Egon ist weg! Verschollen, siebzig Meter unter der Erde, im Besucherbergwerk Vereinigt Zwitterfeld zu Zinnwald. Der Strom fiel aus, die Lampen verlöschten, und der 85 Kilo schwere Typ im Blaumann hat es nicht geschafft, aus der Düsternis zu fliehen. Bei der Wismut gibt der Dispatcher Alarm. Ein Fall für die Grubenwehr.
Die Grubenwehr ist die Feuerwehr der Nacht. Dass es sie gibt, bestimmt das Berggesetz. Jeder Unternehmer, der unter Tage tätig ist, muss für den Notfall vorsorgen. Das gilt nicht nur für Bergwerke und Bergsicherer. Auch Schauanlagen wie das Besucherbergwerk Zinnwald müssen im Falle eines Unglücks Retter zur Hand haben.
Ein bergmännischer Notfall ist in Zinnwald noch nicht vorgekommen, sagt Christoph Schröder, der Museumsleiter. Der gut zwei Kilometer lange Besucherweg, den voriges Jahr um die 12.000 Menschen gingen, werde täglich kontrolliert. Brüchige Stellen würden gesichert. "Trotzdem sind wir nicht davor gefeit, dass etwas passiert."
Grubenbrand: Opa mauert sich ein
Mit Unbehagen denkt Schröder an jenen "Firstfall" vor einiger Zeit. Ein Gesteinsbrocken brach aus der Decke. Zum Glück über Nacht. Keiner kam zu Schaden. Umso mehr freut es ihn, dass heute die Grubenwehr bei ihm übt. "Das gibt uns die Sicherheit, dass wir die Besucher guten Gewissens durch unser Bergwerk leiten können."
Die Retter sind mit dem Kleinbus da. "Grubenwehr Wismut GmbH" steht auf der Flanke des Wagens. Der bundeseigene Bergbausanierer Wismut ist das Rückgrat des sächsischen Grubenrettungswesens. Unter den 80 Wehrleuten sind gut fünfzig Wismuter. Davon arbeiten 23 am Standort Königstein.
Die Königsteiner Grubenwehr hat der Uranproduzent Wismut installiert. 1965 begannen die ersten Wehrleute ihren Dienst. Heute führt Marcel Herzog die Einheit. Der 34-jährige Pirnaer ist der dritte Wismut-Mann seiner Familie. Nicht nur deshalb ist die Grubenwehr für ihn Herzenssache. "Ohne die Grubenwehr würde es mich gar nicht geben."
Am 15. Juli 1955 fährt der 23-jährige Hauer Hellmut Herzog, der einmal Marcels Opa sein wird, in die Urangrube von Niederschlema zur Nachtschicht ein. In über zweihundert Metern Tiefe werden er und seine Kollegen von Brandgasen eingeschlossen. Kabel haben Feuer gefangen. In ihrer Not mauern sich die Kumpel einen Schutzraum aus Bohlen, zertretenen Ziegeln und Schlamm. Nach 63 Stunden werden sie von Grubenrettern befreit.
Das Unglück forderte dreiunddreißig Tote. Von den fünf Mann, die in der selbst gebauten Zelle überlebten, war Hellmut Herzog der einzige, der wieder in den Berg einfuhr. In den 1960ern kam Herzog nach Königstein. Hier wurde er 1973 sogar gemalt, mit seiner "Brigade Herzog". Enkel Marcel geht noch heute jeden Tag an seinem Opa in Öl vorbei.
Damit die Grubenwehr schlagkräftig bleibt, muss jedes Mitglied Übungen leisten, in der Regel acht pro Jahr, davon vier mit Atemschutzgerät, so wie heute in Zinnwald. Egon wird im Bereich von Flöz 8 vermutet. Mit ihrer Ausrüstung, die sie auf Hunte geladen haben, rücken die Wehrleute bis an die Grenze des angenommenen Gefahrenbereichs vor. Nach etwa 600 Metern errichten sie ihre Basis, die Bereitschaftsstelle.
Vier Stunden Atemluft auf dem Rücken
Der Oberführer scharrt die Mannschaft um sich. Auf dem Riss, der Landkarte dieser Unterwelt, zeigt er das Suchgebiet. "Es ist verwinkelt. Passt auf euch auf." Dann werden die Atemmasken an die Geräte angeschlossen. In den rucksackartigen Apparaten, die 15 Kilogramm wiegen, stecken Lüfter, Sensoren und zwei Kali-Kanister. Die Kombination bewirkt, dass der Träger, obwohl er im Kreis atmet, vier Stunden lang Sauerstoff hat. Die üblichen Pressluftatmer der Feuerwehr ermöglichen dagegen nur um die zwanzig Minuten Einsatzzeit.
Mit "Glückauf!" beginnt die Reihe orangeroter Helme ihre Mission, die Wärmebildkamera voraus gerichtet und nach rückwärts Kabel von einer dicken Trommel abspulend. Funk funktioniert hier unten nicht. Die Verständigung erfolgt via Draht. Allein die Königsteiner Grubenwehr hat zehn Kilometer davon auf Lager.
Unter einem der Helme wallt es blond. Isabel Schiller, 36, ist eine von drei Wehrfrauen in der Wismut. Sie war die erste überhaupt. Das muss an ihrer sozialen Ader liegen, vermutet sie. "Ich helfe gerne Leuten." Normalerweise sitzt sie im Büro und kümmert sich um die Beschaffung. Die Grubenwehr ist ihr Ausgleich. Ein Ausgleich, der nichts für Untrainierte ist, wie sie findet. "Man muss hart verpackt sein."
Der Trupp gewinnt Boden. Nach fünf Minuten kabelt Truppführer Jens Zirnstein zur B-Stelle: "Sicht sehr gut, Wetter gut." Das heißt: keine giftigen Gase da. Egon hat Chancen. Doch wo steckt er? Schon ist das Ende des Suchsektors erreicht. Keine Spur von ihm. Sollte er vom Besucherweg abgekommen sein?
Heimliche Schatzjäger riskieren viel
Die Wehrleute entschließen sich, das Geländer zu übersteigen und eine weite, schräge Höhlung hinaufzukraxeln. Isabel spielt die Stärke ihrer 1,57 Meter Körpergröße aus und kraucht nach rechts weiter, in einen alten Abbau hinein, wo im letzten Winkel tatsächlich der Vermisste liegt. Die Erfolgsmeldung geht durch den Draht: Leicht am Bein verletzt und etwas verwirrt sei die Person, ansonsten aber heil.
Egon ist ansprechbar. Er sagt aber nichts. Er ist ein Dummy. Die Wehrleute legen ihm ein kleines Sauerstoffgerät an, den Selbstretter, und fixieren das Mundstück mit Klebeband. Dann wird die Puppe in die Schleiftrage eingeschnürt. Mit großem Geknirsch rutscht das Paket die sandige Stollensohle entlang in Richtung Rettung.
Truppführer Zirnstein ist zufrieden. Die Aufgabe wurde gelöst, wenn auch nicht auf Anhieb. Dass Egon hinter der Absperrung liegt, hatte er nicht erwartet. "Sie hatten ihn gut versteckt." Das Szenario sei dennoch realistisch. Es gebe ja genug "Hobbybergleute". Er meint Schwarzbefahrer, die in alten Bergwerken nach Mineralien suchen: "Einer kriecht da hinter, weil er denkt, da findet er was, und dann kriegt er einen Stein auf den Kopf und fällt um."
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Isabel verstaut die verschwitzten Atemmasken in einem Plastesack. "Es hat Spaß gemacht." Aus der acht Grad kühlen Nacht geht es in den grellen Sommertag zurück - allerdings ohne den Stummen im Blaumann. Für ihn lohnt das Ausfahren nicht. In drei Wochen soll er schon wieder gerettet werden, diesmal mit Seiltechnik. Dann heißt es erneut: Findet Egon!