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Diener des Doms

Normalerweise setzen sich Architekten mit ihrer Arbeit Denkmale. Knut Hauswald ist es jedoch recht, wenn sein Name vergessen wird – zumindest in einer Hinsicht.

© Claudia Hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Meißen. Knut Hauswald spricht langsam und überlegt, dabei wandert sein Blick immer wieder durch das Fenster seines Architekturbüros hoch über dem Meißner Plossen und bleibt am Grün vor dem Haus hängen. Ob man den Dom von hier aus sehen kann, habe er noch gar nicht getestet, erzählt der 55-Jährige, der seit Februar der neue Baumeister des gotischen Gotteshauses ist. „Aber von draußen sehe ich zumindest die Spitzen.“

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Auch wenn die Kathedrale jenseits der Innenstadt das Arbeitsleben des Freien Architekten also nur „bespitzelt“ – gerade zwei Monate nach seinem Amtsantritt als Nachfolger von Günter Donath nimmt sie schon eine monumentale Rolle darin ein.

So monumental, dass der 55-Jährige seinen bisherigen Werdegang fast wie eine kleine Pflichtübung abspult, bevor es endlich um das Wesentliche geht: geboren in Dresden, Anfang der Achtzigerjahre Architekturstudium an der TU, daneben bis heute Interesse für Archäologie und Denkmalpflege. Direkt nach dem Studium arbeitet Hauswald als Architekt in der Planungsabteilung des VEB Kreisbaubetriebs Meißen. Nach der Wende folgt der Schritt in die Selbstständigkeit und nach Projekten in der Altstadtsanierung kommen immer mehr Neubauten dazu. In Meißen gehen die Fachhochschule der sächsischen Verwaltung, das Berufsschulzentrum oder die Unfallkasse Sachsen auf sein Konto, in Sörnewitz das Sprachförderschulzentrum, außerdem mehrere Schulen in Dresden. Das sei, sagt Hauswald, was ihn von seinem Vorgänger Donath als Denkmalpfleger und Kirchenbauer unterscheide.

2013 promoviert Hauswald an der Bauhaus-Universität Weimar über die Entwicklung des städtischen Bürgerhauses in Meißen von den Anfängen bis zum 30-jährigen Krieg. „Und jetzt bin ich eben zum Dombaumeister berufen worden“, sagt er und es klingt fast wie ein Abschluss, als könnte das Gespräch über sein Leben an dieser Stelle schon vorbei sein. Und ein bisschen ist es das auch, denn nun betritt eine andere Hauptfigur die Bühne und stellt den Architekten in ihren gewaltigen Schatten. Und dem ist es ganz recht so.

„Verherrlichung Gottes in Stein gemeißelt“

Was der Meißner Dom ihm nämlich vor allem lehre, sagt Hauswald, sei Demut. „Der Dom ist ein Ort, der glücklich macht, weil er von etwas Größerem, von etwas Höherem kündigt.“ Sogar Atheisten spürten das, wenn sie die Kathedrale betreten, diese „Verherrlichung Gottes in Stein gemeißelt“. Dass die Namen und Lebensdaten seiner einstigen Erbauer unbekannt seien, habe einen wichtigen Grund. „Es war ihnen nicht wichtig, sich ein Denkmal zu schaffen“, so Hauswald, „der Einzelne war nicht wichtig, sondern das gemeinsame Werk. Davon kann man viel lernen.“

Vor allem in Zeiten des „hemmungslosen Individualismus“, wie es der 55-Jährige nennt. Wo es nicht gewünscht ist, dass eine Mutter ihren gebrauchten Kinderwagen an eine andere Mutter weitergibt, oder sich drei Leute ein Auto teilen. „Die Gemeinschaft ist konsumschädlich“, sagt Hauswald ein wenig bitter. Der Mensch sei jedoch nun mal ein Gemeinschaftswesen und seine Vereinzelung führe schließlich zu psychischen Krankheiten, die es früher gar nicht gegeben habe.

Warum dieser kleine kapitalismuskritische Exkurs? Knut Hauswald möchte auf etwas Bestimmtes hinaus: Bei der Stelle als Dombaumeister geht es nicht um sein Ego, nicht darum, sich jetzt selbst ein Denkmal zu setzen. Hauswald will nicht Meister über den Dom sein, sondern dessen Diener – ein Diener für die Gemeinschaft eben.

Und weil ein Diener irgendwo beginnen muss, werden im Kreuzgang gerade ein paar Sandsteinplatten ausgetauscht, damit dort nicht mal ein Besucher stolpert. Größere Baustellen bietet der Dom im Moment ohnehin nicht, Günter Donath habe ihm das Bauwerk, das nach der Wende fast baufällig war, in einem sehr guten Zustand hinterlassen. Natürlich muss hier und da saniert werden, aber für den Neuen bleibt so erst einmal Luft, sich an die Aufgabe heranzutasten.

Besucher von heute erwarten Eventkultur

Und eine erste Erkenntnis für Hauswald lautet: Dom und Albrechtsburg müssen stärker zusammenarbeiten, um für Touristen attraktiver zu werden. Um diese anzulocken, reiche es heute nicht mehr nur zu sagen, wir sind einer der schönsten Dome und stehen schon seit 1 000 Jahren hier. Die Besucher von heute erwarten Eventkultur, besondere Anlässe oder auch Sonderausstellungen. Damit hätten alle zu kämpfen, sagt Hauswald, auch Großstädte wie Berlin.

Neben Meißen kennt er die Hauptstadt besonders gut, im Winter ist er die meisten Wochenenden dort. Weil seine Frau eine Stelle in Berlin habe – Hauswald also eine „Wochenendehe“ führe – pendle er immer zwischen Berlin und Batzdorf.

In dem kleinen Dorf der Gemeinde Klipphausen wiederum, etwa zehn Minuten von Meißen entfernt, lebt der 55-Jährige – und zwar nicht irgendwie sondern auf dem dortigen Schloss. Ein Verein aus Freunden und Kollegen – Künstlern, Musikern, Restauratoren, insgesamt neun Wohnparteien – führt das Schloss, in dem auch Konzerte und Ausstellungen stattfinden. „Sozusagen eine genossenschaftliche Art des Zusammenlebens“, sagt Hauswald und lächelt.

Wenn seine Theorie mit der Vereinzelung und den psychischen Krankheiten stimmt, dann dürfte er hier kaum Gefahr laufen, dass ihn dieses Schicksal ereilen wird. Dafür sorgen vielleicht auch seine drei Kinder aus erster Ehe, zwei Söhne und eine Tochter im Alter von 21 bis 26.

Die seien eher „weltlich“ eingestellt, erzählt ihr Vater und lächelt vielsagend. Aber das werde sich sicher auch irgendwann ändern.

Überhaupt: Was ist die lächerliche Zeitspanne eines Menschenlebens verglichen mit der fast tausendjährigen Geschichte des Domes? Nicht viel, könnte man meinen. Doch dann tun sich ungewöhnliche Parallelen zwischen dem „Leben“ des Gotteshauses und dem seines Dieners auf. Zum Beispiel: Wie Knut Hauswald ist auch der Meißner Dom katholisch – beziehungsweise war er es zumindest einmal. Bis 1581 war er die Kirche der römisch-katholischen Bischöfe von Meißen. Erst mit der Reformation wurde er evangelisch. Der Blick des Katholiken Hauswald auf den Dom ist also auch der Blick seiner Erbauer.

Domherren leisteten Widerstand im Dritten Reich

Zum Glück für den neuen Dombaumeister sieht das auch das Hochstift Meißen so tolerant. Seine Konfession sei von Anfang an offen angesprochen worden, jedoch nie ein Problem gewesen, so Hauswald. Er sei außerdem mit einer Protestantin verheiratet und beide besuchten wechselnd Gottesdienste beider Kirchen. Und seine Eltern, verrät Hauswald noch, führten auch eine solche „Mischehe“.

Doch dem 55-Jährigen geht es schon wieder viel zu sehr um sich, wo es doch um das große Ganze gehen sollte. Und so springt er ganz locker fast 1050 Jahre zurück durch die Geschichte und zur Gründung des Hochstifts, um dann gleich wieder im 20. Jahrhundert zu landen. Was ihn wirklich beeindruckt habe, sei, wie das Domkapitel durch zwei Diktaturen gegangen sei, „ohne sich zu beschmutzen“. Im Dritten Reich habe nie ein Nationalsozialist in offizieller Funktion den Meißner Dom betreten, weil die Domherren Widerstand geleistet haben.

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Vor 30 Jahren hat Knut Hauswald sein Architektenbüro in Meißen gegründet. Mit seinem Team hat er das Bild der Stadt geprägt – nicht nur in Meißen.

Und auch in DDR-Zeiten war es nicht nur gelungen, den Dom trotz der Gleichgültigkeit des Staates zu erhalten, sondern immer eigenständig zu bleiben. Diese Dinge seien wohl den wenigsten Meißnern bewusst. Es sind Dinge, die selbst der demütigste Diener des Doms in einem Geschichtsbuch lesen möchte.