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Diese Inszenierungen sind geplant

Kathrin Kondaurow will den Broadway nach Dresden bringen und vieles anders machen.

Kathrin Kondaurow (l.) und ihre neue Artdirektorin Esra Rotthoff werben für den nächsten Spielplan. © Thomas Kretschel

Es scheint ein eisernes Gesetz im Theaterbetrieb zu sein, dass ein neuer Intendant zuerst mal das äußere Erscheinungsbild ändert. Künftig macht die Dresdner Staatsoperette nicht mehr mit dem Kürzel „So!“ in Pink auf sich aufmerksam. Künftig gibt es fünf gleich lange, schmale, weiße Balken übereinander und vier daneben. Damit eröffne sich ein faszinierendes Spektrum von Assoziationen, meint Kathrin Kondaurow, die das Haus ab nächster Spielzeit leitet. Sie sieht in dem Balkenblock wahlweise eine Tastatur, einen Gitarrenhals oder einen ausgerollten Teppich. Ihre neue Artdirektorin Esra Rotthoff denkt eher an „ein zeitgenössisches Yin und Yang“, also an Kräfte, die gegensätzlich miteinander verbunden sind. Wer mag, kann auch den Backstein des Kulturkraftwerks oder Notenlinien erkennen. „Wir wollen step by step das Image kreieren“, sagt die künftige Chefin, und jeder Marketing-Sprech-Dozent wäre davon begeistert. Jedenfalls geht es nicht holterdiepolter. Die Straßenbahnen werden noch eine Weile mit der „So!“-Werbung weiterrollen.

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Wichtiger als die äußeren Werte sind die inneren, und die wurden am Mittwoch beim Pressegespräch vorgestellt. Elf Stücke bleiben im Repertoire, darunter Klassiker wie „Frau Luna“, „My Fair Lady“ oder „Die Csárdásfürstin“. Doch Kathrin Kondaurow will nicht weniger als „das Genre Operette neu definieren“. Dabei greift sie zurück auf das Alte – auf das New Yorker Broadwaytheater, wo die Synthese von Kunst, Geschäft und Unterhaltung, Ernst und Unernst quasi erfunden wurde, und auf die Revuen der Zwanzigerjahre.

Mit einer Revue unter dem Titel „Hier und jetzt und himmelblau“ beginnt die Saison im Herbst 2019. Es ist ein Auftragswerk des Hauses für den Schauspieler, Dramatiker und Regisseur Jan Neumann. Als er vor einigen Jahren sein Stück „Gott allein“ am Dresdner Staatsschauspiel uraufführte, bekam er viel Beifall. Sein neuer Text bringt unterschiedlichste Besucher im Zuschauerraum eines Theaters zusammen. Ein paar Stunden lang können sie sich vereint fühlen durch die Musik. Sie spannt den Bogen von Operettenheiligen wie Leo Fall bis zu heutigen Popsängern wie Wincent Weiss. Da kann man auch auf das Bühnenbild gespannt sein. Cary Gayler stattet die provozierenden Inszenierungen von Volker Lösch aus, und irgendwas mit Pink wird ihr vermutlich nicht einfallen.

Glanz und Schatten der Revue soll die nächste Premiere zeigen: „Follies“ von Stephen Sondheim, 1971 am Broadway uraufgeführt. Dort stehen die einstigen Stars der Bühne noch einmal im Mittelpunkt. Kathrin Kondaurow will jedoch an die DDR-Künstler erinnern, die noch im alten Haus in Dresden-Leuben spielten. Die Inszenierung besorgt Martin G. Berger, ein viel gefragter Jungregisseur mit Neigung zum Schrägen und Experimentellen.

Tom Pauls als Schatzmeister

Ein Jacques Offenbach gehört unbedingt auf die Bühne, denn das freut den Kassenwart. Die Semperoper bringt „Die Großherzogin von Gerolstein“ heraus, und die Staatsoperette „Die Banditen“. Die Geschichte um falsche Bräute und Bärte ist so verwickelt, wie es sich für das Genre gehört. Merken muss man sich nur: Der Dresdner Kabarettist Tom Pauls spielt den korrupten Schatzmeister. Für die Regie zeichnet der knapp dreißigjährige Valentin Schwarz aus Österreich verantwortlich.

Die Regisseurin Sabine Hartmannshenn hat gerade in Chemnitz einen fantastischen „Siegfried“ inszeniert und damit alle Behauptungen von der Langatmigkeit dieses Werks widerlegt. Nun wechselt sie von Richard Wagner zu Ralph Benatzky und dessen „Casanova“, ein hübsches Kontrastprogramm. Benatzky nutzte Musik aus dem Nachlass von Johann Strauss, um das Leben des aristokratischen Frauenhelden in einer Revue-Operette zu erzählen. Die Comedian Harmonists feierten mit diesem Werk ihre ersten Triumphe.

Als letzte Premiere kommt mit „Emil und die Detektive“ ein Beinahe-Klassiker ins Theater, ein Musical nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Kästner. Alle Rollen auf der Bühne und im Orchestergraben werden von Laien gespielt, von Kindern und Jugendlichen. Die Regie liegt in den Händen von Swantje Lena Kleff, die mit Kinderstücken Erfahrung hat. Gemeinsam ist allen Regisseuren, dass sie am Deutschen Nationaltheater in Weimar arbeiteten oder noch arbeiten. Dort war Kathrin Kondaurow zuletzt beschäftigt. Sie hat den Weimarer „Sommernachtstraum“ zum Gastspiel eingeladen und aus Erfurt die Revue „Es liegt in der Luft“ von Mischa Spoliansky. Auch da wird das Lebensgefühl der Zwanzigerjahre heraufbeschworen.

Die künftige Intendantin sieht „große gesellschaftliche Parallelen“ zwischen dieser Zeit und der Gegenwart. „Dabei denke ich an die gesellschaftlichen Umbrüche, die wir erleben, auch im europäischen Kontext, ich denke an den Aufschwung der nationalen Bewegungen. Die Gesellschaft wird neu gedacht. Gerade die junge Generation reagiert viel politischer als noch vor einigen Jahren.“

In einer nächtlichen Gesprächsreihe zwischen Künstlern und Publikum soll es auch um solche Themen gehen. „Late Night Mitte“ heißt die Reihe, und Kathrin Kondaurow denkt dabei durchaus an ähnliche Unternehmungen im amerikanischen Fernsehen. Broadway in Fortsetzung.

Premieren 2019/2020

Hier und jetzt und himmelblau: Revue mit Musik von Leo Fall, Friedrich Hollaender, Sven Helbig u. a. (7. 9. 2019)

Follies: Musical von Stephen Sondheim, Musik und Gesangstexte, und James Goldman, Buch (2. 11. 2019)

Die Banditen: Opéra-bouffe von Jacques Offenbach (28. 2. 2020)

Casanova: Revue-Operette von Johann Strauss, bearbeitet von Ralph Benatzky, Libretto von Rudolf Schanzer und Ernst Welisch (16. 05. 2020)

Emil und die Detektive: Musical nach dem Kinderbuch von Erich Kästner, Musik von Mark Schubrig, Buch von Wolfgang Adenberg (12. 06. 2020)

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