin ist er mit seinen sechs Enkeln und den zwei Schwiegertöchtern geflohen, als Assads Bomben erst seine beiden Söhne und dann sein Haus zerfetzten. „Eigentlich wollten wir nur wenige Wochen bleiben, bis sich die Lage in Syrien beruhigt hat“, erinnert er sich, „inzwischen sind vier Jahre vergangen.“ Und in der Zwischenzeit hat sich Zaatari gewandelt.

2011 stampfte die jordanische Regierung das Camp für 120 000 syrische Flüchtlinge aus der Region Deraa im Süden Syriens aus dem grauen staubigen Wüstenboden. Die Flüchtlinge machten eine Stadt daraus. Als sich der Syrienkrieg verschärfte und baldige Rückkehr immer unwahrscheinlicher wurde, haben sich die Menschen kurzerhand Klein-Deraa nachgebaut. Mitten im jordanischen Niemandsland, 40 Kilometer südlich der syrischen Heimat. Sie fingen an, die vorgefertigten Container zu Wohnblöcken zusammenzuschieben, Hausnummern an die Wände zu pinseln und den Straßen Namen zu geben.

Die Hauptstraße tauften sie liebevoll „Champs-Élysées“. Hier schmiegen sich heute stickige Friseursalons an kleine Parfümerien. Hier duftet es nach frittierten Falafel-Bällchen und gerösteten Mandeln. Hier schreien Waschmaschinenverkäufer mit Obsthändlern um die Wette, während jugendliche Kuriere auf Fahrrädern Pizzen ausliefern. Mittendurch rollt Abu Hamad mit seinem Handwagen und versucht, seine schrill pfeifenden Kanarienvögel zu verkaufen.

„Was die Syrer in Zaatari aus dem Nichts geschaffen haben, ist weltweit einmalig für ein Flüchtlingscamp“, sagt Gavin White. Er ist der stellvertretende Camp-Manager des UNHCR, des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen, und damit so etwas wie der Vize-Bürgermeister. An der Wand seines Büro-Containers hängt eine Karte, deren Schachbrettmuster eher an eine Kleinstadt an der amerikanischen Ostküste erinnert als an ein Flüchtlingscamp. Schnurgerade Straßen, die die 24 000 Wohncontainer in zwölf Bezirke unterteilen. Zwei Krankenhäuser, in denen jede Woche 80 Babys auf die Welt kommen. Neun Schulen mit insgesamt 20 000 Schülern. Von Süd nach Nord zieht sich die 1,8 Kilometer lange „Champs-Élysées“. Symbolhaft für Zaataris ganz eigene Subökonomie.

Jeden Morgen bahnen sich lange Lkw-Karawanen aus den umliegenden Dörfern und Städten ihren Weg zum Camp. Es sind jordanische Kaufleute, die Zaataris Händler mit frischer Ware beliefern: Sie kommen mit schweren Obstkisten, mit Ladungen ausrangierter Küchengeräte und den neuesten Mode-Kollektionen aus Amman. Schon vor dem Krieg herrschte ein reger Handel zwischen den Menschen aus Deraa und den Jordaniern. In Zaatari haben die Händler nun einen neuen Absatzmarkt gefunden. Über Umwege landen die zwei Millionen Euro, die das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen im Monat für Zaataris Flüchtlinge aufbringt, so in der jordanischen Wirtschaft.

Das Land hat eine lange Flüchtlings-Tradition: Es waren palästinensische Flüchtlinge aus der Westbank, die in den 1950ern mithalfen, die Wirtschaft des Landes aufzubauen; nach dem Golf-Krieg 1990 und der US-Invasion 2003 kamen Tausende irakische Flüchtlinge hinzu. Trotzdem kommt es einem Wunder gleich, dass Jordanien unter der Last der syrischen Flüchtlinge nicht zusammengebrochen ist, dass es noch keine größeren Proteste in der Bevölkerung gab.

Immerhin wurden beim UNHCR seit 2011 über 650 000 Syrer als Flüchtlinge in Jordanien registriert, die Regierung geht gar von 1,4 Millionen aus. In manchen Städten des Nordens leben inzwischen mehr Syrer als Einheimische. Nach Angaben des Innenministeriums hat Jordanien bislang 11,5 Milliarden Euro für die Flüchtlinge aufgebracht, und dabei gerade einmal 3,5 Milliarden Euro an internationalen Unterstützungszahlungen erhalten.

Dabei hat insbesondere die EU großes Interesse daran, Jordanien zu stabilisieren und Flüchtlingen vor Ort Perspektiven zu bieten. Niemand will einen Exodus wie im Jahr 2015. Zehntausende verließen damals das Land mit dem Ziel Europa. Deshalb schloss die EU im Frühjahr nicht nur einen Deal mit Erdogan in der Türkei, sondern auch einen mit der Regierung in Amman: Brüssel verspricht günstige Kredite und einen erleichterten Zugang zum EU-Binnenmarkt. Im Gegenzug will die jordanische Regierung 50 000 Syrern eine Arbeitserlaubnis erteilen.

Bislang hatte die jordanische Regierung Menschen zwar aufgenommen, aber alles daran gesetzt, ihnen den Aufenthalt möglichst unangenehm zu gestalten. Der Zugang zum Arbeitsmarkt blieb ihnen gänzlich versperrt. Da nur die wenigsten Flüchtlinge von den 25 Euro leben können, die sie monatlich bekommen, arbeiten sie illegal. Für Hungerlöhne schuften sie auf Baustellen und in der Landwirtschaft. Jordanische Gering-Verdiener werden durch syrische Geringer-Verdiener ersetzt.

Damit es so weit nicht kommt, steckt die Regierung Flüchtlinge lieber in Camps wie Zaatari: Wer im Camp lebt, kommt dort so schnell nicht mehr heraus, findet keine Arbeit, integriert sich nicht und geht vielleicht schon bald zurück nach Syrien. So der Hintergedanke.

Wer die Möglichkeit hat, versucht deshalb, dem Camp zu entkommen. 80 Prozent der syrischen Flüchtlinge haben das bereits getan und versuchen ihr Glück inzwischen in den Städten. Die, die bleiben, haben sich in Zaatari eine Parallelwelt geschaffen. „60 Prozent der Erwachsenen in Zaatari haben ein Einkommen“, erklärt Gavin White vom UNHCR. „Entweder arbeiten sie in Minijobs beim Cash-for-work Programm der Vereinten Nationen, in einem der vielen Kleinunternehmen im Camp, oder illegal auf den umliegenden Feldern.“

Block Sieben, Straße 15, Hausnummer 57. Erschöpft sinkt Sheima auf die abgewetzte Matratze, das pinkfarbene T-Shirt ist verdreckt, das weiße Kopftuch klebt verschwitzt an der Stirn. Die Luft im Container ist stickig und heiß. An der Wand hängen ausgebleichte Bilder: Sheima lachend mit dem Springseil, Sheima mit viel zu großen Lederhandschuhen inmitten eines Fußballtores. Erinnerungen an eine bessere Zeit. Sheima ist erst 13 Jahre alt, doch Krieg und Flucht haben ihre Kindheit abrupt beendet.

Heute zeichnet ein hässliches Muster aus tiefen Schnitten und Schlieren die Haut auf ihren kleinen Händen. Ihr Rücken schmerzt. Es ist vier Uhr nachmittags, Sheima ist gerade vom Feld zurück, wohin sie mit der Mutter vor elf Stunden aufgebrochen ist. Um Kartoffeln zu ernten. Umgerechnet einen Euro Stundenlohn bekommen sie dafür.

Lieber würde Sheima in die Schule gehen, Englisch lernen – doch sie weiß, dass es wichtiger ist, der Familie zu helfen, erzählt sie. Den Eltern, den sechs jüngeren Geschwistern, damit sie Kleidung kaufen können für den Winter und trotzdem genug zu essen haben.

Sheima ist nur eines von über 3 000 Kindern, die in Zaatari arbeiten. „Kinderarbeit ist illegal, auch in Jordanien“, erklärt Sewar Sawaha von der Organisation „Save the Children“, „aber geht man nach dem Gesetz, dürfte hier sowieso niemand arbeiten.“ Mit Erziehungsprogrammen und Unterstützung für bedürftige Familien versucht ihre Organisation, dem entgegenzuwirken. „Es ist frustrierend, aber manchmal müssen wir einsehen, dass es für die Kinder besser ist zu arbeiten als zu hungern“, sagt Sawaha.

Denn obwohl sich die Menschen in Zaatari mit einer Menge Optimismus und noch mehr Herz ein neues Zuhause geschaffen haben, wollen die meisten nur eines: Zurück. In das echte Zuhause. Nach Syrien. „Sobald der Krieg vorbei ist, können wir Zaatari abbauen“, meint UNHCR-Mann Gavin White. „Die Menschen, die das Camp zu einer Stadt gemacht haben, werden zurückgehen und Syrien wieder aufbauen“, da ist er sich sicher. Schon jetzt halten viele die Ödnis der jordanischen Wüste nicht mehr aus. Das Eingesperrt-Sein im Camp, das man nur mit Ausreisebestätigung der Sicherheitsbehörden verlassen darf.

Jede Woche kehren schon jetzt nach Angaben des UNHCR zwischen 50 und 150 Flüchtlinge nach Syrien zurück.

Zurückkehren kann Sheima nicht. Wahrscheinlich nie wieder. Ihre Familie kommt aus Darayya, einem kleinen Vorort von Damaskus. Jahrelange Belagerung durch Assads Armee und der Versuch, die Stadt auszuhungern, bescherten Derayya traurige Berühmtheit. Sie zeigt ein Foto auf dem Handy ihres Vaters: ein ausgehöhltes, graues Gebäude. Das oberste Stockwerk ist weggebombt, ein drei Meter breites Loch klafft in der Wand.

„Sie haben alles abgeworfen, um uns zu töten: Raketen, Fässer, Gaskanister“, erzählt Sheima und schluckt. Noch immer zuckt sie zusammen, wenn jordanische Kampfjets des nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkts durch den Himmel donnern.

Heute ist der Himmel klar. Kein Flugzeug zu sehen, stattdessen ein Schwarm kreischender Tauben. Es sind die Tauben Abu Hamads. Keine weißen Friedenstauben, die Vögel sind grau-gescheckt. Ganz wie die Straßentauben in Deraa, Damaskus oder Dresden. So lässt sich schon aus der Ferne erkennen: Hier in Zaatari ist tatsächlich eine neue Stadt entstanden. Eine Stadt, die sich nie jemand gewünscht, und die niemand für möglich gehalten hätte. Eine Stadt, die heute trotzdem das Zuhause ist für 80 000 Menschen.