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9-Euro-Ticket ist ein Fluch für Dippser Bimmelbahn-Shop

Familie Wagner lässt sich einiges einfallen, um Weißeritztalbahn-Fans ein pfiffiges Angebot zu machen. Indessen fällt ihnen ihre Haupteinnahmequelle weg.

Von Siiri Klose
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Patrick Wagner arbeitet als Lokführer und Zugbegleiter bei der Weißeritztalbahn. Er präsentiert die Zuckertüten aus dem Bimmelbahnshop seiner Frau.
Patrick Wagner arbeitet als Lokführer und Zugbegleiter bei der Weißeritztalbahn. Er präsentiert die Zuckertüten aus dem Bimmelbahnshop seiner Frau. © Egbert Kamprath

Begleitet von allerschönstem Ausflugswetter fährt die Weißeritztalbahn in den Dippoldiswalder Bahnhof ein. Der Sonnentag lässt sogar einen Oben-ohne-Wagen zu, der im kurvenreichen Rabenauer Grund garantiert unverstellte Sicht auf die Lok gewährt. Ein paar Ausflügler nehmen auch mit den Trittstufen der Perrons vorlieb.

Ein Anblick, den Simone Wagner nicht so gern hat. "Kinder machen das nach, und dann wirds gefährlich", sagt sie. Sie hat selbst lange als Zugbegleiterin gearbeitet, ihr Mann Patrick ist auch bei der Weißeritztalbahn beschäftigt, und Sohn Christian baut in der Weihnachtszeit zu "Bimmelbahn im Lichterglanz" seine Modellbahnanlage auf, Spurweite G wie Gartenbahn. "Wir sind alle drei durch und durch Eisenbahner", sagt Simone Wagner.

Kleine Oase mit Eis, Kaffee und Dampflokblick

Von ihrem kleinen Bimmelbahn-Shop aus hat sie beste Sicht auf die Züge. Kein Wunder, ihre Verkaufs- und Bewirtungsstube im Eisenbahnwagen mit angekoppelten Eisgarten-Wagen steht auf dem Abstellgleis daneben - eine kleine Oase mit Bockwurst-, Eis- und Kaffeeausschank und Weißeritztalbahn-Kleinigkeiten als Souvenirs.

Und natürlich mit einem Fahrkartenverkauf. "Wir sind eine Fahrkartenagentur der Sächsischen Dampfeisenbahngesellschaft (SDG)", sagt sie. Mit diesem Service begann sie 2018 in einem Gartenhäuschen hinter den Schienen. Es ist jetzt noch an seiner kunstvollen Schmalspurdampflok auf der Fassade zu erkennen.

9-Euro-Ticket günstiger als das Tagestickt

Doch der Stopp der Weißeritztalbahn um 10.11 Uhr spült am Donnerstag kaum Gäste zu ihr hinüber. Großeltern ordern ein Eis für den Enkel und sich selbst einen Kaffee. Eine Familie kauft eine Stiftebox aus Holz in Form der Dampflok 99 1777, die zur Stammbesatzung der Weißeritztalbahn gehört. Vier junge Leute auf Zwischenstopp bei einer Wanderung ziehen mit vier Flaschen Wasser ab.

Fahrkarten kauft derzeit niemand. Das 9-Euro-Ticket gilt auch für die Weißeritztalbahn und ist damit deutlich günstiger als das reguläre Tagesticket von 24,50 Euro. Mit der Preisstufe 4 von 8,70, die beispielsweise von Freital-Heinsberg bis Malter gilt, liegt es ungefähr gleichauf.

Fahrgäste steigen kaum aus

"Ich sehe jetzt hier manchmal Leute, die den ganzen Tag hoch nach Kipsdorf und wieder runter fahren", sagt Simone Wagner. Zudem würden viel mehr Dippoldiswalder die Bahn jetzt als Verkehrsmittel nach Freital nutzen. Alles keine Kunden für ihren Bimmelbahn-Shop.

Dabei machen die Provisionen, die sie von der SDG für den verkauften Fahrkarten bekommt, in manchen Monaten rund 50 Prozent ihres Umsatzes aus. "Wir haben seit drei Monaten kein Einkommen daraus", sagt sie.

Richtlinie des Wirtschaftsministeriums ist unklar

Stephanie Arnold, die Marketingleiterin der SDG, weiß momentan selbst nicht genau, wie das geregelt ist: "Es hieß immer, diese Fälle berücksichtigt die Richtlinie zur Kompensation der Fahrgeldeinnahmen", sagt sie. "Aber so richtig klar geht das nicht aus dieser Richtlinie hervor."

Diese Richtlinie erließ das sächsische Wirtschaftsministerium im Juli 2022, um dem öffentlichen Personennahverkehr eine Möglichkeit zu geben, seine finanziellen Verluste im Zusammenhang mit Covid-19 oder dem 9-Euro-Ticket auszugleichen. Fahrscheinagenturen gehören allerdings nicht zu den Antragsberechtigten, nur die Verkehrsunternehmen selbst.

Weißeritztalbahn-Zuckertüten mit Pfiff

Simone Wagner vom Bimmelbahnshop wartet deshalb nicht erst auf die Klärung, von wem sie wann welchen finanziellen Ausgleich zu erwarten hätte. Da setzt sie lieber auf ihren Einfallsreichtum. Die Zuckertüte mit dem Weißeritztalbahn-Motiv gibt es exklusiv bei ihr - einmal 35 Zentimeter groß und rund für 7 Euro und 85 Zentimeter groß und achteckig für 25 Euro. "Die hat sogar einen Sound", sagt sie und führt ihn auch gleich vor: Auf Knopfdruck erschallt ein langgezogener Lockpfiff.

"Als ich bei Nestler das Motiv von unserer Weißeritztalbahn sah, habe ich sofort eine Bestellung aufgegeben", sagt sie. Ihr ist es wichtig, ihre Verkaufsartikel bei heimischen Firmen zu besorgen. Die Nestler Feinkartonagen sitzen im erzgebirgischen Ehrenfriedersdorf.

Den Schwibbogen mit dem Dippoldiswalder Markt als Motiv stellt die Schmiedeberger Holzkunst her, genauso wie den Naundorfer Bahnhof als beleuchtetes Räucherhäusel und die Lok-Stiftebox, von der Simone Wagner jetzt dringend Nachschub aus dem Lager holen muss. Denn die passt prima in die Zuckertüte, hat jetzt eine Käuferin aus Dippoldiswalde gemerkt.