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Schanze im Dornröschenschlaf?

Die Tradition des Skispringens im Osterzgebirge endete praktisch mit der Wendezeit. Sächsische.de begibt sich auf Spurensuche – diesmal in Hennersdorf.

Der Nachwuchs fühlte sich wohl auf der Hennersdorfer Sprungschanze.
Der Nachwuchs fühlte sich wohl auf der Hennersdorfer Sprungschanze. © kairospress

Die Sprungschanze in Hennersdorf im Molkerbusch bei Dippoldiswalde unweit des ehemaligen Freibades wurde 1981 eingeweiht. Mit der Wende kam nach kurzer Zeit auch für diese Anlage das Aus. Stöbert man heute durch den Molkerbusch, so sind noch Überreste des Kampfrichterturmes sowie der Gegenhang sichtbar. Eine Sprungschanze im Dornröschenschlaf?

Die Tradition des Skispringens in dieser kleinen osterzgebirgischen Gemeinde wurde allerdings schon in der Nachkriegsjahren geebnet. Hennersdorfer Sportler waren Mit-Initiatoren beim Bau der Schanze der Zukunft am Borberg. Diese Schanzenanlage wurde zwar der Gemeine Röthenbach zugeordnet, da das Grundstück auf deren Flur lag, doch Leute wie Helfried Märker oder Heinz Heerklotz wirkten tatkräftig mit. Schanzenbauer Hans Neuber wohnte einige Zeit bei der Familie Märker in Hennersdorf. Seine Vorliebe für eine Tasse heißen Kakao ist dort noch heute legendär.

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Auf der Sprungschanze Hennersdorf fanden auch Mattenspringen statt.
Auf der Sprungschanze Hennersdorf fanden auch Mattenspringen statt. © kairospress

Aber auch in Schmiedeberg waren die Skispringer aus Hennersdorf aktiv. Der heute 79 Jahre alte Sportlehrer Gerhard Steinigen war mit 31 Metern Schanzenrekordhalter auf der Glückauf-Schanze, dem Vorgänger der späteren Schanze im Hochofengrund. 1958 holte sich Steinigen den Pokal beim Mattenspringen anlässlich des Tages des Bergmanns auf der Riesengrundschanze in Altenberg. „Ich kann mich noch an einen Sprunglauf im Jahr 1959 auf der Schanze der Einheit in Neuhausen erinnern. Damals war die gesamte DDR-Spitze am Start. Ich durfte mit Springern wie Olympiasieger Helmut Recknagel, Harry Glass und Werner Lesser antreten“, lässt der begeisterte Wintersportfan alte Zeiten Revue passieren. Ab 1987 war er Kreissportlehrer beim Deutschen Turn- und Sportbund und kümmerte sich dabei um die Ausbildung junger Übungsleiteranwärter. Einer seiner früheren Mitstreiter auf den Schanzen der Region, Eberhard Göbel aus Obercarsdorf, bekam einmal ein paar Ski von Steinigen: „Ich erhielt von Gerhard die damals sehr guten Hickory-Ski. Das war für mich als etwas jüngerer Sportler ein Riesending.“

Steinigen war auch der maßgebliche Schöpfer der sogenannten Pionierschanze in Hennersdorf. „Die Bedingungen für ein Ganzjahrestraining mit unserem Nachwuchs war mit weiten Fahrten zu den Schanzen verbunden. Also wurde der Gemeinde der Vorschlag für eine eigene kleine Schanze im Molkerbusch unterbreitet. Wir bekamen das Ja-Wort und mithilfe vieler Vereinsmitglieder und der ortsansässigen Landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft und deren Vorsitzenden Günter Krumpelt wurde die Sprungschanze gebaut. Über 3.000 Stunden freiwilliger Arbeit wurden geleistet.“ Unter Steinigen und Trainer Gerold Heerklotz wurden junge Skispringer zum Trainingsstützpunkt Dynamo Zinnwald-Ost oder an die Kinder- und Jugendsportschule nach Klingenthal delegiert. „Wir bildeten damals gemeinsam mit den Sportlern aus Röthenbach eine Trainingsgemeinschaft, fuhren meist zusammen zu Wettkämpfen“, erzählt Heerklotz.

Auch schweres Gerät kam beim Bau der Schanze zum Einsatz.
Auch schweres Gerät kam beim Bau der Schanze zum Einsatz. © kairospress

Zwei Springer aus dieser Kaderschmiede waren Jens Göpfert und Heiko Zimmermann. Beide erzielten beim Weihesprunglauf der Hennersdorfer Pionierschanze mit 20 Metern einen für ewig haltenden Schanzenrekord. „Wir waren damals schon an der Sportschule in Klingenthal, fuhren extra für diese Weihe nach Hause. Dieses Ereignis wollten wir uns nicht entgehen lassen“, sagt der 52-jährige Göpfert. In Klingenthal trainierte er die Nordischen Kordinierer, wurde Dritter bei einer DDR-Spartakiade. „Ich absolvierte schon mit sechs Jahren meine ersten Sprünge auf der kleinen Raupennestschanze in Altenberg, doch meine erste Urkunde bekam ich 1975 für die Teilnahme bei der Kleinen Friedensfahrt.“ Göpfert wechselte später ins Lager der Langläufer, Zimmermann ist heute noch als Seniorenspringer bei Masters-Skispringen aktiv.

Ebenfalls als Skispringer in Hennersdorf anzutreffen war einst Jens Steinigen, Neffe von Gerhard Steinigen. „Die Steinigens waren eine skisprungbegeisterte Familie, da war jeder irgendwie an der Schanze zu finden“, erklärt Gerhard. Jens Steinigen wechselte dann zu den Biathleten und wurde 1992 in Albertville Olympiasieger mit der Staffel. Heute lebt der 54-Jährige als Rechtsanwalt im bayerischen Traunstein.

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An der Schanze in Hennersdorf wurde schließlich sogar eine Flutlichtanlage installiert, die jährlichen Nachtspringen auf Kunststoffmatten waren in den Achtziger-Jahren fester Bestandteil im Skikalender. Mit der Wendezeit wurde es ruhig auf der Anlage. Im Osterzgebirge wurden nur noch Bob, Rodeln und Biathlon gefördert. „Es gab zunächst Überlegungen, hier in Hennersdorf eine größere Schanze zu bauen. Ein Investor hatte große Pläne. Allerdings wurde nie etwas daraus. Ich hätte da aber auch meine Finger davongelassen“, sagt Gerhard Steinigen. Auch in der heutigen Zeit soll es einige Ideen für einen Neuaufbau der Sprungschanze geben. Allerdings ist ein Bau einer solchen Sportanlage mit vielen Auflagen verbunden, die die technische Sicherheit betreffen. Und nicht nur der Wiederaufbau, auch die Unterhaltung ist immens teuer.

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