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Die Zelldetektive

Eine Dresdner Firma hat ein Gerät entwickelt, das auffällige Zellstrukturen in Millisekunden entdeckt. Dafür gab es den Gründerinnenpreis 2017.

© Jürgen Lösel

Von Ines Mallek-Klein

Ministerin Petra Köpping zuckt kurz zurück, als sie den Preis hört. Die zwei Quader, einer kaum größer als eine Mikrowelle, sind rund eine Viertelmillion Euro wert. „Ich fasse nichts an“, sagt die oberste Gleichstellungsbeauftragte des Freistaates schnell. Das Gerät trägt den Namen AcCellator, wurde entwickelt von der Zellmechanik Dresden GmbH und hat das Zeug, die Blut- und Zelldiagnostik zu revolutionieren. Weltweit.

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Nadine Schmieder-Galfe erklärt der Ministerin die Funktionsweise des Detektors. Die 33-Jährige ist auch der Grund für den ministeriellen Besuch im Bioinnovationszentrum Dresden: Nadine Schmieder-Galfe hat den Gründerinnenpreis 2017 gewonnen. Sie gehört zu dem fünfköpfigen Gründerteam der Zellmechanik. Sie bringt als Betriebswirtschaftlerin und Biotechnologin die optimalen Voraussetzungen mit, sagt Daniel Klaue, der dem Unternehmen als Geschäftsführer vorsteht.

Petra Köpping löst mit dem Besuch ihr Versprechen von der Preisverleihung ein, mit den Gründerinnen in Kontakt zu bleiben. Junge Unternehmen sind rar in Sachsen, junge Unternehmerinnen noch rarer. Das sächsische Gleichstellungsministerium möchte mit dem eigens ins Leben gerufenen Preis Gründerinnen motivieren, ihre Geschichte zu erzählen, um anderen Frauen Mut zu machen.

Nadine Schmieder-Galfe ist die einzige Frau im Team, doch das möchte sie nicht hervorgehoben wissen. Es geht um die fachliche Expertise und um eine gute Chemie im Team. Alle Mitglieder haben ihren finanziellen Beitrag zur GmbH-Gründung geleistet, aus der eigenen Tasche. Bis auf einen Anschubkredit für den Bau des ersten Gerätes, der längst zurückgezahlt ist, kommt das Unternehmen ohne fremdes Geld aus. Noch, denn wenn das nächste Ziel erreicht werden soll, wird man einen Kapitalgeber brauchen. Die Gründer möchten mit ihrer Diagnosetechnik die Labore der Kliniken erobern. Bis dato wird der AcCellator an Forscher und Wissenschaftler verkauft, die sich schwerpunktmäßig mit der Zellanalyse im Bereich der Grundlagenforschung beschäftigen.

Doch wie funktioniert das Gerät? Für den Ministerbesuch hat Nadine Schmieder-Galfe künstliches Blut mitgebracht. Das Treffen findet in einem Tagungsraum statt, nicht in einem Labor. „Wir dürfen hier also nicht mit echtem Blut arbeiten“, erklärt sie. Die Probe wird verdünnt und durch einen Kanal geschickt, der wenige Mikrometer misst. Die Zellen werden dabei vereinzelt und aufgrund der unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten in der Mitte beziehungsweise am Rand des Kanals unterschiedlich verformt. „Anhand der Verformung der Zelle können wir dann Rückschlüsse auf die Elastizität der Zelle ziehen, die wiederum etwas über den Aktivitätszustand der Zelle aussagt“, erläutert sie. Insbesondere bei den weißen Blutkörperchen, die für die Immunreaktion des Körpers auf eindringende Keime verantwortlich sind, kann eine veränderte Elastizität auf eine Entzündung im Körper hinweisen.

Die Analyse mit dem AcCellator erfolgt mit einer Hochgeschwindigkeitskamera in Echtzeit und ist damit wesentlich schneller als die bisherigen Methoden, erklärt Philipp Rosendahl, der mit seiner Diplomarbeit die Grundlage für das Patent gelegt hat. Bisher werden die Zellen einzeln unter dem Mikroskop untersucht und dazu mit einer winzig kleinen Pipette bearbeitet. Die Formstabilität entscheidet über die Diagnose. Allerdings schafft selbst ein sehr geübter und erfahrener Diagnostiker mit der herkömmlichen Methode nicht mehr als einhundert Zellen in einer Stunde. Das neue Verfahren dauert nur Sekunden.

Nadine Schmieder-Galfe könnte mit ihrer Ausbildung auch bei einem Pharmakonzern anfangen, sofort und gut bezahlt. Doch sie hat sich für den anderen Weg entschieden, für eine Ausgründung aus dem universitären Umfeld. Die Startchancen waren exzellent. Professor Jochen Guck, der das Projekt begleitet und aus dessen Labor die Zellmechanik 2015 ausgegründet wurde, hatte bereits 2013 mehr als 50 Kooperationspartner, die den AcCellator testen wollten. „Die konnten unmöglich alle nach Dresden kommen“, sagt Nadine Schmieder-Galfe. Da war klar, dass man mit dem Bau und der Vermarktung des Gerätes beginnen musste. Die Technologie war vorhanden, schwieriger war das Verfassen der Bedienungsanleitung. Die gibt es natürlich auch für den englischsprachigen Raum. Der deutsche Name Zellmechanik Dresden ist indes bewusst gewählt. Er steht für das Qualitätssiegel „Made in Germany“ und sei vom englischen „cell mechanics“ nicht so weit weg, als dass man es sich nicht herleiten könnte, begründet Geschäftsführer Klaue. Er ist mit der Geschäftsentwicklung zufrieden. Die Nachfrage stimmt, die Zahlen auch. Das Unternehmen schreibt schwarze Zahlen.

Auch 2018 wird der Sächsische Gründerinnenpreis verliehen. Noch bis 31. Oktober 2017 können sich Gründerinnen und Unternehmerinnen, die sich innerhalb der letzten sieben Jahre selbstständig gemacht haben, bewerben.