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Sturzgefahr nicht erkannt?

Ein 81-Jähriger rutscht aus dem Duschrollstuhl. Einige Monate später stirbt er an Lungenentzündung. Hätte das verhindert werden können? Das soll das Gericht klären.

© Symbolfoto: Sebastian Schultz

Von Anne Schicht

Immer dienstags war Dienstbesprechung. So erinnert sich die Ergotherapeutin Thea G. vor dem Amtsgericht Dippoldiswalde. Ärzte, Physio-, Ergo- und Sprachtherapeuten, Neuropsychologen und der Soziale Dienst sprachen dabei gemeinsam den Zustand der Patienten durch. Einer von ihnen, der damals 81-jährige P., erholte sich gerade in der Reha von einem Schlaganfall und wünschte sich wieder mehr Selbstständigkeit. Das brachte die Ergotherapeutin in die Sitzung ein und die Physiotherapeutin bestätigte, dass er sicher sitzen würde. 

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Thea G. sollte nun mit dem Patienten das Duschen üben. Die 28-Jährige setzte ihn also etwas später in einen speziellen Rollstuhl und fuhr mit ihm ins Bad. Dort habe sie ihm die Duschbrause gezeigt, die Temperatur eingestellt und ihn gebeten, seinen Oberkörper und seine Oberschenkel zu waschen. Sie selbst habe sich schräg nach hinten gedreht, denn dort war die Ablage, auf der das Shampoo stand. 

Aus den Augenwinkeln habe sie noch gesehen, wie der Patient zur Seite wegrutschte. Zwar versuchte sie, ihn zu halten, bekam ihn aber nicht mehr richtig zu fassen. Der Mann schlug mit den Kopf auf den Fliesen auf. Sofort rief die Ergotherapeutin um Hilfe.

Lungenentzündung als Folge der Bettlägerigkeit

Einige Monate später verstarb P. an einer Lungenentzündung. Diese soll in Kausalität zum Sturz beim Duschen gestanden haben. Thea G. erhielt einen Strafbefehl wegen fahrlässiger Tötung und soll 60 Tagessätze zu je 40 Euro zahlen. Dagegen legte sie mit ihrem Verteidiger Einspruch ein.

Gleich zu Beginn der Verhandlung erklärt die mitgenommen wirkende Frau, dass ihr alles sehr leid tut. Leise, doch präzise beschreibt sie, welche Arten von Duschrollstühlen es gibt, dass sie die Armstützen seitlich aufgeklappt hatte, damit P. Halt haben würde. 

Sie habe die Bremsen des Rollstuhls aktiviert, nach vorne seien nur wenige Zentimeter Platz gewesen, seitlich wären Handläufe gewesen, an denen sich die Patienten festhalten können. „An dem Tag war er orientiert. Als ich fragte, ob wir duschen üben wollten, bejahte er das. Er war schon seit anderthalb Wochen auf unserer Station, in dieser Zeit ist er nie aus dem Rollstuhl gefallen“, sagte die Ergotherapeutin.

Witwe: "Ich habe immer noch Albträume"

Auch die Witwe wird als Zeugin vernommen. Verbittert erzählt sie, dass man sie nicht informiert hätte. Erst, als sie ihren Mann nachmittags besuchen wollte und nicht vorfand, erfuhr sie, dass er im Krankenhaus sei. „Ich habe immer noch Albträume. Wir waren über 57 Jahre verheiratet, und nur, weil nicht aufgepasst wurde, ist das zu Ende.“

Die einbezogene Rechtsmedizinerin kommt zu dem Schluss, dass der Sturz zur Bettlägerigkeit des Patienten geführt habe. Eine Lungenentzündung sei dann eine typische Folge, wenn die Atemwegssekrete nicht mehr richtig abfließen können. Eine Gutachterin sieht bei der Ergotherapeutin zumindest eine Mitschuld. 

Die Ärzte sind zwar diejenigen, die die Maßnahmen entscheiden und seien dafür verantwortlich. Doch hätte Thea G. selbst prüfen müssen, ob sich P. auf beiden Seiten abstützen konnte. Das sei fraglich, immerhin war er nach dem Schlaganfall links nur eingeschränkt bewegungsfähig gewesen. 

Verteidiger Henning Schneider weist darauf hin, dass P. sich schon drei Wochen vor dem Vorfall in der Reha befand. Da sei es ihm zum Zeitpunkt des Unglücks sicherlich besser gegangen. Leider liegt die Patientenakte dem Gericht nicht vor.

Richterin Daniela Höllrich-Wirth stellt das Verfahren vorläufig ein. Bis Februar 2021 muss Thea G. allerdings 1.200 Euro an Ärzte ohne Grenzen überweisen. Ist das geschehen, gilt das Verfahren als erledigt.  

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