merken
PLUS Dippoldiswalde

Corona: Dippser Gästeführerin erfindet sich neu

Essen und Trinken in Dippoldiswalde stehen im Mittelpunkt von neuen Touren, welche die Führerin Anja Graul in der Corona-Zwangspause entwickelt hat.

Hier unter den Linden am Dippser Markt starten die neuen kulinarischen Führungen der Gästeführerin Anja Graul.
Hier unter den Linden am Dippser Markt starten die neuen kulinarischen Führungen der Gästeführerin Anja Graul. © Egbert Kamprath

Die Reichstädterin Anja Graul lebt davon, Besucher durch das Umland von Dresden und die Landeshauptstadt zu führen. Ein Geschäft, das in Zeiten der Corona-Pandemie komplett am Boden lag. „Ich stand in der Küche und war komplett auf die alte Frauenrolle zurückgeworfen“, sagt die studierte Literaturwissenschaftlerin.

Das ist nicht ihr Ding. Also hat sie begonnen, ihren Gästeführerbetrieb neu zu erfinden mit einem neuen Schwerpunkt im Osterzgebirge. „Dass ich Pläne machen konnte, hat mich in dieser Zeit aufrechterhalten“, sagt sie.

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Graul stammt aus Dresden und hat 2009 bei der Industrie- und Handelskammer eine Fortbildung zur Gästeführerin absolviert. Sie hat dann viele Führungen in Dresden selbst, in Pillnitz, Meißen oder Weesenstein gemacht. „Wie eben die Nachfragen kamen.“

Aber als sie vor etlichen Jahren mit ihrem Mann in den Dippoldiswalder Ortsteil Reichstädt gezogen ist, war das nicht mehr so praktisch. „Ich hatte ja immer die langen Wegstrecken und den Zeitaufwand“, sagt die 49-jährige Gästeführerin.

Den Boden weggezogen

Die Zwangspause durch Corona hat ihr erstmal den Boden unter den Füßen weggezogen. Das komplette Weihnachtsgeschäft ist weggefallen. In der Gästeführerbranche ist die Nachfrage zwischen Mitte November und Anfang Januar in der Regel sehr hoch, vergangene Weihnachten ist in dieser Zeit aber coronabedingt alles ausgefallen, auch das Festival „Bimmelbahn und Lichterglanz“ entlang der Weißeritztalbahn.

„Ich habe mir dann überlegt, wie ich der Situation noch etwas Positives abgewinnen kann“, sagt sie. Sie wusste ja von ihrer Ausbildung her, dass eine Führung gut geplant sein will und wie man sie vorbereiten muss. Damals hat sie sozusagen als Prüfungsaufgabe Führungen ausgearbeitet wie die „Reichstädter Kirchen“ oder „Rund um das Fohlengut“, das ja neben der Reichstädter Windmühle steht.

Kulinarisches Dipps mit Kostproben

Dabei haben schon immer Essen und Trinken eine wichtige Rolle gespielt. So kam sie auf die Idee zu neuen Touren. Eine nennt sie „Kulinarisches Dipps“. Das ist eine Runde durch die Kernstadt Dipps. Davon bietet die Gästeführerin auch eine erweiterte Variante an: „Kulinarisches zwischen Dipps und Reichstädt“. Die ist dann mit einer kleinen Wanderung verbunden.

„Wir machen dabei Halt an verschiedenen Geschäften und Cafés“, erzählt sie. „Und es gibt süße und herzhafte Kostproben.“ Treffpunkt dafür ist in der Regel auf dem Dippser Markt unter den Linden vor der Apotheke. Da können die Teilnehmer erst einmal gemütlich sitzen, wenn die Führerin schon etwas erklärt, bevor dann alle sich auf den Weg machen.

Als die Bauern auf die Viehmärkte kamen

In der Wassergasse ist ein Halt eingeplant am Wasserplatz, der früher ein Stadtgarten war. Solche Gärten gab es viele und sie waren wichtig, damit die Einwohner genug und gesund zu essen hatten. Die Tour wird dann ein kleines Stück auf den Wegen verlaufen, die einst die Siedler und Bergleute genommen haben.

Die Stadt Dippoldiswalde hat viel Nahrhaftes in ihrer Geschichte zu bieten. Anja Graul erzählt von den Fleischbänken und Brotbänken, wo sich die Dippser früher ihre Lebensmittel gekauft haben. Sie informiert über die Vieh- und Getreidemärkte, zu denen einst die Bauern in die Stadt gekommen sind. Dabei macht die Runde Station bei Geschäften, wo es Produkte gibt, die aus der Region kommen.

Einblicke in die Lehnmühlen-Staumauer

Eine weitere neue Führung hat sie zusammen mit der Landestalsperrenverwaltung ausgearbeitet. Die führt von Reichstädt zur Talsperre Lehnmühle. Graul hat Absprachen mit dem Staumeister getroffen, dass Wandergruppen einmal in die Stauanlage reingehen und sie besichtigen können. Start und Ziel dafür ist der Mühlenplatz in Reichstädt. Dort sind auch Parkmöglichkeiten. Denn die nötige Infrastruktur muss die Führerin bei der Planung ihrer Touren immer mit bedenken. Deswegen ist sie auch keine Freundin des Gedankens, die Mauerkrone der Lehnmühlensperre generell für Wanderer zu öffnen. „Die Infrastruktur ist dort einfach nicht gegeben. Es fehlt ja schon an Toiletten“, sagt sie.

Ende Juli wird Premiere sein

Für diese Touren, die sie ausgearbeitet hat, wird Ende Juli Premiere sein. Anja Graul muss dafür ja auch selbst die Teilnehmer gewinnen. Den Kontakt zu ihren Kunden findet die Gästeführerin im Wesentlichen über Mund-zu-Mund-Propaganda. „Die erste Anlaufstelle für Fremde ist in Dippoldiswalde meist das Bürgerbüro im Rathaus. Die geben dann die Telefonnummern weiter“, erzählt Graul.

Weiterführende Artikel

Die Spurensucherin

Die Spurensucherin

Anja Graul kann im Boden Geschichte lesen. Sie nimmt zur Wanderwoche Gäste mit auf Entdeckertour – zu den Pilgern.

Sie hofft, dass jetzt mit den günstigeren Coronazahlen auch der Tourismus in der Region wieder in die Gänge kommt. Dann wäre es wichtig, dass auch im Herbst und Winter keine derartigen Einschränkungen mehr kommen wie im letzten Jahr. Sie muss ja nicht nur neue Touren entwickeln, sondern diese auch möglichst oft mit ihren Teilnehmern gehen.

Mehr zum Thema Dippoldiswalde