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Diebe räubern auch auf Baby-Gräbern

Regelmäßig werden Figuren und Pflanzen auf Friedhöfen gestohlen. Selbst die Polizei ist machtlos gegen die Pietätlosigkeit.

© Eric Münch

Von Kay Haufe

Jede Woche besucht Jenny Schöne das Grab ihres Sohnes Leon. Er ist nur 22 Wochen alt geworden und liegt auf dem Johannisfriedhof. „Es tut mir gut, ihm nahe zu sein. Ich schmücke sein Erdenbettchen gern mit Plüschtieren, kleinen Laternen oder Figuren“, sagt die 29-Jährige. Doch vor jedem Besuch hat sie auch Angst, dass wieder etwas verschwunden ist. „Ständig wird etwas von Leons Grab gestohlen. Mal sind es Figuren, mal Pflanzen“, sagt sie. Über 40 Gegenstände hat sie schon eingebüßt. „Ich komme damit einfach nicht klar. Wer tut denn so etwas?“, fragt die junge Frau.

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Mehrfach hat sie sich an die Friedhofsverwaltung gewandt. Doch dort ist man machtlos. „Unser Friedhof ist sehr weitläufig. Einzelne Bereiche sind schwer einsehbar. Deshalb machen wir Rundgänge, die Gärtner sind sehr aufmerksam“, sagt Leiterin Beatrice Teichmann. „Doch selbst wenn wir eine Vermutung haben, dass jemand gestohlen hat, können wir diesen Verdacht schwer äußern. Denn es könnten immer unschuldige Angehörige sein“, so Teichmann.

Auch die Polizei bestätigt, dass die meisten Diebstähle auf Friedhöfen nicht aufgeklärt werden können. Wie der von Jenny Schöne, die ebenfalls Anzeige gegen unbekannt gestellt hat. „Dabei kommen viele Umstände zusammen. Meist bemerken die Angehörigen den Diebstahl erst nach einigen Tagen. Dann werden selten Unikate gestohlen, die zweifelsfrei identifiziert werden können“, sagt Pressesprecherin Jana Ulbricht. Lediglich 20 bis 30 Diebstähle würden jährlich von Friedhöfen gemeldet, quer über das gesamte Stadtgebiet verteilt. „Darunter fällt alles vom Statuen- und Handtaschen- bis zum Blumenklau“, sagt Ulbricht. Es sei jedoch klar, dass die wirkliche Zahl der Delikte weit höher liegt.

Jens Börner, der Leiter des Tolkewitzer Urnenhains, hört ebenfalls regelmäßig von gestohlenem Blumenschmuck. „Vom Totensonntagsgebinde bis zu Tannengrün wird alles mitgenommen“, sagt er. Zum Glück sei der Urnenhain vom Diebstahl von Grabplastiken und anderen Buntmetallen bisher verschont geblieben. „Wir können die Verärgerung der Betroffenen sehr gut nachvollziehen. Leider können wir nichts machen“, so der Friedhofsleiter. Besonders oft wurde in diesem Jahr der Friedhof der Weißiger Kirchgemeinde von Blumen- und Pflanzendieben heimgesucht. „Schalen verschwanden, Rosen und andere Pflanzen wurden in Größenordnungen ausgegraben“, sagt Christine Kämpfe von der Verwaltung.

Über zwei, drei Wochen im Sommer seien die Diebstähle zurückgegangen, um dann noch schlimmer zu werden. „Wir vermuten eine kleptomanische Person“, so Kämpfe. Um sich zu schützen, hätten die Angehörigen die Schalen alle auffällig gekennzeichnet. Doch keine tauchte bisher wieder auf.

Jenny Schöne kommt auch weiterhin zum Grab ihres Kindes. Inzwischen nimmt sie ihren 14 Monate alten Sohn Joel mit. „Ich erzähle ihm dort von seinem Bruder, der 2004 gestorben ist“, sagt sie. „Auch wenn mir viele raten, das Grab nicht so auffällig zu schmücken, werde ich das weiterhin tun“, sagt die Altenpflegerin. „Aber ich möchte, dass die Leute, die keinen Respekt vor toten Kindern haben, zur Verantwortung gezogen werden.“