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Diebe fahren auf Renault ab

Die französische Marke lag lange beim Autoklau in Görlitz auf hinteren Plätzen. Plötzlich scheint sie begehrt zu sein.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ralph Schermann

Auf der Reichenbacher Straße sucht ein Mann vergeblich seinen Renault. Vor 20 Minuten hat er ihn geparkt, nun ist er weg. Wenig später erlebt eine Frau ähnliches. Beide Autos tragen NOL-Kennzeichen, sind rund 15 000 Euro wert, verschwinden am helllichten Tag.

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Horst Büchner, Renault-Autohaus Büchner Görlitz: „Als Fachhändler hören wir unabhängig der Marke immer wieder von Diebstählen von Autos unserer Kunden. Mögliche Mittel dagegen sind aber politisch nicht gewollt: Grenzkontrolle, Videoüberwachung.“
Horst Büchner, Renault-Autohaus Büchner Görlitz: „Als Fachhändler hören wir unabhängig der Marke immer wieder von Diebstählen von Autos unserer Kunden. Mögliche Mittel dagegen sind aber politisch nicht gewollt: Grenzkontrolle, Videoüberwachung.“ © Wolfgang Wittchen
Tom Budig, PHV-Versicherungsmakler GmbH Görlitz: „Wenn ein Fahrzeugtyp besonders oft gestohlen wird, steigt seine Typklasse und somit der Versicherungsbeitrag. Grundsätzlich kann man aber nicht sagen, dass Renaults teurer werden als andere Marken.“
Tom Budig, PHV-Versicherungsmakler GmbH Görlitz: „Wenn ein Fahrzeugtyp besonders oft gestohlen wird, steigt seine Typklasse und somit der Versicherungsbeitrag. Grundsätzlich kann man aber nicht sagen, dass Renaults teurer werden als andere Marken.“ © Nikolai Schmidt

Ungewöhnlich ist die Marke: Renault lag bisher beim Autoklau auf dem elften Platz. „Nur“ 308 Diebe nahmen bundesweit im Vorjahr so ein Auto mit, während die negativen Spitzenreiter auf 5 308 (VW), 2 940 (Audi) oder 2 556 (BMW) kamen, gefolgt von Mercedes, Toyota, Skoda, Opel, Ford, Mazda und Honda. Jetzt aber scheint Renault gefragt zu sein: Seit Jahresbeginn verschwanden in Görlitz bereits drei Autos dieser Marke, neben fünf BMW, einem Ford und einem Seat. Dazu kamen versuchte Diebstähle an Renault, Golf und Opel.

Für die Polizei war Renault lange unauffällig. In der Oberlausitz wurden 2013 lediglich zehn solche Autos entwendet. 2014 änderte sich das. In den Kreisen Görlitz und Bautzen verschwanden 17 Renaults, überwiegend Neufahrzeuge, meist vom Typ Megane und Laguna. 2015 stieg die Zahl auf 26, darunter auch Typen wie Clio und Scenic. Und als Tatort wählten die Diebe nun verstärkt das Görlitzer Stadtgebiet.

Warum Renault Dieben zunehmend gefällt, ist eine Frage der organisierten Kriminalität. „Angebot und Nachfrage beherrschen auch den illegalen Automarkt“, sagt der Sprecher der Polizeidirektion Görlitz, Thomas Knaup. Wenn sich Täter so spezialisieren, geht das oft mit Einbrüchen in Werkstätten einher, in denen Diagnosegeräte gestohlen werden. „Damit können die Autodiebe mit wenig Aufwand ein Fahrzeug starten“, erklärt Thomas Knaup.

Das bestätigt auch Horst Büchner. Einst Werkstattgründer für Trabant und Mopeds steht er als geschäftsführender Gesellschafter mittlerweile an der Spitze der Büchner-Gruppe, die mit 187 Mitarbeitern Autohäuser in Görlitz sowie sieben weiteren Orten betreibt und das marktverantwortliche Unternehmen in Ostsachsen für die Marke Renault ist. Er achtet darauf, seine Diagnosegeräte gut zu sichern und ist auch sonst sehr aufmerksam, seit sich vor Jahren mal kriminelle Probefahrt-Kunden Schlüssel-Kopien anfertigten. Dass Diebe sich mittlerweile stärker für Renault interessieren, erfährt Horst Büchner von Kunden, vor allem dann, wenn Autos nach gescheiterten Klauversuchen zur Büchner-Gruppe kommen. „Um ins Auto zu kommen, zerschlagen die Täter meist eine kleine Seitenscheibe“, nennt der Fachmann die häufigste Beschädigung. „Oft sind auch gar keine Einheimischen betroffen, sondern Besucher der Region, die dann Görlitz und die Oberlausitz nicht gerade angenehm in Erinnerung behalten“, ergänzt Horst Büchner.

Betroffen könnten eines Tages alle Fahrer oft gestohlener Autotypen sein. Denn die Versicherer sammeln Daten auch von Diebstählen. Der Gesamtverband der deutschen Versicherer wertet diese Daten aus. So entstehen die für die Versicherung wichtigen Regional-, aber auch Typklassen. „Wenn festgestellt wird, dass ein Fahrzeugtyp besonders oft gestohlen wird, steigt seine Typklasse und somit der Versicherungsbeitrag im folgenden Jahr“, erklärt Tom Budig, geschäftsführender Gesellschafter der PHV Görlitz Versicherungsmakler mbH. Aber so pauschal gelte das dennoch nicht: „Grundsätzlich kann man nicht sagen, dass Renaults teurer werden als andere Marken. Es kommt immer auf das exakte Modell an.“ Und davon gibt es viele – zurzeit sind 2 498 Renault-Typen auf dem Markt, allein vom Clio gibt es 258 Modelle. Zudem ist das Diebstahlrisiko in der Teilkaskoversicherung abgedeckt. „Somit werden Preisänderungen nur diejenigen Renaultfahrer treffen, die zu Ihrer Kfz-Haftpflichtversicherung eine Teil-, oder eine Vollkaskoversicherung abgeschlossen haben“, sagt Budig. Die PHV Görlitz hat derzeit 1 703 Autos versichert und 2015 rund 500 Schäden reguliert. „Dass gerade Renault viel gestohlen wurde, ist dabei aber nicht aufgefallen.“

Grundsätzlich empfehlen Polizei und Versicherer den Einbau von Wegfahrsperren, zum Beispiel versteckte Schalter, die den Stromkreislauf oder die Benzinzufuhr im Auto unterbrechen. Horst Büchner indes ist überzeugt, dass es Grenzkontrollen bedarf, um die Diebstähle in den Griff zu bekommen. „Wenigstens viel mehr Stichproben als jetzt sollten es schon sein.“