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Kaum Hoffnung auf Skifahren in Tschechien

Noch ist die Saison nicht abgesagt, aber für viele Wintersportgebiete im Nachbarland geht es um die Existenz.

Die Lifte stehen wohl auch am kommenden Wochenende still. Ivan Soukup bangt um das Weiterbestehen des Skigebiets in Zadní Telnice (Hintertellnitz).
Die Lifte stehen wohl auch am kommenden Wochenende still. Ivan Soukup bangt um das Weiterbestehen des Skigebiets in Zadní Telnice (Hintertellnitz). © Steffen Neumann

Es war ein Akt der Verzweiflung. Letzte Woche riss Ivan Soukup die Geduld. Der Betreiber der Skilifte in Zadní Telnice (Hintertellnitz) kündigte die Öffnung des Skigebiets an, komme was wolle. Es kam am Ende anders.

Hunderte Skifreunde mussten unverrichteter Dinge wieder umkehren. Im Angesicht des Polizeichefs des Bezirks Ústí ließ sich Soukup doch noch davon abbringen, die Lifte in Bewegung zu setzen. Er hätte eine Ordnungsstrafe von umgerechnet 100.000 Euro riskiert. Aber der Ärger ist ihm auch noch Tage später anzusehen.

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Ständig von der Regierung vertröstet

„Ein ums andere Mal vertröstet uns die tschechische Regierung mit dem Start der Skigebiete. Wir müssen immer damit rechnen, dass es losgeht, also halten wir das Personal, pflegen die Pisten, nur um eine weitere Woche zu warten“, erklärt er seine Zwangslage. Da sind ihm dann die Nerven durchgegangen. Nach Jahren ohne Schnee herrschen ideale Wintersportbedingungen. „Wir könnten alle Pisten öffnen, das gab es schon lange nicht mehr“, sagt Soukup.In Deutschland wurde bereits vor zwei Wochen entschieden, die Skisaison zu beenden. Soukup hätte damit kein Problem. „Das wäre wenigstens eine klare Ansage. Aber unsere Regierung hält uns unentwegt in Unsicherheit. Und richtig entschädigt werden wir dafür auch nicht“, ärgert sich Soukup.

Zum Überleben für Skigebietet zu wenig

„Die Skigebiete erhalten für die Zeit der Schließung 50 Prozent der durchschnittlichen Kosten der letzten Jahre ersetzt“, erklärt Libor Knot vom Verband der Wintersportzentren, „Das ist zu wenig, je länger die Schließung dauert.“ Ivan Soukup hätte sich ein Modell wie in Deutschland und Österreich gewünscht, wo die Höhe der Umsätze berücksichtigt wird. „Wir haben die höchsten Kosten noch vor der Saison. Die bekommen wir über die Entschädigung nicht rein, weshalb der Start der Liftsaison die beste Rettung wäre.“

Doch danach sieht es gerade nicht aus. Angesichts der immer noch dramatischen Infektionslage findet sich in der Regierung keine Mehrheit für die Öffnung. Die Infektionszahlen stagnieren auf hohem Niveau. Die 7-Tage-Inzidenz liegt zwischen 200 im Kreis Chomutov (Komotau) an der Grenze zu Sachsen und rund 1.000 in Ostböhmen (Trutnov/Trautenau) und Westböhmen (Cheb/Eger).

Entscheidend für Lockerungen ist aber die Lage in den Krankenhäusern. Gesundheitsminister Ivan Blatný will, dass die Zahl der Covid-Patienten auf unter 3.000 sinkt. Davon ist das Land noch weit entfernt. Derzeit werden fast doppelt so viele Menschen in Krankenhäusern behandelt.

Ski-Urlaub als Dienstreise

Im skiverrückten Tschechien ist nicht auszuschließen, dass die Skigebiete bereits vor der ersten echten Lockerung in Betrieb gehen. Die Frage ist, wann sie kommt. Minister Blatný hatte noch letzte Woche eine Öffnung Anfang Februar in Aussicht gestellt. Aber davon ist im Moment keine Rede. Blatný fürchtet, dass die Schließung der Hotels zunehmend unterlaufen wird. Wie tschechische Medien berichten, kaschieren Familien ihren Hotelaufenthalt als Dienstreise. Würden nun noch die Lifte in Betrieb gehen, wäre eine neue Ansteckungswelle die Folge.

Der Slalomhang in Telnice dient wenigstens als Schlittenpiste.
Der Slalomhang in Telnice dient wenigstens als Schlittenpiste. © Steffen Neumann

Zu leiden haben die Skigebiete, vor allem jene, die nur wenig Hotels in der Umgebung haben, wie in Telnice. Die Skigebiete fühlen sich als Geisel für die Unfähigkeit der Regierung. „Wir sind doch nicht verantwortlich, dass die Hotelschließungen nicht eingehalten werden“, schimpft Petr Zeman, Miteigentümer vom Skigebiet am Klínovec, dem größten im Erzgebirge. Im Gegenteil, die Skigebiete wären ein Garant für die Durchsetzung der Hygieneregeln. „Im Moment tummeln sich bei uns Massen von Menschen, die sich völlig unkontrolliert und meist ohne Maske bewegen. Da ist die Gefahr einer Ansteckung ungleich höher als bei einem regulären Betrieb“, ist Zeman überzeugt.

Dass die Skigebiete Hygiene können, hätten sie bereits während der kurzen Öffnung über Weihnachten bewiesen. „Die Menschen tragen Helme, Handschuhe, Schals und halten dank der Skilänge Abstand. Skifahren ist von Natur aus pandemiefest“, sagt Zeman.

Erzgebirge statt Alpen

Er könnte mit einer Eröffnung im Februar leben. „Für uns ist jetzt gerade die Mitte der Saison. Wir würden also noch die wichtige Ferienzeit mitnehmen. Jeder Tag geöffnet ist definitiv besser als geschlossen“, so Zeman. Die Tschechen, die in den letzten Jahren die Alpen als Skiurlaub vorgezogen haben, können es nun nicht erwarten, wenigstens im eigenen Land zu fahren. Das würde auch die nicht wenigen Deutschen ersetzen, die sonst die tschechischen Skigebiete bevölkerten.

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Sollte sich die Öffnung der Skigebiete allerdings hinziehen, ist laut Verbandspräsident Knot die Hälfte der Skigebiete vom Bankrott bedroht. Für Ivan Soukup in Telnice ist es schon jetzt fünf nach zwölf. Anders als Klínovec liegt sein Skigebiet 400 Meter tiefer. „Wenn wir nächste Woche nicht öffnen dürfen, können wir gleich ganz zu machen."

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