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„Dieser Vorwurf ist absurd“

Im Interview mit der SZ findet Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig deutliche Worte für die Kritik an seinem Projekt.

© Claudia Hübschmann

Meißen. Man weiß nie, wo man ihn erwischt: Gunter Demnig ist praktisch ständig in ganz Europa unterwegs, um Gedenksteine zu verlegen. Zum Abschluss der Serie über Stolpersteine in Meißen hat es doch geklappt, ihren Erfinder einmal ans Telefon zu bekommen. Die Autorisierung des Gesprächs kam mit herzlichen Grüßen aus Zuidbroek bei Groningen in den Niederlanden. Ein paar Tage später dann eine Mail aus Bedum, etwas weiter nördlich. „Heute 38 Stolpersteine an 19 Stellen verlegt“, schreibt Demnig. „So was wie ein Rekord – aber ohne Hektik. Ein Zwölf-Stunden-Tag.“

Herr Demnig, Sie sind der Vater der Stolpersteine. Wie sind Sie damals, Mitte der 90er, auf die Idee zu diesem Denkmal gekommen?

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Es gab eine Vorarbeit, eine Spur der Erinnerung an die Deportation von 1 000 Roma und Sinti. Das geschah im Mai 1940 in Köln, Düsseldorf, Hamburg und anderen westdeutschen Großstädten. Man kann sagen, das war für die Nazis so etwas wie eine Generalprobe: 1 000 Menschen auf einmal wegzubringen, das ist ja schon eine logistische Meisterleistung. Ich habe zur Erinnerung daran in Köln eine Schrift auf die Straße gedruckt, nur den Text „1 000 Roma und Sinti – Mai 1940“ vor den ehemaligen Wohnhäusern. Da kam eine ältere Dame dazu, eine Zeitzeugin, und sagte im Brustton der Überzeugung: „Guter Mann, was Sie hier machen, ist ja gut und schön. Aber bei uns im Viertel haben niemals Zigeuner gelebt.“ Sie hat das gar nicht gewusst, denn gerade die Sinti waren schon seit mehr als 400 Jahren in Westeuropa zu Hause. Sie waren total assimiliert, in Köln zu 98 Prozent katholisch, ganz normale Nachbarn. Das war dieser auslösende Moment. Die Idee, dort Steine zu verlegen, wo die Menschen zu Hause waren – in ganz Europa. Überall, wo die deutsche Wehrmacht, die SS, die Gestapo einmarschiert sind und ihr Unwesen getrieben haben, sollten symbolisch die Steine auftauchen.

Welchen Effekt erhoffen Sie sich denn beim Betrachter? Er sieht ja nur Namen und Daten in Kurzfassung und kennt die genaue Geschichte der Opfer nicht.

Zumindest denkt er schon einmal, „Moment, hier war jemand zu Hause, der ermordet worden ist.“ Dann fängt schon die Irritation an. Gerade Schüler sind sehr interessiert und wollen wissen, wie so etwas überhaupt passieren konnte. Es ist anders, wenn sie ein Buch aufschlagen und lesen „sechs Millionen“ – das ist eine abstrakte Größe. Aber wenn sie plötzlich in ihrem kleinen Ort ein Familienschicksal um die Ecke haben und das aufarbeiten, wenn sie mitbekommen, dieses Kind war so alt, wie ich jetzt bin, als es ermordet wurde ... Oder die Familiengeschichten: Demütigung, Enteignung, und so weiter. Das ist handfester Geschichtsunterricht.

Zur Verlegung kommen oft auch Nachfahren der Opfer.

Ja, das passiert immer häufiger. Oft kommen sie aus Israel. Gerade dort war es ein sehr verschwiegenes Thema. Die Kinder, die mit Kindertransporten nach Israel gebracht wurden, hatten oft ein schlechtes Gewissen. „Wir haben überlebt und unsere Eltern sind für uns ins Gas gegangen.“ Bei den Verlegungen treffen oft Familienmitglieder aufeinander, die sich zuvor noch nie gesehen haben. Die weiteste Anreise, die ich nach Köln hatte, war von Tasmanien aus – weiter geht’s nicht. Oder Familientreffen über drei Kontinente und fünf Länder. Das sind bewegende Momente, in denen man weiß, warum man das macht.

Erinnern Sie sich noch an das Hin und Her mit den Stolpersteinen in Meißen?

Ja, daran erinnere ich mich. So etwas gibt es immer mal wieder. Manchmal denke ich, es sind auch Missverständnisse, die damals vom Zentralrat der Juden, als Frau Knobloch Präsidentin war, gestreut worden sind. Da kam das für mich unsägliche Argument, man trampele ja auf den Menschen herum, wie damals die Nazis auf den Menschen herumgetrampelt seien. Da kann ich nur sagen: Die Nazis haben sich nicht begnügt mit Herumtrampeln, die Nazis hatten ein gezieltes Mordprogramm. Alle europäischen Juden, Behinderte, Homosexuelle waren im Visier. Dass das aufgearbeitet wird, freut mich.

Haben Sie noch einmal eine Anfrage aus Meißen bekommen wegen weiterer Steine?

Nein, bisher noch nicht.

Wie viele Steine haben Sie mittlerweile verlegt?

Über 61 000 in 21 Ländern in Europa.

Und sie verlegen fast alle selbst.

Na ja, ich habe schon ganz gute andere Möglichkeiten. In Bielefeld kam zum Beispiel eine Berufsschulklasse für Pflasterer dazu, die haben sich das erst einmal angeguckt mit ihrem Lehrer, dann hatten sie das Thema im Unterricht und dann kriegten sie die Steine. Das finde ich eine sehr schöne Lösung.

Wieso bestehen Sie abgesehen davon meist darauf, selbst zu verlegen?

Die Angehörigen möchten natürlich, dass ich komme und das mache, das ist klar. Sie möchten mich ja auch kennenlernen als Künstler. Ich hab mir schon öfter anhören dürfen: „Jetzt kann ich wieder nach Deutschland kommen“, oder „Wie schön, dass ein deutscher Künstler mit diesen Steinen zu uns kommt“.

Es gibt aber auch Stimmen, die Ihnen Geschäftemacherei mit dem Gedenken an Holocaust-Opfer vorwerfen.

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Ein Künstler darf eben kein Geld verdienen. Das geht ja nicht. Erst wenn er tot ist. Aber dass diese 120 Euro pro Stein mittlerweile durch neun Leute geteilt werden ... Das hat auch Frau Knobloch so aufgegriffen, er würde ja Geld damit verdienen. Ja, meine Güte, ich habe eine Stiftung ins Leben gerufen, die lebt davon und trägt sich über die Steine. Dieser Vorwurf ist einfach absurd!

Das Gespräch führte Dominique Bielmeier.