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Roetsch beerbt Rösch als Biathlon-Trainer

Der Doppel-Olympiasieger von 1988 kehrt nach knapp 30 Jahren zurück nach Altenberg. In seiner neuen Rolle sieht er sich als Lernender.

Frank-Peter Roetsch betreut jetzt die Biathleten in Altenberg.
Frank-Peter Roetsch betreut jetzt die Biathleten in Altenberg. © Foto: Egbert Kamprath

Altenberg. Seine Schützlinge hat er noch kein einziges Mal gesehen. Dabei ist Frank-Peter Roetsch schon seit gut zwei Wochen neuer Trainer am Bundesstützpunkt in Altenberg. Wegen Coronafällen am Sportgymnasium wurden Schule und Internat geschlossen. Auch der Biathlon-Nachwuchs musste zu Hause bleiben. „Ich hoffe, dass ich sie in der nächsten Woche zum ersten Mal treffe“, sagt der 56-Jährige.

Bei der Vorstellung will er sich auf den Namen beschränken, seine Titel, Erfolge und Ehrungen weglassen. „Wer diesen Sport professionell betreibt, der kann, denke ich, was mit meiner Person anfangen“, meint er. Seine Schützlinge sind 40 Jahre jünger als er, waren also noch lange nicht auf der Welt, als Roetsch bei den Olympischen Spielen in Calgary 1988 Gold im Sprint und Einzel gewann, neben der Staffel damals die einzigen Disziplinen. Drei Jahre zuvor hatte er bei einem Weltcup für Aufsehen gesorgt, weil er als erster Biathlet die neue Skating-Lauftechnik nutzte.

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Bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary gewann Roetsch Gold im Einzel und im Sprint. In der Staffel kam das DDR-Quartett allerdings nur auf den fünften Platz.
Bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary gewann Roetsch Gold im Einzel und im Sprint. In der Staffel kam das DDR-Quartett allerdings nur auf den fünften Platz. © Foto: dpa-Archiv

Roetsch ist also nicht irgendein ehemaliger Sportler, der nun als Trainer anfängt. Die Personalie ist auch deshalb eine besondere, weil er als Athlet in Altenberg trainiert hat, für Dynamo Zinnwald gestartet ist. „Nach 30 Jahren schließt sich der Kreis“, sagt er und klingt, als müsse er sich erst noch an den Gedanken gewöhnen.

Exakt sind es 28. Nach seinem Rücktritt 1992 konnte er nicht sofort als Trainer einsteigen, weil er das Sportstudium an der Dresdner Außenstelle der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) abgebrochen hatte. „Es hieß damals, der Abschluss wird im vereinigten Deutschland nicht anerkannt. Und ich habe das geglaubt.“

Er arbeitete zunächst bei einem Autohaus, das ihn zuletzt als Sponsor unterstützt hatte. 15 Jahre war er dann selbstständig, hielt Vorträge, leitete Seminare, erklärte, wie er sich als Spitzensportler motiviert und Ziele gesetzt hatte. „Als ich mich von zwei, drei Partnern getrennt hatte, wurde es schwierig, das auf dem bisherigen Level durchzuziehen“, erzählt er. „Deshalb bin ich als Verkäufer zurück in die Autobranche gegangen.“ Mit Corona brachen dort jedoch die Absatzzahlen ein.

Rösch tritt nach einem Jahr als Trainer zurück

Roetsch bewarb sich auf eine Ausschreibung des Skiverbandes Sachsen. Die Stelle als Stützpunkttrainer wurde frei, weil Michael Rösch nach nur knapp einem Jahr wieder aufgehört hatte. Der Doppel-Olympiasieger von 1988 beerbt also den Staffel-Olympiasieger von 2006. Wie Rösch hat auch Roetsch ein Problem – keine Trainerlizenz. Vom Sportstudium hat er keinen Abschluss. „Ich mache den C-Schein jetzt parallel zu meiner Arbeit“, erklärt der gebürtige Güstrower, der mit seiner Frau Kathrin zwei Söhne hat und in Dresden lebt.

Der Schein ist aber nur die eine Seite. „Ich habe den Biathlonsport in den 30 Jahren natürlich verfolgt, war bei Weltcups und Weltmeisterschaften vor Ort – aber nicht mehr aktiv dabei. Deshalb sehe ich mich da jetzt als Lernender“, erklärt er. Die Trainingsmethodik habe sich komplett verändert. Es sind neue Disziplinen wie Verfolgung und Massenstart hinzugekommen. „Was wir zu meiner Zeit gemacht haben, war damals richtig und erfolgreich. Jetzt muss es das nicht mehr sein.“

Nach nur einem Jahr als Trainer am Stützpunkt Altenberg warf Michael Rösch, Staffel-Olympiasieger von 2006, wieder hin. Roetsch ist sein Nachfolger.
Nach nur einem Jahr als Trainer am Stützpunkt Altenberg warf Michael Rösch, Staffel-Olympiasieger von 2006, wieder hin. Roetsch ist sein Nachfolger. © dpa-Zentralbild/Robert Michael

Trainingspläne will er deshalb vorerst nicht erstellen, sondern seine Kompetenzen einbringen. „Ich kann mit den Jugendlichen an Feinheiten arbeiten, weiß zum Beispiel, wie das Schießen funktioniert.“ Sein Vertrag läuft zunächst bis zu den Olympischen Winterspielen 2022. „Ich sehe das aber nicht als befristetes Engagement, sondern als längerfristiges“, betont er. Dass in Peking ein Biathlet aus Sachsen starten wird, ist eher unwahrscheinlich. Ob es vier Jahre später klappt, möchte Roetsch nicht vorhersagen. „Ich muss mir erst einmal ein Bild von den Talenten machen. Ich brauche Zeit, und die nehme ich mir auch. Die Bedingungen hier sind jedenfalls gut. Das bestätigen auch Trainer aus anderen Regionen in Deutschland.“

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