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Corona: Wenn Behörden sich einigeln

Ein Dippser muss immer länger auf den Kindergeldzuschlag warten. Corona versperrt aber den Weg zur schnellen Klärung. Das ist kein Einzelfall.

Von Franz Herz
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Verschlossene Türen, wie hier im Rathaus Dippoldiswalde, sind in der Coronazeit unumgänglich. Aber die Ansprüche an die Kommunikation der Ämter sind umso höher. Dem werden aber nicht alle gerecht.
Verschlossene Türen, wie hier im Rathaus Dippoldiswalde, sind in der Coronazeit unumgänglich. Aber die Ansprüche an die Kommunikation der Ämter sind umso höher. Dem werden aber nicht alle gerecht. © Egbert Kamprath

Oliver aus Dippoldiswalde, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, muss mit seinem Einkommen scharf rechnen. Deswegen bekommt er für die fünf Kinder der Familie auch den Kindergeldzuschlag. In seinem Fall macht das 600 Euro zusätzlich pro Monat.

Die Bearbeitung bei der Familienkasse dauert immer länger

Das Geld steht der Familie zu, aber es wird immer schwieriger es zu bekommen. Seit Corona ist es ganz verflixt. Den Kindergeldzuschlag muss Oliver alle halbe Jahre neu beantragen. „Vor Jahren hat es zwei, drei Wochen gedauert, bis das bearbeitet war. Inzwischen sind acht bis zehn Wochen keine Seltenheit mehr“, berichtet der Dippser. „Ich bin auch schon selbst nach Bautzen gefahren und bin dort ins Büro, um mein Anliegen zu erklären. Da hat es dann in wenigen Tagen geklappt.“

1.800 Euro fehlen im Familienbudget

Aber seitdem überall Corona-Regeln gelten, sind die Behörden geschlossen. Da ist ihm dieser Weg versperrt. Sonst wäre Oliver schon längst wieder in Bautzen. Denn er hat im August den Kindergeldzuschlag neu beantragt. Dann erhielt er im Oktober ein Schreiben, dass noch Unterlagen von der ältesten Tochter fehlen, weil sie jetzt Bafög bekommt. Die hat Oliver schnell nachgereicht. Er hat aber auch erfahren, dass der Sachbearbeiter den Fall für den 25. November auf Wiedervorlage gelegt hat. Er rechnet also frühestens im Dezember mit der Auszahlung. Inzwischen fehlen 1.800 Euro im knappen Familienbudget.

Ein Antrag bei Lichtblick kann womöglich helfen

Elke Klein-Nowoisky, Sozialarbeiterin bei der Diakonie Dippoldiswalde, mit der Oliver zusammenarbeitet, denkt jetzt darüber nach, für ihn einen Antrag bei der Stiftung Lichtblick zu stellen. „Dort funktioniert so etwas immer sehr unbürokratisch und schnell“, berichtet sie. Doch sie hat auch Bedenken. Denn Oliver steht das Geld von Gesetzes wegen zu. Lichtblick-Gelder sind nicht dafür gedacht, solche Lücken zu überbrücken. Sie sollten eigentlich dort helfen, wo sonst alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind - und nicht staatliche Versäumnisse ausgleichen.

Wenn Ämter schließen und kaum noch zu erreichen sind

Sie beobachtet aber solche Fälle gerade in der Corona-Zeit immer häufiger. „Die Behörden schließen und sind nur noch schriftlich oder per Mail erreichbar. Es gibt aber Menschen, die können sich sprachlich nicht so ausdrücken oder kommen mit dem Computer nicht zurecht, um Mails zu schicken“, sagt sie. „Für die muss es doch Ansprechpartner geben.“ Wer telefonisch sein Anliegen klären will, hat oft auch Probleme durchzukommen oder hängt lange in der Warteschleife.

Darüber hinaus ist es oft auch sehr schwierig, die Behördenbriefe zu verstehen. Selbst für sie als Sozialarbeiterin, die tagtäglich damit zu tun hat, bieten die oft schwere Kost. So hatte sie ein dreiseitiges Schreiben in der Hand, das im Kern nur die Botschaft enthielt: dass der Antrag bearbeitet wird. Das muss dann erstmal jemand rausfinden.

Forderung: Behördenpost in einfacher Sprache

Die Sozialarbeiterin bekommt immer wieder Anfragen: „Ich habe hier einen Brief vom Amt, den verstehe ich nicht. Kann ich kommen?“ Natürlich können die Menschen kommen, das ist Aufgabe der sozialen Beratung der Diakonie. „Aber eigentlich wäre es Aufgabe der Behörden, für die Menschen da zu sein und mit ihnen so zu reden, dass es jeder verstehen kann“, sagt Klein-Nowoisky. Sie betont, dass es schon lange eine Forderung ist, Behördenpost in einfacher Sprache zu verfassen. Dann hätte jeder Bürger eine Chance, das zu verstehen.

Denn aus einfachen Missverständnissen kann ganz schnell akute Not werden. Das hat Klein-Nowoisky schon erlebt. „Wenn jemand nicht versteht, dass er noch Unterlagen bringen muss, heißt es ganz schnell: mangelnde Mitwirkung! Und sofort werden Gelder gestrichen“, sagt sie.