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Unwettervorsorge: "Auf jeden Fall besser gemanagt als 2002"

Deutschland kämpft mit Hochwasser. Wie wir dagegen gewappnet sind, erklärt Birgit Lange, verantwortlich für die Talsperren im oberen Elbtal.

Birgit Lange leitet den Betrieb Oberes Elbtal der Landestalsperrenverwaltung, der für den Hochwasserschutz auch an den Nebenflüssen der Elbe verantwortlich ist.
Birgit Lange leitet den Betrieb Oberes Elbtal der Landestalsperrenverwaltung, der für den Hochwasserschutz auch an den Nebenflüssen der Elbe verantwortlich ist. © Karl-Ludwig Oberthür

Frau Lange, wenn wir ein Unwetter im Osterzgebirge oder in der Sächsischen Schweiz gehabt hätten wie im Rheinland – wären wir nach den Maßnahmen, die seit 2002 getroffen wurden, besser gewappnet gewesen oder hätte es uns genauso erwischt?

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Auf jeden Fall hätten wir das in Sachsen besser gemanagt als 2002. Wir haben seitdem an den kleinen Flüssen im Osterzgebirge und der Sächsischen Schweiz vorgesorgt. Es waren ja auch kleine Flüsse, die im Rheinland Probleme bereitet haben. Wir haben baulich vorgesorgt, speziell durch die Errichtung von Hochwasserrückhaltebecken. An der Müglitz ist Lauenstein entstanden. Das Becken in Glashütte ist vergrößert worden. Wir haben auch das Becken in Niederpöbel fertig. Dort können wir die Orte auf alle Fälle schützen. Es gibt aber auch noch Gewässer mit sehr kleinen Einzugsgebieten. Hier stellt das Land Sachsen seit 2017 die interaktive Karte Hochwasserwarnung für kleine Einzugsgebiete über das Landeshochwasserzentrum zur Verfügung. Dazu gibt es zahlreiche Apps. Der Deutsche Wetterdienst gibt mittlerweile sehr gute Frühwarnungen heraus. „Biwapp“ oder „Nina“ sind gute Apps zur Bürgerinformation. Ausschließen, dass Schaden entsteht, kann man bei so großen Ereignissen nie.

Was haben Sie an den Flüssen gebaut?

In den Ortslagen haben wir technische Maßnahmen ergriffen. Wir haben an der Müglitz Flächen gebaut, wo das Wasser ausufern kann und Geschiebe sich ablagert, das sonst an den Brücken zu Verklausungen führt. Auch an der Roten Weißeritz oberhalb von Schmiedeberg haben wir das gebaut. In den Ortslagen haben wir die Flussbetten so ausgebaut, dass sie hundertjährige Hochwasser weitgehend schadfrei ableiten können.

Haben Sie vor einer Woche von der Steinbach-Talsperre in Nordrhein-Westfalen gewusst, die nicht mehr stabil steht?

Ich kannte sie aus dem Talsperrenbuch. Eine solche Situation ist theoretisch überall vorstellbar. Allerdings sind wir hier gut gewappnet, weil wir unsere Talsperren regelmäßig überwachen. Wir machen jährliche Begehungen der Anlagen, es gibt Sicherheitsberichte, wöchentlich und monatlich Kontrollen durch unsere Staumeistereien. Dazu werden die Messwerte laufend untersucht, ob es Abweichungen vom Normalzustand gibt. Es gibt auch vertiefende Überprüfungen mit Gutachtern in unterschiedlichen Abständen.

Ein Auto muss alle zwei Jahre zur Untersuchung, wie oft sind die Talsperren an der Reihe?

Das kommt auf die Talsperrenklasse an. Klingenberg hatten wir komplett saniert, da ist jetzt nicht gleich wieder eine vertiefende Überprüfung nötig. Auch in Lehnmühle haben wir die Sanierung hinter uns, da laufen die letzten Arbeiten. Gottleuba ist bald wieder dran, die ist ja schon etwas älter. Aktuell läuft die Überprüfung für den Speicher Altenberg.

Unterhalb der Steinbach-Talsperre mussten ganze Orte evakuiert werden. Sehen Ihre Pläne so etwas auch vor?

Das ist nicht die Regel. Es gibt aber bei Extremhochwasser einen Einsatzstab, der solche Entscheidungen trifft. Wenn das Versagen eines Bauwerks wahrscheinlich wird, muss man solche Entscheidungen auch treffen. Vorbereitet sind wir. Es gibt festgelegte Handlungsketten. So etwas kommt ja nicht kurzfristig. Das bahnt sich an und kann anhand der Messwerte beobachtet werden. Wenn die brenzlig werden, kann man rechtzeitig eine solche Entscheidung treffen.

An der Steinbach-Talsperre soll der Grundablass durch Geröll verstopft sein. Deswegen muss das Technische Hilfswerk Wasser abpumpen. Ist so etwas bei uns ausgeschlossen?

Ausgeschlossen ist so etwas nie. Wir haben aber Rechen vor unseren Grundablässen, die das Treibgut zurückhalten. Wir haben Rückhaltebecken wie in Lauenstein oder an Becken im Gottleuba-System mit einem dauerhaften Wasserstand. Dort würde Holz aufschwimmen, kann also keine Verstopfung verursachen. In Glashütte und Niederpöbel ist es nicht so, aber auch dort würde man versuchen, Treibgut fernzuhalten. Wir haben aber immer mehrere Möglichkeiten, Wasser abzugeben, schlimmstenfalls über die Hochwasserentlastung. Zwei Talsperren, Malter und Klingenberg, sind ganz komfortabel ausgestattet. Dort haben wir einen Hochwasserentlastungstollen. Das ist eine zusätzliche Möglichkeit, Wasser an der Talsperre vorbeizuleiten und damit den Wasserstand zu senken. Die großen Talsperren haben auch Vorsperren, die Treibgut und Sedimente zurückhalten.

Es hieß ja auch, dass an anderen Talsperren ein Dammbruch gedroht hätte.

Darüber weiß ich nichts, habe aber die Erfahrung gemacht, dass in solchen Extremsituationen die Berichterstattung manchmal nicht richtig ist. Auch wir hatten 2013 an der Talsperre Malter solche Botschaften gelesen, die aber gar nicht der Wahrheit entsprachen. Dort ist schlicht und einfach die Hochwasserentlastungsanlage angesprungen. Die ist aber dafür gebaut. Es ist natürlich ein Zustand, der äußerst selten ist.

Haben sie vor dem vergangenen Wochenende aus Talsperren Wasser abgelassen?

Es gab ja bis Freitagmittag Vorhersagen mit überschaubaren Niederschlagsmengen. Wir haben aber schon Rufbereitschaften für Samstag abgesprochen und dann ging der Hochwassernachrichtendienst in Betrieb. Wir haben die Kollegen an den Talsperren in Bereitschaft versetzt. Im Ernstfall verstärken wir die Einsatzteams an unseren Stauanlagen mit Personal aus der Zentrale des Betriebs. Aber in den Einzugsgebieten der Talsperren im Osterzgebirge waren die Niederschlagsmengen nicht so hoch wie in Ostsachsen und im Einzugsgebiet von Kirnitzsch, Polenz, Lachsbach und Sebnitz.

Haben Sie dort Stauanlagen?

Nur an der Polenz haben wir einen Rechen zum Treibgutrückhalt. Dort habe ich eine Mannschaft von Gottleuba hingeschickt. Abends rief am Sonnabend das Landratsamt an, dass Unterstützung benötigt wird wegen einer Brückenverklausung in Neustadt an der Polenz. Da sind die dann auch hingefahren.

Wie sieht Ihr Schluss aus der Situation aus?

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Wir haben ja in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gesehen, dass vor allem die kleinen Flüsse Schäden gemacht haben. Das zeigt mir, das es an der Zeit ist, politisch umzudenken. Ich denke, dass man wasserrechtliche Vorgaben, die das Bauen in Überschwemmungsgebieten und in Hochwasser-Risikogebieten untersagen, nicht einfach missachten kann, weil andere Bestimmungen wie Baurecht höher gewichtet werden. Ich hoffe, dass man baupolitisch umdenkt. Ich habe eine ganze Liste von Genehmigungen, zu denen wir eine negative Stellungnahme abgegeben haben, wo aber trotzdem nahe an Gewässern gebaut wurde. Wir müssen den Respekt vor der Natur wiederfinden.

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