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„Die Zuschauer sehen nur den Springer landen“

Der Skisprung-Bundestrainer spricht über Anlauflängen, Transparenz und die Rückkehr von Richard Freitag.

© dpa

Seit fast zehn Jahren ist Werner Schuster Skisprung-Bundestrainer. In dieser Zeit führte der 48-Jährige die DSV-Adler zurück in die Weltspitze – gekrönt mit dem Mannschaftsgold bei den Olympischen Spielen in Sotschi 2014. Dabei siegt sich der Österreicher eher als defensiver Stratege. Nach der Vierschanzentournee zieht er Bilanz.

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Herr Schuster, Ihr Kollege Stefan Horngacher, der die polnischen Skispringer trainiert, hat gesagt, dass Richard Freitag bei der Vierschanzentournee der Einzige gewesen wäre, der Kamil Stoch hätte angreifen können. Sehen Sie das auch so?

Definitiv. Ich sehe Richard nach wie vor auf Augenhöhe mit Kamil im springerischen Bereich. Das konnte man auch auf den zwei ersten Tournee-Stationen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen sehen. Dann ist es in Innsbruck zum Sturz Richards gekommen. Damit war der Weg frei für Stoch, der von den beiden noch der komplettere Springer ist. Richard hat im Vergleich zu Kamil hin und wieder eine kleine Landeschwäche.

Was ist Ihnen bei Stochs Siegeszug durch die Tournee aufgefallen?

Zunächst einmal: Wenn einer es verdient hat, den Grand-Slam-Rekord zu brechen, dann ist es Kamil Stoch. Er ist seit Jahren ein toller Botschafter unseres Sports, ein außergewöhnlicher Athlet, der schon viele Titel gewonnen hat, und er ist auch abseits der Schanze ein netter Kerl. Er hat in Oberstdorf ein bisschen Glück gehabt mit den Bedingungen nach einer für ihn verkorksten Qualifikation. Dann ist er immer besser geworden. In Bischofshofen hat er einen Probesprung hingelegt, der war Wahnsinn. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie einen besseren Skisprung gesehen. Die Tournee war aber auch für ihn sehr anstrengend. Kamil ist nach dem letzten Sprung, mit dem er seinen großen Triumph perfekt gemacht hat, nicht nur vor Freude in den Schnee gefallen, sondern er fuhr auf der letzten Rille.

Gibt es einen Zeitplan für Freitags Rückkehr auf die Schanze?

Richard wird jetzt Anfang der Woche noch mal medizinisch gecheckt, ob er sporttauglich ist. Im besten Fall kann er am kommenden Wochenende zum Skifliegen am Kulm zurückkehren, wobei das die schwierigste Schanze im Jahr ist. Das werden wir uns gut überlegen. Für mich wäre es super, wenn ich ihn bis zur Skiflug-Weltmeisterschaft in zwei Wochen in Oberstdorf wiederkriegen würde.

Sie haben nach Freitags Sturz in Innsbruck die Jury kritisiert, weil der Anlauf Ihrer Meinung nach zu lang gewählt war. Sie haben damit auch generelle Zweifel an der Wettkampfführung des Technischen Delegierten aus Norwegen geäußert. Worum geht es Ihnen in dieser Sache?

Ich hab eine andere Philosophie als er und er eine andere als ich. Ich bin immer für eine defensive Wettkampfführung, er bevorzugt eine offensive. Man muss es so akzeptieren. Diese Leute geben auch ihr Bestes.

Was ist besser an einer defensiven Strategie?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In der Qualifikation von Innsbruck wurde der Anlauf immer wieder verändert. Am Ende war Richard Freitag mit 125 Metern auf Platz drei, der Österreicher Clemens Leitner mit 126 Metern auf Platz 42. Man muss sich vielleicht grundsätzlich unterhalten, ob das gut ist für die Transparenz des Skispringens. Wäre es nicht besser, wenn jemand, der nicht so gut ist, kürzer springt – und jemand, der gut ist, weiter?

Sie sind also für weniger Wechsel bei der Anlauflänge, damit die Zuschauer den Wettkampfverlauf besser verstehen können?

Man muss sich überlegen: Wo will das Skispringen hin? Man war auf einem guten Weg, hat viele Wettkämpfe von einer Luke abgelassen, hat sehr defensiv agiert und die Transparenz erhöht. Die Zuschauer sehen doch nur den Springer landen, sie können die Windpunkte nicht sehen. Und sie möchten doch ein bisschen eine Garantie haben, dass der, dem sie zujubeln, auch gut war. Ich frage mich: Macht das der Fan auf Dauer mit? Deswegen bin ich ein Vertreter einer eher defensiven Strategie. Irgendwann müssen sich die Verantwortlichen entscheiden.

In Ihrer Mannschaft tauchte während der Tournee ein neuer Helm auf, der auch Teile des Gesichts bedeckt. Welchen Vorteil bringt das?

Das kann ich Ihnen erst in ein paar Wochen sagen. Das Skispringen lebt von Innovationen. Abseits des Alltagsbetriebes laufen bei allen Top-Nationen solche Projekte. Es ist in dieser Sportart brutal schwer, noch etwas zu finden, das dir einen Vorteil verschafft. Man muss immer auf der Hut sein. Wir haben uns gesagt, dass wir diese Weiterentwicklung mal ausprobieren. Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler haben sich bereiterklärt, dies im Wettkampf zu tun. Der Helm springt nicht von alleine, aber ein Nachteil ist es definitiv nicht.

Notiert von Uwe Wicher.