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"Nachhaltigkeit" abschaffen?

Umwelt, Wirtschaft, Mensch – Die wenigsten wissen, was Nachhaltigkeit wirklich bedeutet. Wir klären auf mit Prof. Edeltraud Günther von der TU Dresden.

Nachhaltigkeit – für viele klingt der Begriff erst einmal grün. Doch er ist weit mehr, weiß Prof. Edeltraud Günther. Beruflich begleitet er sie schon seit etlichen Jahren.
Nachhaltigkeit – für viele klingt der Begriff erst einmal grün. Doch er ist weit mehr, weiß Prof. Edeltraud Günther. Beruflich begleitet er sie schon seit etlichen Jahren. © Thorsten Eckert

Wenn sie könnte, dann würde Prof. Edeltraud Günther ihr komplettes Fachgebiet abschaffen. Die Dresdner Wissenschaftlerin beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit. Mit dem Wort, von dem heute oft gesprochen wird, von dem die wenigsten aber wissen, was es bedeutet. Dabei steckt so viel in dem Begriff. Es geht nicht nur darum, sich heute so zu verhalten, dass künftige Generationen noch gut auf der Erde leben können. Es geht um Balance. Um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. „Mein Ziel ist, dass wir mein Fach in Zukunft gar nicht mehr brauchen“, sagt die Direktorin des Dresdner Instituts der Universität der Vereinten Nationen (UNUFLORES). Dass die Menschen lernen, ganz automatisch nachhaltig zu handeln – ohne dass sie erst darauf hingewiesen werden müssen. „Wir denken aber noch viel zu kurzfristig.“ Als 1986 in Tschernobyl die Reaktorkatastrophe passiert, studiert Edeltraud Günther gerade Wirtschaftswissenschaften. „Ich war damals entsetzt, dass das in meinem Studium gar keine Rolle spielte“, erinnert sie sich. Umwelt, Wirtschaft, die Gesundheit der Menschen, all das hängt schließlich zusammen. Spätestens seit der Ölkrise in den 1970er-Jahren war deutlich geworden, dass die Menschheit abhängig ist von den Ressourcen der Erde.

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Die Wissenschaftlerin thematisiert das in ihrer Promotion und geht der Frage nach, wie große und mittelständische Unternehmen Umweltschutz in ihre Arbeit integrieren. Bis heute ist die betriebliche Umweltökonomie ihr Schwerpunkt geblieben. „Es ist aber leider immer noch so, dass wir Technologien nicht zu Ende denken“, sagt sie. Dass die Menschen vergessen, dass aus einem Produkt letztlich Abfall wird, mit dem etwas passieren muss. Edeltraud Günthers Appell ist deshalb sehr einfach: Der Gedanke der Nachhaltigkeit sollte von Anfang an Bestandteil aller Überlegungen und Handlungen sein. „Dafür brauchen wir auch gesetzliche Regelungen“, erklärt sie. Ohne diese klare Ansage des Staates würde es schwierig werden. PRISMA, das Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeitsbewertung und -politik der TU Dresden, das sie mit gegründet hat, unterstützt Institutionen, Organisationen und auch Unternehmen beim Umdenken. Außerdem sei es wichtig, dass der Mensch den Abfall als Ressource begreift. Rohstoffe seien schließlich endlich. Bei UNU-FLORES wird genau daran geforscht. Schon seit 2016 gibt es zusammen mit der TU Dresden und Partnern aus Mexiko und Guatemala ein Projekt zur Nutzbarmachung von Abwasser in der Landwirtschaft. In Mexiko beispielsweise ist Trinkwasser knapp. Deshalb nutzen die Bauern Abwasser zur Bewässerung ihrer Felder. Das ist allerdings in vielen Fällen mit Schadstoffen belastet. „Der Gedanke ist, aus diesem Abwasser nicht durch sehr hohen Aufwand wieder Trinkwasser zu machen, sondern genau die Qualität daraus herzustellen, die die Pflanzen brauchen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Das Abwasser würde quasi neu designt werden. Ein Ansatz, der auch in anderen Regionen der Welt funktionieren dürfte.

Seit September 2018 ist Edeltraud Günther Direktorin von UNU-FLORES. Für das neue Amt ruht derzeit ihre Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Nachhaltigkeitsmanagement und Betriebliche Umweltökonomie, an der TU Dresden, die sie seit 1996 innehat. Auch an der Universität beschäftigte sie sich bereits mit dem Thema Abwasser. Gemeinsam mit der Stadtentwässerung Dresden gab es ein Projekt, das sich der Frage widmete, wie mit Arzneimittelrückständen im Abwasser umgegangen werden kann. Wer ist verantwortlich für das Problem? Sind es die Pharmaunternehmen, der Arzt, der die Medikamente verschreibt oder die Patienten, die sie einnehmen? Oder am Ende gar die Stadtentwässerung, die sie wieder aus dem Wasser herausbekommen muss? „Die Frage nach der Verantwortlichkeit ist ein zentrales Problem von Nachhaltigkeit“, sagt Edeltraud Günther. Viele Innovationen würden nicht stattfinden, weil darüber zu lange diskutiert wird. Deshalb braucht es in Zukunft Menschen, die das Thema im Blick haben. Die Kommission Umwelt der TU Dresden, die Edeltraud Günther lange Zeit leitete, setzte sich deshalb dafür ein, dass die Umweltrelevanz von neuen Studiengängen geprüft wird. „Sie haben heute einen Umweltbezug, der Nachhaltigkeitsgedanke ist integraler Bestandteil.“ Jungen Menschen wird die Thematik so ganz automatisch nähergebracht.

Gemeinsam mit der Hochschule Zittau/Görlitz entwickelte die TUD außerdem das „Baukastensystem Nachhaltiger Campus“. Bildungseinrichtungen bekommen damit ganz praktische Hilfen in die Hand, wie sie auf verschiedenen Feldern wie in der Lehre, im Management oder beim Betrieb ihrer Gebäude nachhaltig werden können. Durch das Bausteinprinzip bleibt das Projekt jederzeit überschaubar. „Die Institutionen können Schritt für Schritt vorgehen, das nimmt auch ein wenig die Skepsis vor solch einer Entwicklung“, weiß Edeltraud Günther. Wichtig sei es, überhaupt erst einmal anzufangen. Auch das wirke wieder auf die Studenten, auf die Generationen, die in Zukunft Verantwortung übernehmen. Ein ähnliches Anliegen verfolgt das Netzwerk HOCH-N, ein Verbund von elf deutschen Hochschulen, die gemeinsam die nachhaltige Entwicklung ihrer Einrichtungen fördern wollen. Neben der TU Dresden engagieren sich dort beispielsweise auch die Ludwig-MaximiliansUniversität München oder die Freie Universität Berlin. Edeltraud Günther wünscht sich, dass all das in Zukunft dazu führt, dass die Menschen verinnerlichen, was Nachhaltigkeit möchte. Die Wissenschaftlerin ist heute 53 Jahre alt. Ob sie es bis zur Rente noch schafft, dass ihr Fachgebiet überflüssig wird? „Ich denke, das wird knapp“, sagt sie und lacht. Aber sie ist guter Dinge. „Gerade junge Menschen interessieren sich heute für das Thema.“ Dieser neue, dieser andere Blick auf das Leben auf diesem Planeten könnte der Erde helfen. 

Von Jana Mundus

In Guatemala wird in einem Projekt der Abwasserschlamm getrocknet, um ihn dann zu entsorgen oder weiterzuverarbeiten. 
In Guatemala wird in einem Projekt der Abwasserschlamm getrocknet, um ihn dann zu entsorgen oder weiterzuverarbeiten.  © UNU-FLORES

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