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Wenn das Land sich selbst überlassen wird

Der Friedersdorfer Matthias Schlicke hat seinen zweiten Roman veröffentlicht. Die umstrittene These eines Wissenschaftlers hat ihn dazu angeregt.

Matthias Schlicke lebt seit 21 Jahren im Klingenberger Ortsteil Friedersdorf und hat unter einem Pseudonym jetzt seinen zweiten Roman veröffentlicht.
Matthias Schlicke lebt seit 21 Jahren im Klingenberger Ortsteil Friedersdorf und hat unter einem Pseudonym jetzt seinen zweiten Roman veröffentlicht. © Karl-Ludwig Oberthür

Als vor wenigen Jahren ein Wirtschaftsforscher dazu aufgefordert hat, die Politik solle sich mit ihrer Förderung auf die Städte konzentrieren und ländliche Gebiete, wo sich das weniger lohnt, sich selbst überlassen, hat Matthias Schlicke im Klingenberger Ortsteil Friedersdorf aufgehorcht. Wo er lebt, das ist ja klassisches ländliches Gebiet, ein Brunnendorf, das jetzt erst eine zentrale Wasserversorgung bekommt. Schlicke hat die These des Wissenschaftlers so verarbeitet, wie er das von Kindesbeinen an kennt, künstlerisch-literarisch.

Ein unscheinbarer alter Mann gerät zwischen die Fronten

Schlicke hat seinen neuen Roman „Billardcafé“ in einem zukünftigen Deutschland angesiedelt, das von Großstädten mit ihren Satellitensiedlungen geprägt wird. Das übrige Land ist kaum noch besiedelt. Es gibt eklatante Gegensätze. Reiche Menschen stellen ihren Wohlstand zur Schau, daneben werden die Grenzen zwischen Gesetz und Unterwelt, zwischen der Polizei und Ganoven immer undeutlicher. Ein unscheinbarer alter Mann gerät hier zwischen die Fronten.

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Wasserwirtschaft studiert und Kabarett gemacht

Wie kommt der 61-jährige Friedersdorfer dazu, sich mit solchen Themen zu befassen? Den professionellen Umgang mit Sprache hat er schon von seinen Eltern gelernt, beide gelernte Schauspieler, auch wenn die Mutter dann als Lehrerin gearbeitet hat. Als Schauspieler genau zu tun, was ein Regisseur vorgibt, konnte sich Matthias Schlicke allerdings nicht vorstellen. Daher hat er einen ganz anderen Berufsweg eingeschlagen, Siedlungswasserwirtschaft studiert, in der Forschung gearbeitet, Kläranlagen mit gebaut und zuletzt im Kundendienst Anlagen zur Wasseraufbereitung betreut. Daneben ist er mit dem Kabarettensemble „Lyrikgruppe Freiberg“ 15 Jahre lang vor allem im Bezirk Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) unterwegs gewesen.

Texte für die Schublade geschrieben

Als er 2015 aus dem Berufsleben ausscheiden musste, kümmerte er sich um die Pflege eines Angehörigen und machte sein Hobby zur Berufung. Er stieg als ehrenamtlicher Lektor beim Hybrid-Verlag ein. Hier betreut er Bücher von jungen Autoren, versucht sie bekannt zu machen und schreibt selbst Texte. Manche davon landen in der Schublade, manche hat er schon veröffentlicht, aber unter einem Pseudonym: Matt Pastore.

Ein weltlicher Pastor

„Pastor“ ist einerseits ein Spitzname, den er schon zu Studentenzeiten bekommen hat und nie wieder losgeworden ist. Er kann ja auch reden, hält gerne Predigten, aber mit weltlichem Inhalt. Andererseits hätte er, als er noch im Kundendienst unterwegs war, nicht als Buchautor bekannt sein wollen. „Sie ahnen nicht, wie grausam Hausmeister sein können“, sagt er. Mit ihnen hatte er laufend zu tun, und wer weiß, ob die ihn dann als Techniker noch ernst genommen hätten.

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Der erste Roman von „M. Pastore“ ist 2019 erschienen, ein Science-Fiction-Werk mit dem Titel „Planet Centronos“. Nun ist das zweite gefolgt. Es soll nicht die letzte Veröffentlichung von ihm bleiben. „Geschichten aus einem kleinen Gebirge“ will er gerne noch veröffentlichen. Dieses Gebirge ist das Erzgebirge, in dem er seit 1995 lebt. Damals wohnte er noch mit Frau und Kind in einer eineinhalb-Zimmer-Wohnung in Dresden und fand in Colmnitz etwas Größeres. Danach bekam er sein heutiges Haus in Friedersdorf angeboten, ein ehemaliges Stellmacherhaus, in dem er mit seiner Familie seit 21 Jahren lebt. Hier schätzt er das Landleben und will sich nicht vorstellen, dass sich in unserem Land alles nur auf die Städte konzentrieren soll.

M. Pastore „Das Billardcafé“, Hybrid-Verlag Homburg, 12,90 Euro, ISBN 978-3-96741-100-3, Softcover: 228 Seiten.

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