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Neue Friedensrichterin in Dippoldiswalde

Von ihrem Ehrenamt hat Andrea Reichel gelernt, die Dinge lieber von zwei Seiten zu sehen. Jetzt weiß sie auch, was sie als Streitschlichter darf und was nicht.

Andrea Reichel ist die neue Leitende Friedensrichterin im Rathaus Dippoldiswalde.
Andrea Reichel ist die neue Leitende Friedensrichterin im Rathaus Dippoldiswalde. © Egbert Kamprath

Eine Anzeige in der Sächsischen Zeitung hatte Andrea Reichel neugierig gemacht: Die Große Kreisstadt Dippoldiswalde suchte nach einem Friedensrichter. "Da habe ich mich im Internet erst einmal belesen, was das für ein Amt ist", sagt sie. Ein ehrenamtliches, erfuhr sie später im Gespräch mit der Stadt. "Es geht vor allem um Schlichtungen bei Nachbarschaftsstreit." Fälle, die sich auch ohne Gang vors Gericht auflösen lassen könnten, schickt das Amtsgericht auch an die Schiedsstelle im Dippoldiswalder Rathaus. 

Im Vergleich zu einem Prozess vor Gericht können Bürger mit dieser Art der Schlichtung Geld und Zeit sparen. Allerdings sind Streitfragen zu Ehe, Kindern und Erbe von vornherein von einem Schiedsspruch ausgeschlossen. "Wir haben erklärtermaßen keine juristische Ausbildung", sagt Reichel. "Unser Ziel ist es, ohne Paragrafenwirrwarr eine Lösung zu finden, mit der beide Seiten leben können."

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Häufiger Streit wegen Lärm

Die meisten Bürger, die sich an die Schiedsstelle in Dippoldiswalde wenden, ärgern sich über Lärm vom Nachbarn: "Rasenmäher, Laubbläser, Hundebellen", zählt Reichel auf. Unstimmigkeiten über die Tierhaltung der einen Partei ist ebenfalls ein häufiges Problem - wobei Andrea Reichel weder das Wort "Problem" noch "Parteien" mag. "Ich spreche lieber von der einen Familie und von der anderen. Und wenn beide wollen, gibt's kein Problem, sondern eine Lösung."

Wenn das Amtsgericht einen Fall an die Schiedsstelle verweist, erfährt Reichel entweder per E-Mail, Telefon oder in ihrer Sprechstunde im Rathaus davon: "Wenn wir uns die eine Seite angehört haben, machen wir mit der anderen Seite einen Termin." Nicht nur beide Seiten werden gehört, auch beide Friedensrichter - die Vorsitzende und ihre Stellvertreterin - sind bei diesen Terminen anwesend. "Besonders wichtig ist das Vier-Augen-vier-Ohren-Prinzip dann, wenn es um eine Schlichtung geht." Denn die Lösung, die dort im Protokoll festgehalten wird, ist für beide Seiten auch bindend. 

Im Normalfall dauert es vier bis sechs Wochen bis zu einer Lösung. "Über Gespräche gelingt es meist, die Sicht der anderen Seite darzustellen und ein Verständnis dafür herzustellen." Ob die Bereitschaft für ein Aufeinander-Zugehen da ist, merkt sie schnell: "Zwingen kann ich niemanden, und es ist auch nicht meine Aufgabe, Menschen zu ändern. Ich kann für Verständnis werben. Doch wer eine Klärung vor Gericht will, der  nimmt diesen Weg." 

Vom Stadtrat ins Amt gewählt

Gewählt werden die Friedensrichter in Sachsen von den Räten ihrer Gemeinden. Und so entschieden sich die Dippoldiswalder Stadträte bei ihrer Sitzung am vergangenen Mittwoch für Andrea Reichel als Vorsitzende Friedensrichterin. Nicht überraschend, denn als Stellvertreterin von Gerold Haufe, der im April dieses Jahres in den Ruhestand ging, hat sie bereits mehr als ein Jahrzehnt Erfahrungen mit diesem Amt vorzuweisen. Neu dazugekommen ist ihre Stellvertreterin Janet Seyffarth.

Ihr Arbeitgeber hat Verständnis für ihr Ehrenamt und dafür, dass sie an den Donnerstagnachmittagen flexibel sein muss. Reichel selbst legt großen Wert darauf, ihr Arbeits- und Privatleben vom Ehrenamt als Friedensrichterin zu trennen: "Wenn ich einen Fall im Verwandten- oder Bekanntenkreis hätte, würde ich den an meine Stellvertreterin abgeben, um nicht parteiisch zu wirken", sagt sie. Die elf Jahre als Stellvertretende und nun als Leitende Friedensrichterin haben sie dennoch verändert: "Ich bilde mir auch privat keine Meinung mehr, ohne beide Seiten gehört zu haben." 

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