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Osterzgebirge: Glühwürmchen im November?

Das Schauspiel der verliebten fliegenden Leuchtkäfer kennt jeder im Sommer. Doch auch in dunklen Herbstnächten sind sie zu beobachten. Aber äußerst selten.

Von Franz Herz
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Dieses Foto entstand im Sommer, wenn Glühwürmchen normalerweise fliegen. Jedoch sind sie auch in der kalten Jahreszeit zu sehen.
Dieses Foto entstand im Sommer, wenn Glühwürmchen normalerweise fliegen. Jedoch sind sie auch in der kalten Jahreszeit zu sehen. © dpa

Glühwürmchen bei sieben Grad im November? Unmöglich, dachte der SZ-Reporter bis vor wenigen Tagen. Es war schon dunkel. Er füllte noch etwas Gras in die Biotonne. Da fielen ihm ein halbes Dutzend Lichtpunkte im Gras auf. Reflektiert da irgendwas? Hat jemand einen Leuchtstab zerbrochen? Er hatte keine Erklärung. Dann ging er auf die Knie, sah genauer hin und hob einen Punkt auf.

Das Würmchen war pfiffig und büxte aus

Da war es ein kleines Würmchen, um es laienhaft auszudrücken. Es leuchtete, erlosch aber auf der Hand langsam. So wie es im Sommer Glühwürmchen auch tun, wenn man sie einfängt. Ein Glühwürmchen Anfang November? Kann das sein?

Das Tierchen packte er in eine Streichholzschachtel, um am nächsten Tag ein Foto machen zu lassen. Dummerweise war die Schachtel nicht ganz dicht und das Würmchen zu pfiffig. Es ist über Nacht ausgebüxt. Am Morgen war die Schachtel leer.

Larven können auch leuchten

Ein Anruf beim Senckenberg-Museum ergab den Kontakt zu dem Insektenkundler Damir Kovac bei Senckenberg in Frankfurt. Der sprach dann wissenschaftlich korrekt nicht mehr von Glühwürmchen, sondern von Leuchtkäfern, und erklärte, dass es sich um diese Jahreszeit nicht um die eigentlichen Käfer, sondern um die Larven handelt, die durchaus leuchten können.

Aber warum das jetzt im November? Im Sommer ist das logisch, damit Weibchen und Männchen zusammenfinden. Da fliegen sie ja auch und kriechen nicht als Larven am Boden.

Das Licht dient dem Schutz vor Fressfeinden

Die Anlagen zum Leuchten haben die Tiere schon von Anfang an. Die Larven setzen das Leuchten zu ihrem Schutz ein, erklärt Kovac. Die Tierchen schmecken schlecht, das ist der eine Teil des Schutzes. Aber der nützt nichts mehr, wenn beispielsweise ein Vogel das Würmchen schon gefressen hat. Dann wird dem zwar schlecht, aber das Würmchen ist trotzdem tot. Wenn aber durch das Leuchten ein Fressfeind erkennt: Aha, das ist wieder so ein ekliges Würmchen, dann lässt er die in Ruhe. Offenbar hatten die Larven den Reporter im Garten als Feind wahrgenommen. So erklärt sich die Wissenschaft das Verhalten der Leuchtkäfer-Larven. Damir Kovac hat das noch nie selbst beobachtet.

Kleine Larven, großer Appetit

Er hat noch einen Tipp: Es gibt im Internet die Seite www.lampyridae.lima-city.de. Lampyridae ist der wissenschaftliche Name für die Leuchtkäfer. René Spierling sammelt dort Informationen darüber, wo in Deutschland Leuchtkäfer gesichtet werden, und gibt auch spannende Informationen zu den Tieren. So sind die Larven gefräßige Räuber, die Schnecken oder Regenwürmer lähmen und verspeisen können, ist dort zu erfahren.

Drei verschiedene Arten gibt es in Deutschland

Spierling bietet auf seiner Seite auch einen Bestimmungsschlüssel, mit dem man die drei Arten unterscheiden kann, die in Deutschland vorkommen. Wenn die Larve in der Streichholzschachtel noch da wäre, ließe sich die Art jetzt genau bestimmen.

Jedenfalls schreibt Spierling auf die Anfrage von Sächsische.de: „Dunkle Herbstnächte sind tatsächlich die Zeit, in der in Deutschland am häufigsten Leuchtkäferlarven anhand ihres relativ schwachen Leuchtens gesichtet werden.“

„Waren es mehr als zwei Leuchtpunkte pro Tier, können Sie von einer Larve der Art Lamprohiza splendidula, Kleiner Leuchtkäfer, ausgehen. Diese Art hält einen Winterschlaf und sollte darum bald nicht mehr so einfach zu finden sein“, erklärt der Fachmann. Die Käferlarve hier hatte aber nur einen Leuchtpunkt. „Larven von Lampyris noctiluca, Großer Leuchtkäfer, können bei wärmerem Wetter auch mitunter im Winter aktiv sein. Sichtungen sind hier aber selten.“ Unmöglich sind Glühwürmchen im November also nicht, aber schon etwas ganz Seltenes.