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Diebstähle, Unfälle, Alkohol – und eine Leiche im Bett

Eigentlich ging es ums Schwarzfahren. Ein junger Leipziger steht nun wegen Mordes vor Gericht – doch es gibt noch viele Fragen.

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Von Sven Heitkamp, Leipzig

Benjamin O. wollte sich vor seinem Prozess wegen Schwarzfahrens drücken. Doch als sich die Polizei Zutritt zu seiner Leipziger Wohnung verschafft, finden die Beamten seine Freundin Annett S. tot unter einer Bettdecke. Offenbar Tage zuvor erdrosselt. Sie wurde gerade mal 21 Jahre alt. Jetzt sitzt der 24-jährige Benjamin O. wegen Mordes auf der Anklagebank.

Gegenüber der Polizei hat er bislang nur ausgesagt, er könne sich an eine solche Tat nicht erinnern. Ohnehin hat sein Verteidiger vielmehr den Bruder in Verdacht.

Nur 1,70 Meter groß, das rote Kapuzenshirt zum Schutz vor Fotografen ins blasse Gesicht gezogen, kleiner, auffallender Bauch, ausdrucksloses Gesicht. Ruhig und in sich gekehrt wirkt der Angeklagte, als er gestern früh in Handschellen in Saal 230 des Leipziger Landgerichts geführt wird und die Verhandlung verfolgt.

Chaotische Zustände

Beruf? „Nix“, sagt er. Eine Lehre nach dem Hauptschulabschluss hat er wieder geschmissen, dann schlägt er sich mit Jobs durch, knackt Autos, baut Unfälle. Vor Gericht erzählt er von Alkoholproblemen, Selbstmordversuchen, Psychopharmaka, von Verletzungen, die er sich immer wieder mit Rasierklingen an den Armen zufügt.

Auch beim Schwarzfahren wurde er erwischt. Doch als er sich vor dem Prozess drückt, ordnet das Amtsgericht einen „Sitzungshaftbefehl“ an und lässt ihn von der Polizei zu Hause abholen. Als ihn die Streifenbeamten am Morgen des 4.Februar kurz nach 6 Uhr in seiner Wohnung in Kleinzschocher wieder nicht antreffen, klopfen sie beim älteren Bruder an der Nachbartür. Der 36-Jährige hat einen Schlüssel, geht mit den Polizisten in die Wohnung – und die finden die unbekleidete Tote unter einer Decke liegend. Laut Anklage von Staatsanwältin Beate Herber wurde sie im Schlafzimmer vom Täter mit einem schwarzen Seil um den Hals erdrosselt. Abends wird Benjamin O. bei Verwandten in Bad Lausick verhaftet und sitzt seither in Untersuchungshaft. Zur Tat sagt er vor Gericht vorerst nichts.

Knapp zwei Jahre, seit Juni 2009, waren die beiden junge Leute ein Paar. Auf die Frage nach nicht gemachten und abgebrochenen Therapien sagt er: „Wir dachten, dass wir das auch so schaffen.“ Die Schilderungen der medizinischen Gutachter verfolgt er äußerlich fast regungslos, nur mit betretener Miene. Mehr nicht. Auch sein Bruder soll im Februar kaum mehr Reaktionen gezeigt haben, als in seinem Beisein die Leiche entdeckt wurde. „Die ist ja schon blau“ – mehr habe er nicht gesagt, erzählt die Polizeibeamtin, die dabei war. Daran wird sie sich noch lange erinnern. „Also, ich hätte da anders reagiert.“

Tatsächlich verdächtigt Rechtsanwalt Oliver Lucas, Benjamin O.s Pflichtverteidiger, eher den Bruder. Der hatte nicht nur den Wohnungsschlüssel und ist einschlägig wegen Sexualdelikten vorbestraft. Er soll vor der Polizei auch ungefragt erzählt haben, er hätte Geschlechtsverkehr mit dem späteren Opfer gehabt. Seinen Bruder hat er in der Haft bislang nicht besucht. Doch er wird bisher nicht beschuldigt und ist nur als Zeuge zum Prozess geladen.