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Nationalpark Böhmische Schweiz sperrt Höhlen

Wo im Winter Fledermäuse ruhen, lassen sich immer immer öfter Touristen blicken. Das hat jetzt Konsequenzen.

Naturschützer vom Naturschutzgebiet Elbsandsteingebirge bringen das schwere Gitter zum Eingang der Höhle.
Naturschützer vom Naturschutzgebiet Elbsandsteingebirge bringen das schwere Gitter zum Eingang der Höhle. © TomᚠSalov

Das Gitter ist schwer. Fünf Männer sind nötig, um das fast 200 Kilogramm schwere Teil durch unwegsames Gelände zu wuchten. Ziel ist die Naturfreundehöhle in den Felsen im Elbtal, nicht weit vom beliebten Aussichtspunkt Belvedere. Diese dient im Winter als Schlafplatz für Fledermäuse. Betreten ist deshalb verboten. Darauf macht auch ein dreisprachiges Schild kurz vor der Höhle aufmerksam.

„Leider müssen wir feststellen, dass dieses Verbot immer wieder ignoriert wird“, sagt Tomáš Salov, der Sprecher des Nationalparks Böhmische Schweiz. Der Nationalpark hat deshalb nun die Konsequenzen gezogen. Die Höhle wird für Besucher gesperrt.

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„Es ist nicht so, dass wir jetzt den Besuchern etwas wegnehmen. Die Höhlen sind schon seit 2010 geschlossen, als hier das ‚Naturschutzreservat nationaler Bedeutung‘ entstand“, sagt Salov. Es erstreckt sich im Elbtal zwischen Hřensko (Herrnskretschen) und Děčín (Tetschen) auf der rechten Flussseite. Im Rahmen des Naturschutzgebiets Elbsandsteingebirge ist es eine Art Kernzone mit Regeln, die mit denen der Ruhezone im Nationalpark vergleichbar ist.

Regel im Nationalpark: Wege nicht verlassen

„Eine dieser Regeln ist, dass die markierten Wege nicht verlassen werden dürfen. Damit haben alle, die nur bis zum Eingang der Höhle gekommen sind, schon gegen eine grundlegende Regel verstoßen“, sagt Salov.

Und das waren offenbar nicht wenige. Die Böhmische Schweiz lockt ja vor allem wegen ihrer Felsen und Schluchten. Doch sie ist auch ein echtes Höhlenparadies mit Hunderten, teils schwer zugänglichen sogenannten Trümmerhöhlen. Sie sind meist aus Trümmerblöcken entstanden. Diese sind auch in Sachsen bekannt. Und gerade von dort kommen jedes Jahr viele Besucher, wie auch Michael Bellmann bestätigt. Bellmann gibt in seinem Heimatbuchverlag zwei Führer über Höhlen in der Sächsischen und der Böhmischen Schweiz heraus. „Viele Kletterer weichen im Winter in die Höhlen aus, um dort zu klettern. Aber man muss natürlich die Regeln respektieren. Die Schilder sind ja nicht zu übersehen. Wer die ignoriert, tut das bei vollem Bewusstsein“, sagt Bellmann.

Mit 50 Leuten durch die Höhle - trotz Verbot

Er sieht die Schließung der Höhlen als Konsequenz des kommerziellen Tourismus. „Da werden von Anbietern 50 bis 60 Leute durch die Räuberhöhle gejagt, ohne Rücksicht auf die Natur“, so Bellmann. Zu den Anbietern zählt zum Beispiel Kanu Aktiv Tours, die im Programm jeweils eine Einsteigertour (1,5 Stunden) und eine Fortgeschrittenentour (3-4 Stunden) haben. Kanu Aktiv bietet ihre Touren aber ausdrücklich nur von Frühling bis Herbst an. Ein weiterer Anbieter hat seinen Sitz in Bischofswerda. Laut Bellmann würden nun all jene, die sich an die Regeln hielten dafür bestraft, dass andere das nicht tun. „Ich hoffe, diese Schließung ist nicht für immer“, sagt Bellmann.

Auch das dreisprachige Schild hat nicht geholfen, Besucher von der Höhle abzuhalten.
Auch das dreisprachige Schild hat nicht geholfen, Besucher von der Höhle abzuhalten. © TomᚠSalov

Doch da wird er enttäuscht. „Die Fledermäuse sind ja nicht der einzige Grund. Die Begehung der Höhlen ist gefährlich. Es kommt immer wieder dazu, dass die Bergwacht oder unsere Ranger gerufen werden, um jemand da rauszuholen“, sagt Salov, der nicht sagen kann, wie viele Anbieter mit wie vielen Leuten jedes Jahr durch die Höhlen ziehen. „Wir haben an einigen Höhlen Fotofallen installiert. Manche sind allein, manche zu zweit zu sehen, anderntags sind es ganze Gruppen.

Bei Verstoß droht Bußgeld

Sie lesen sich noch das Schild durch, dass es sich um ein Winterquartier für Fledermäuse handelt, und gehen dann doch rein“, erzählt der Nationalparksprecher. Werden diese auf frischer Tat ertappt, droht ein saftiges Bußgeld. Das komme aber nicht so oft vor. „Wesentlich ist für uns, dass es touristische Angebote gibt. Das würde schon als Grund reichen“, so Salov weiter.

„Ich möchte aber betonen, dass wir jetzt zwei Höhlen geschlossen haben und im nächsten Jahr werden es in der gleichen Region noch einmal zwei weitere sein. Aber Hunderte andere Höhlen sind immer noch geöffnet“, sagt Salov. Neben der Naturfreundehöhle wurde noch die Damenhöhle verbarrikadiert. „Beide Höhlen, erklärt Salov, "wurden nicht wegen der vielen Besucher, sondern wegen ihrer Eignung als Winterquartier für Fledermäuse ausgewählt.“

Wenige Höhlen eigenen sich als Fledermausquartier

Dafür muss unter anderem eine bestimmte Feuchtigkeit herrschen. Und die Erfahrungen aus anderen Höhlen haben gezeigt, dass eine Schließung wirksam für den Erhalt der Population ist. Am meisten bedroht sei die Kleine Hufeisennase. Der Rückzug der kleinen Tierchen beginnt je nach Außentemperatur im Oktober oder November. Werden Fledermäuse aus dem Winterschlaf gerissen, ist das ihr sicherer Tod. „Die Energie, die sie für das Aufwachen verbrauchen, können sie sich daraufhin nicht mehr zuführen und sie müssen sterben“, sagt Salov.

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Verleger Michael Bellmann hat bereits beobachtet, wie kommerzielle Anbieter schon auf die andere Elbseite ausgewichen sind. Für Höhlenfans bleibt noch viel zu entdecken, ohne Fledermäuse zu wecken. Die sind in der Naturfreundehöhle nun sicher. Das Gitter ist fest im Fels verankert. Wer nicht weiß, dass sich hier eine Höhle befindet, wird es gar nicht bemerken. „Es ist so in den Eingang installiert, dass man es nicht sieht, wenn man sich nicht auskennt“, sagt Nationalparksprecher Tomáš Salov.

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