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Bürostuhl kommt mit in den Ruhestand

Im Osterzgebirge kennt fast jeder Petra Bachmann. Sie war 37 Jahre Schulsekretärin in Altenberg.

Mit dicker Schleife versehen geht der geliebte Bürostuhl zusammen mit Petra Bachmann in den Ruhestand. Vielleicht sitzt sie jetzt darin, um die Stricknadeln klappern zu lassen.
Mit dicker Schleife versehen geht der geliebte Bürostuhl zusammen mit Petra Bachmann in den Ruhestand. Vielleicht sitzt sie jetzt darin, um die Stricknadeln klappern zu lassen. © Egbert Kamprath

Petra Bachmann war über Jahrzehnte das Gesicht hinter dem Pult im Altenberger Glückauf-Gymnasium. Hunderte Schüler fanden hier meist ihre erste Ansprechpartnerin für die großen und kleinen Probleme im Schulalltag. Sie war der ruhende Pol, ob die Jahrhundertflut wütete oder der Chemieraum brannte. Über sie könnten wohl Hunderte ehemalige Schüler eine Anekdote erzählen, ebenso wie sie über jeden Schüler.

Jetzt hat Sekretärin Petra Bachmann die Schubladen ausgeräumt, um mitsamt ihrem geliebten Bürostuhl in den Ruhestand zu gehen. Viele werden es vermissen, das stets freundliche Gesicht. Benita Junghans, die Leiterin des Altenberger Schulstandortes, kann sich nicht erinnern, dass Petra Bachmann Schülern gegenüber einmal laut geworden wäre. Brannte einmal die Luft, bekamen das höchstens die Lehrer zu spüren, wenn sie zur falschen Zeit das Vorzimmer betraten.

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Zahlreiche Schüler, die einst vor Petra Bachmann standen, sind mittlerweile selbst Eltern und schicken ihre Kinder ans Altenberger Gymnasium. „Sie sind ja immer noch da!“, ist es da schon manchem erstaunt entfahren, erzählt die Sekretärin etwas belustigt. Und einige, die an ihrer Tür klopften, schafften es später zu Weltruhm. An der Schule lernten spätere Spitzensportler, wie der vielfache Weltmeister und Olympiasieger im Bob, Francesco Friedrich.

Kampf um den Arbeitsplatz

Gelernt hat die Oberbärenburgerin ganz klassisch den Beruf der Facharbeiterin für Schreibtechnik im Schmiedeberger Betrieb Ferdinand Kunert. Später arbeitete sie beim FDGB-Feriendienst und wechselte 1984 an die damalige Fritz-Große-Oberschule. Das Hauptgebäude befand sich damals in der heutigen Altenberger Grundschule und platzte aus allen Nähten. Deshalb entstand in der Nähe am Schellerhauer Weg ein Neubau. Petra Bachmann staunt noch heute darüber, wie nach nur 15 Monaten Einweihung gefeiert werden konnte. Der Umbau 2003 dauerte dagegen immerhin drei Jahre, allerdings bei laufendem Schulbetrieb.

Am 1. September 1985 zog auch sie in der Schule ein und erlebte wenige Jahre später die Turbulenzen der Wende. Die begannen mit einem Kampf um den Arbeitsplatz. Erst vor Gericht wurden die ausgesprochenen Kündigungen der technischen Mitarbeiter für nichtig erklärt. Nachdem diese Widrigkeiten gemeistert waren, begann im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Zeit mit einem völlig veränderten Schulsystem. „Für mich und die anderen Kollegen gab es so viele Umstellungen. Gesetze änderten sich und viele Verwaltungsaufgaben wurden neu ,erfunden', aber auch unsere Arbeitsmittel verbesserten sich merklich“, erinnert sich Petra Bachmann.

„Eine große Erleichterung war der moderne Kopierer. Das aus DDR-Zeiten vertraute Gestinke nach Ormic-Lösungemittel hörte endlich auf und ich bekam außerdem eine neue Bildschirmschreibmaschine", erzählt sie. Stück für Stück arbeitete sich auch Bachmann in die Computerzeit ein. 1992/93 wurde aus der Oberschule ein Gymnasium, in das auch die ursprünglich eigenständige Sportschule mit einging.

Verschwiegenheit als Schlüssel

Aus dieser Zeit stammte der geliebte Bürostuhl, der die komplette Dienstzeit gehalten hat. Schmunzelnd erzählt Benita Junghans von der Begebenheit, als vor zwei Jahren ein neuer Bürostuhl geliefert wurde. Der wurde kurzerhand ins Nachbarzimmer gestellt, das alte Möbelstück sei schließlich noch gut.

Viele Schulleiter hat die Sekretärin erlebt. Seit 17 Jahren arbeitet sie mit Volker Hegewald zusammen, der das Dippser Gymnasium leitet, zu dem auch die Außenstelle in Altenberg gehört. Auch ihm wird das vertraute Kichern aus dem Nachbarraum fehlen, wie er sagt. „Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an denen Frau Bachmann schlecht drauf war. Zu ihr konnte man jederzeit mit seinen Problemen kommen und es fand sich immer eine Lösung.

„Nein!“ war ein Wort, dass sie nicht kannte. Sie ist mit der Region verwachsen und zeigte immer eine Herzlichkeit, wie man es nicht oft findet. Wenn ein Schüler schwächelte, konnte es schon einmal passieren, dass die Sekretärin mit ihren Frühstücksschnitten Aufbauarbeit leistete oder einen Tee kochte.

Manche Eltern sind heute noch dankbar, wenn ein Schüler mit starkem Nasenbluten oder schwächelndem Kreislauf im Sani-Raum lag und sie erst einmal besonnen zum Telefonhörer griff und Rücksprache hielt, ehe ein Rettungseinsatz mit Fahrt in die Klinik ausgelöst wurde. „Es gehört schon einiges an Vertrauen dazu, mir bei solchen Entscheidungen die entsprechende Verantwortung zuzugestehen. Ein Schlüssel dafür ist Verschwiegenheit“, erzählt Petra Bachmann, für die das Ganze eigentlich gar nicht weiter erwähnenswert ist.

Ein Ende ohne großen Bahnhof

Deshalb bedauert auch Benita Junghans den Abschied ganz besonders, denn dieses eigenverantwortliche Denken und Handeln gibt es in ihren Augen in der heutigen Zeit leider immer weniger.

Doch statt eines mehr oder weniger geruhsamen Abschieds, der von der gelebten Routine des Schulalltags geprägt ist, endete das Finale für Petra Bachmann mit einem Paukenschlag, der Coronavirus heißt. Da ging es plötzlich um Kontaktlisten, Testvorbereitungen, Einhaltung der Hygienebestimmungen, Quarantäne und Schulausfall. So fiel er dann auch aus, der große Bahnhof zum Abschied, den es ganz sicher gegeben hätte.

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Schulsprecher Eddi Rosch war aus dem häuslichen Lernzeit an die leere Schule gekommen, um vor der Tür ein offizielles Abschiedsgeschenk zu überreichen. Doch Petra Bachmann liebt das Rampenlicht ohnehin nicht, obwohl es sie insgeheim sicher doch gefreut hätte, von den 400 Schülern und 40 Lehrern des Altenberger Gymnasiums zusammen verabschiedet zu werden.

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