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Der Postraub von Wendischkarsdorf

Heimatgeschichte: Drei Maskierte auf Raubzug in der Dippoldiswalder Heide.

Postraub am Morgen des 1. August 1931. Drei Maskierte setzten in der Dippoldiswalder Heide den Fahrer des Postautos außer Gefecht. Sie rauben Rentengelder und Wertsendungen im Wert von 21.000 Mark.
Postraub am Morgen des 1. August 1931. Drei Maskierte setzten in der Dippoldiswalder Heide den Fahrer des Postautos außer Gefecht. Sie rauben Rentengelder und Wertsendungen im Wert von 21.000 Mark. © Zeichnung: Siegfried Huth

Es ist wie in einem Kriminalfilm. In der sechsten Morgenstunde des 1. August 1931 wird mitten in der Dippoldiswalder Heide, Flur Wendischkarsdorf, das Postauto Dresden–Dippoldiswalde gewaltsam gestoppt. Drei bewaffnete und maskierte Männer erbeuten 21.000 Mark Rentengelder und diverse Werbesendungen. Eines der schwersten Verbrechen, das bis dato in unserer Gegend verübt wurde. Der Postkraftwagen hatte die übliche Tour zurückgelegt: Dresden–Freital–Hainsberg–Rabenau–Oelsa.

Als sich der 5-Tonnen schwere Schnellwagen der Staatsstraße Dresden–Altenberg unterhalb Oberhäslich nähert, muss der noch junge Mann am Steuer in Höhe Antonsweg das Tempo drosseln. Quer über die Straße gestellt ein Auto, an dieser Blockade kommt kein anderes Fahrzeug vorbei. Der Postmitarbeiter bringt seinen Transporter zum Stehen, irgendwie erscheint ihm diese Situation merkwürdig. Mit dem entsicherter Dienstpistole steigt er aus. Weit wird er nicht kommen. Nach wenigen Schritten tauchen aus dem Wald drei maskierte Männer auf, springen auf den Fahrer zu, würgen ihn und stoßen ihn in den Straßengraben. Ihre Gesten sind unmissverständlich. Mit vorgehaltener Schusswaffe setzen sie ihn unter Druck. „Wenn du Schwierigkeiten machst, schießen wir dich über den Haufen!“, geben sie ihm zu verstehen. Der Postler beweist Courage, er weigert sich, die Schlüssel zum Postauto herauszugeben. Die Maskierten fackeln nicht lange. Sie entreißen ihm die auf der Brust verborgenen Schlüssel.

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Mit einem kräftigen Hieb wird der Chauffeur Schachmatt gesetzt. Das Trio ist bestens ausgerüstet. Mit einer Zange werden die an den Türen angebrachten Plomben geknackt. Der Weg ins Innere des Fahrzeuges ist frei. Die Gegend um den Antonsweg ist einsam, weit und breit kein Haus. Als sich die drei mit ihrer Beute eben aus dem Staub machen wollen, sehen sie sich plötzlich einem Radler gegenüber. Der Mann ist unterwegs zu seiner Arbeitsstelle in Oelsa. Wieder werden Pistolen gezückt – der Arbeiter, von Angst und Schrecken erfasst, muss absteigen. Gleich darauf setzt sich der Pkw der Posträuber in Bewegung.

II 29 215 – einziger Fingerzeig

Ein Zwischenfall, der sich als bedeutsam erweisen soll. Der eilens von der Kriminalpolizei zusammengetrommelten Sonderkommission gegenüber gibt der Radler zu Protokoll: Er sei sich ziemlich sicher, dass polizeiliche Kennzeichen erkannt zu haben: II 29 215. Ein Fingerzeig – der einzige. Die Kripo fahndet fieberhaft. Wenige Tage später wird der zur Tat benutzte Wagen in einer Garage in Dresden-Cotta, Hörigstraße, aufgespürt. Der Besitzer hat das Fahrzeug erst kürzlich bei der Steuer abgemeldet. Seither ist er nicht mehr gefahren. Doch die Spur ist heiß. Die Kripo kommt dahinter, dass ein in dem gleichen Grundstück wohnender stellungsloser Kraftfahrer namens Alfred Bergrück mit besagtem Pkw in der Frühe des 1. August zu einer Schwarzfahrt gestartet sei. Bergrück, der gern über seine an sich bescheidenen Verhältnisse lebt, ist der Kripo nicht unbekannt. Er hat schon einige, allerdings kleinere Dinge gedreht.

Der 40-Jährige scheint geständig. Er gibt zu, eine Schwarzfahrt in Richtung Wurgwitz unternommen zu haben. An dem Verbrechen sei er nicht beteiligt gewesen.

Inzwischen steht die Oberpostdirektion unter Beschuss. Von der Tagespresse wegen mangelhafter Sicherheitsvorkehrungen hart attackiert, wird von Seiten der Post eingeräumt, dass man den früher bei Geldtransporten üblichen Begleiter aus Kostengründen eingespart habe. Als Akt der Wiedergutmachung setzt die Direktion für die Ergreifung der Täter und für sachkundige Hinweise eine Belohnung von 1.000 Mark aus. Wurgwitzer Einwohner melden sich und erkennen in Bergrück den Mann, der am Vormittag des 1. August mit dem fraglichen Pkw und zwei Personen an Bord in der Ortschaft Halt machte, um Kraftstoff zu tanken. Dem inhaftierten Mann aus Löbtau schwimmen allmählich die Felle davon.

Doch Bergrück gibt nicht auf. Er lässt sich eine neue Version einfallen, an der er wochenlang festhält. Beim Bummeln durch diverse Dresdner Lokale habe er ein Mädchen kennengelernt, eine gewisse Irmgard – Nachname und Adresse unbekannt. Man sei sich näher gekommen. Irmgard habe ihm schließlich ein lukratives Angebot gemacht. Er, Alfred Bergrück, könne 500 Mark auf die Hand verdienen, wenn er in der Lage sei, für zwei ihrer Bekannten ein Auto zu organisieren. Termin: 1. August. Noch zur Verhandlung vor dem Schöffengericht Dresden bleibt Bergrück bei seiner Aussage. Die geheimnisvolle Unbekannte, die angeblich schlank und hübsch gewesen sei, trat indes nie in Erscheinung. Wie sollte sie auch, wo sie doch eine Erfindung des Alfred Bergrück war. Die Verhandlung zog sich tagelang hin. Das Ende vom Lied: Alfred Bergrück und sein Bruder Kurt hatten den Überfall eingefädelt und ausgeführt. Die beiden Hauptangeklagten wurden zu sechs bzw. vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein weiterer Angeklagter kam mit einer Freiheitsstrafe von drei Jahren davon.

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