merken
PLUS Dippoldiswalde

Die wütende Nachbarin

Ein Nachbarschaftsstreit in Lauenstein eskaliert, als eine Frau ein Kind anbrüllt. Doch um die Gründe für ihre Wut geht es beim Dippoldiswalder Amtsgericht nicht.

Eine Gartenschaufel war bei der Auseinandersetzung unter Nachbarn nur zufällig dabei, sorgte aber für Verletzungen.
Eine Gartenschaufel war bei der Auseinandersetzung unter Nachbarn nur zufällig dabei, sorgte aber für Verletzungen. © Schroeter

"Hausfriedensbruch" wird der Angeklagten zunächst angelastet. Deshalb wurden Anfang Juni der erste Verhandlungstermin im Amtsgericht Dippoldiswalde angesetzt. Die Angeklagte ist 60, geschieden und lebt mit ihrem Hund in ihrem Elternhaus in Lauenstein. Ringsherum stehen noch eine Handvoll Einfamilienhäuser.

Einer der Nachbarn wirft der Angeklagten vor, ihn beleidigt zu haben. Auch seinen erwachsenen Sohn und seine Gäste hätte sie bereits beschimpft. Die zweite Anzeige geht auf einen weiteren Nachbarn zurück, mit dem es zu einer handfesten Auseinandersetzung kam, nachdem die Angeklagte seine achtjährige Tochter angebrüllt hatte.

Anzeige
Familienmodelle der Natur
Familienmodelle der Natur

Steppenzebras, Zebramangusten und Nandus ziehen ihren Nachwuchs ganz unterschiedlich auf.

Polizei protokolliert Vorfall mit dem Kind

"Meine Mandantin möchte schweigen", sagt ihr Anwalt Jörg Dänzer. Und so erfährt der Richter zunächst nichts darüber, warum die Frau so lautstark gegen ihre Nachbarn wütet.

Während dem ersten Nachbarn und seiner Lebensgefährtin bei der Zeugenvernehmung die Tage, Monate und Jahre durcheinandergeraten, an denen die Beschimpfungen stattgefunden haben sollen, ist der Vorfall mit dem Kind sehr genau dokumentiert - auch, weil schließlich die Polizei kam.

Lautes Geschrei von draußen

"Ich kam circa 15.30 Uhr von Arbeit heim", erzählt der Vater des Kindes, "wir haben Kaffee getrunken, dann wollte meine Lebensgefährtin einkaufen fahren. Unsere Tochter ging schon mal raus und wartete draußen." Plötzlich habe er ein lautes Geschrei gehört, seine Tochter habe geweint. Draußen auf der Straße stand die schimpfende Angeklagte, eine Gartenschaufel in der Hand. "Als ich sie zur Rede stellen wollte, erhob sie die Schaufel gegen mich."

Er habe ihr die Schaufel wegnehmen wollen. In dem folgenden Gerangel hätten sie das Gleichgewicht verloren, "wir sind zu Boden gegangen." Die Angeklagte sei dabei auf den Rücken gefallen. Er selbst hatte hinterher ein zerrissenes T-Shirt und eine blutende Schramme am Kinn.

Seine Lebensgefährtin, die Mutter der Achtjährigen, war eher draußen und hörte, wie ihr Kind unter anderem mit "was guckst Du so blöd" und "verpiss Dich" angeschrien wurde. Ihre Tochter sei immer noch verängstigt: "Jetzt will sie nicht mehr allein zum Bäcker gehen und schon gar nicht in den Wald, weil sie da am Haus der Frau vorbei müsste", sagt sie.

Angeklagte reicht ebenfalls Anzeige ein

Weil allerdings auch die Angeklagte eine Anzeige wegen Körperverletzung bei der Polizei einreichte - eine Beamtin dokumentierte Hämatome an den Ellbogen und eine Beule auf der Stirn - beraumt Amtsrichter Christian Mansch einen Fortsetzungstermin mit neuen Zeugen an. Bei diesem Termin drei Wochen später erscheinen die beiden Polizeibeamten, die nach der Rangelei gerufen wurden - unabhängig voneinander von beiden Kontrahenten.

Verletzungen hätten sie bei der Angeklagten nicht wahrgenommen, sagen sie. Allerdings wollte sie vor Ort auch nicht mit ihnen über den Vorfall reden. Schließlich kam noch ein Krankenwagen, den sie gerufen hatte. Der Arzt nahm sie aber nicht wegen irgendwelcher Verletzungen mit ins Krankenhaus, sondern wegen ihres aufgeregten Zustandes.

Hätte das Mädchen nicht so anschreien dürfen

"Mein Fehler war: Ich hätte das Mädchen nicht so anschreien dürfen", sagt die Angeklagte schließlich doch. In den letzten Jahren seien neue Familien in die Nachbarschaft gezogen, plötzlich sei sie ständig beim Ordnungsamt angezeigt worden, "wegen meinem Hund". Sie fühle sich in einer Hetzjagd, "mit dem Ziel, mich rauszutreiben aus meinem Elternhaus." Die Schaufel habe sie außerdem nur dabei gehabt, um Blumen am Weg auszugraben. Als ihr Nachbar wütend auf sie zukam, habe sie sie nur instinktiv hochgehoben.

Richter Mansch stellt schließlich das erste Strafverfahren ein, bei dem es um die Beleidigungen und Beschimpfungen des ersten Nachbarn ging. Anders beim zweiten: Dort habe sich der Sachverhalt im Wesentlichen bestätigt: "Ich gehe davon aus, dass Sie diejenige waren, die mit der Schaufel auf den Nachbarn losging", sagt er. Die Kinnverletzung habe der Nachbar allerdings nicht durch einen Vorsatz der Angeklagten, "sondern durch das Gerangel." Fahrlässige Körperverletzung also.

Letztlich geringfügige Verletzung

Zur Gegenanzeige der Angeklagten, unterstützt durch die Fotos der Hämatome und der Beule, sagt er: "Es ist nicht nachvollziehbar: Wenn die Polizei kommt - warum haben Sie das nicht gleich angezeigt, sondern erst zwei Tage später?"

Letztlich gehe es um geringfügige Verletzungen. "Die gesetzliche Mindeststrafe liegt bei drei Monaten." Als Geldstrafe kommen also 90 Tagessätze zusammen. "Als Lehrerin gehe ich davon aus, dass Sie am oberen Ende des Gehalts liegen." Deshalb legt er einen Tagessatz auf 150 Euro fest. "Aber ich geh nicht voll arbeiten", sagt die Angeklagte leise. Eine Berufung ist möglich.

Mehr zum Thema Dippoldiswalde