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Schräge Vögel im Schloss Lauenstein

Der Freiberger Künstler Holger Koch bevölkert seine Bilder mit seltsamen Wesen. Menschen sind nicht darunter.

Holger Koch mit seinem Bild „Darf es, bitte schön, etwas Meer sein“, in seiner Ausstellung auf Schloss Lauenstein.
Holger Koch mit seinem Bild „Darf es, bitte schön, etwas Meer sein“, in seiner Ausstellung auf Schloss Lauenstein. © Karl-Ludwig Oberthür

Der Fasching ist in diesem Februar ausgefallen. Dass es so kommen wird, wusste Holger Koch schon vor neun Jahren. Der Freiberger Künstler malte den Karneval als tragisch-komische Versammlung von vier schrägen Vögeln einer Familie, die ihre „Maskerade auf der Promenade“ zur Schau stellen. Die Mutter versucht ein Lächeln, das Haar streng gescheitelt, die Tochter wird derweil violett vor Scham und dreht sich weg. Der unrasierte Sohn hält trotzig seine Möhrennase gerade, während dem Vater ein Licht aufgeht: Auf seiner Matrosenmütze brennt eine Kerze.

Ob Holger Koch einen Vogel hat, ist Ansichtssache. Seine Bilder indes sind voller Vögel. Sein Federvieh, das nicht fliegen kann, ähnelt krummen Fichtenzapfen, deren spitzes Ende auf dünnen Beinchen balanciert und deren runder Kopf in langen Schnäbeln ausläuft. Die sind eigentlich Nasen, denn darunter befinden sich zumeist freundlich lächelnde Münder.

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Kochs Vögel sind neugierig. Sie stehen überall herum, in der „Unsicheren Gegend“, also dem Gangsterviertel Freibergs, genauso wie auf der langen roten Nasenspitze des Malers, der auf dem Rücken liegt und träumt, das ist dann „Ein schöner Tag“. Als „Kleiner Gaukler“ turnen die überaus liebenswerten Figuren über Hausdächer, klammern sich an den Stiel einer Birne, weshalb das Gemälde „Stil Stand“ heißt, oder trippeln auf einem Acker herum, in dessen Furchen eine Kirsche wächst.

2012 malte Holger Koch die "Maskerade auf der Promenade".
2012 malte Holger Koch die "Maskerade auf der Promenade". © Thomas Morgenroth

Spitze rote Nasen

„Gesucht & Gefunden“ heißt diese aquarellierte Radierung, eine Miniatur, die Kochs Ausstellung im Schloss Lauenstein den Namen gibt. Mitunter muss man tatsächlich sehr nah an die Bilder herantreten, um zu sehen, was sich darauf tut. Da trifft sich der blau-weiß geringelte „Aal Fred“ mit befreundeten Fischen (die alle spitze rote Nasen wie die Vögel haben) in einem See, der nur halb so groß wie eine Postkarte ist, und die Schneemänner (mit spitzen roten Nasen natürlich) „Caspar, David & Friedrich“ stehen in Betrachtung des Mondes an einem Strand, der auf einer Musikkassette Platz finden würde.

Koch, 1955 in Freiberg geboren und dort die meiste Zeit geblieben, kann auch größer. Oder er vergrößert seine Briefmarken, indem er sie scannt und mit Spezialtinten, die 100 Jahre lichtecht sein sollen, in Köln auf feinem Büttenpapier ausdrucken lässt. Seinem erzählerischen Stil, der, in Architektur und Landschaft, von Egon Schiele und Paul Klee inspiriert sein könnte, bleibt er in allen Formaten treu. Bloß gut. Es ist ein Vergnügen, Kochs absurde und heitere, mitunter auch melancholische Szenen zu erkunden.

Kochs Zutaten sind häufig alte Häuser, inspiriert von Freiberg, das er als alte verfallene Stadt kennt. „Das ist der Ursprung“, sagt er. „Meine Mutter dachte, ich werde Architekt.“ Heute lässt er sich auch von italienischen Orten anregen, in denen er mal gewesen ist. Was selten vorkommt, denn Reisen, sagt er, gehöre nicht zu seinen Leidenschaften: „Ich bin ein fauler Hund.“ Zu den morbiden Fassaden gesellten sich eines Tages Fabelwesen, die wie Vögel aussahen. Sie setzten sich auf den First, an den Straßenrand, lasen Bücher, hingen Socken auf die Leine (rote natürlich), überfielen eine Bank, ruderten über den Teich.

Allerlei komisches Getier

„Ich versuche, mich in den Vögeln ironisch zu spiegeln“, sagt Koch, der es nicht so mit Menschen hat. „Die gelingen mir nicht“, sagt er und meint damit ihr Abbild. Menschliche Verhaltensweisen sind seinen Figuren indes keineswegs fremd. Nicht nur den Vögeln, auch dem anderen Getier, das sich in seinen Kosmos tummelt. Die Elefantendame „Susanna im Bade“ zum Beispiel, eine Katze, die vor dem Goldfisch im Glas sitzt und auf das „Kater Frühstück“ wartet oder die nackte junge Stute, die sich in aufreizender Pose gerade aus- oder anziehen will. Die Radierung trägt den Titel „Pony & Kleid“. Klingelt da was?

Holger Koch sitzt der Schalk im Nacken, wenn er für seine Bilder die passenden Unterschriften sucht. „Die gehören dazu“, sagte er. Spitzbübisch kommentiert er das rätselhafte Treiben mit Doppeldeutigkeiten, Anleihen aus Kino oder Kunst, mit Aphorismen und Sprichwörtern. Aus dem „Miezhaus“ schauen Katzen heraus, der Käfig des Stubentigers wird zu „Al Cat Raz“, die Vögel treffen sich zur „Piep Show“, es gibt das „Paaradies“, und „Wir lassen die Kirsche im Dorf“, selbst wenn wir den „Kuckucks Klan“ gesichtet haben – oder das Gelbe Unterwasserboot mit den Beatles.

Der Künstler ist wie seine Schöpfungen, ein stilles Wasser, das auch tief sein kann. Verschmitzt lächelt er in sich hinein und freut sich, wenn einer in seinen Bildern Dinge sieht, die er selbst noch nicht gefunden hat. An Ideen mangele es ihm nicht, sagt Koch, „ich schöpfe aus dem Brunnen in mir.“ Die Quelle hat er mit Märchenbüchern aus aller Welt gespeist.

Sein Handwerk lernte im Mal- und Zeichenzirkel Freiberg, in der Abendschule in Chemnitz bei Thomas Ranft und schließlich beim Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sein Fachgebiet: Buchgestaltung. „Aber ich habe nie für anderer Leute Bücher gearbeitet“, sagt er. „Ich habe zu viele eigene Ideen.“

Aus diesem Füllhorn hat Dieter Hoefer, Vorsitzender des Stiftungsrates der Heribert-Fischer-Geising-Stiftung, nun erstmals für das Schloss Lauenstein eine Auswahl getroffen. Er will dort künftig mit dem Schwerpunkt „Heimat Erzgebirge“ zweimal im Jahr regionale Künstler präsentieren, begleitet von kleinen Katalogen, wobei er auch Dresden einschließt. Mit Holger Koch ist ihm ein bemerkenswerter Auftakt gelungen. So eine exotische Vogelschau hat es im Osterzgebirge noch nie gegeben.

Bis 30. Mai, Schloss Lauenstein, geöffnet in Abhängigkeit der staatlichen Restriktionen, aktuelle Informationen im Internet: Schloss Lauenstein

Holger Koch im Internet

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