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Wer die Puhdys nach Seifersdorf holte

Frank Arnold und Anita Ulbricht bewahren Erinnerungen an den abgerissenen Gasthof "Zum Erbgericht" in einem Gästebuch.

Frank Arnold und Anita Ulbrich blättern in ihrem Gästebuch, dass sie einst als Betreiber des Seifersdorfer Jugendclubs anlegten. Diese Seite gestalteten die Puhdys 1972.
Frank Arnold und Anita Ulbrich blättern in ihrem Gästebuch, dass sie einst als Betreiber des Seifersdorfer Jugendclubs anlegten. Diese Seite gestalteten die Puhdys 1972. © Egbert Kamprath

Seit September ist der alte Gasthof "Zum Erbgericht Seifersdorf" Geschichte. Doch einige der Geschichten, die sich in ihm abspielten, leben weiter. In der Paulsdorfer Wohnung des Ehepaars Arnold beispielsweise: Dort legt Frank Arnold ein gut erhaltenes Gästebuch auf den Tisch. Schwarzweißfotos und lustige Zeichnungen zieren die Seiten: "Damals hatten gar nicht alle Bands Fotos von sich", erklärt er die comicartigen Selbstporträts einiger Musiker. "Da ging es noch viel schneller, selbst was hinzukritzeln"

"Damals" begann 1968 mit der Gründung des Jugendclubs Seifersdorf. Franz Arnold war 18 Jahre alt, Anita Ulbricht 16: "Wir wollten was eigenes machen, tanzen gehen", erzählt sie. Die Lust auf Abenteuer ist ihrem fröhlichen Gesicht noch immer anzusehen: "Ich hatte mit der Lehre zur Gebrauchswerberin angefangen", sagt sie: "da war ich bei unseren Feten natürlich schnell für die Deko zuständig."  

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Doch zunächst mussten sie erst einmal den Saal des Seifersdorfer Gasthofes herrichten. Gasthof-Betreiber Willy Kunath war zwar bereit, ihnen dem Jugendclub samt seiner Tanzabende und Konzerte zur Verfügung zu stellen, "aber so, wie er damals war, konnte man darin nicht feiern. Der ganze Dorfclub hat mit vorgerichtet", erzählt Ulbricht. Denn hinter dem Jugendclub stand auch noch die Elterngeneration: "Die nahmen die Zügel spätestens dann in die Hand, wenn es um den Gewinn aus unseren Konzerten ging", sagt Arnold mit einem Augenzwinkern. Die "Großen" taten allerdings auch etwas dafür: "Meine Schwiegermutter stand hinter der Bar und erfand auch ein paar Mischgetränke", sagt Ulbricht. Arnolds Vater übernahm den Einlass, und der ABV kam auch vorbei "mal gucken eben".

Bands buchen ohne Telefon

So ausgerüstet konnte es losgehen: "Um die Puhdys ranzukriegen, ist mein Mann im tiefsten Winter mit dem Motorrad nach Pretzschendorf gefahren, weil die dort aufgetreten sind", erzählt Ulricht: "Anrufen hätte ja nicht funktioniert. Der musste gleich dort bei ihrem Auftritt den Vertrag mit ihnen abschließen." 1.400 Mark für zwei Stunden Konzert bekam die Band: "Das bekamen wir mit dem Eintrittsgeld wieder rein", sagt Arnold. Als sie Anfang 1971 noch einmal bei Harry Jeske, dem kürzlich verstorbenen Puhdys-Bassist mit Managerfunktion, um einen Auftritt bemühten - diesmal per Postkarte - bekamen sie nicht mehr so leicht eine Zusage. Die Band gehörte mittlerweile zu den bekanntesten in der DDR, und Jeske antwortete ebenfalls per Blankopostkarte und grünem Filzstift, dass er erst "im Aprill" wieder Termine vergeben könnte.       

Dafür kamen Panta Rhei mit Veronika Fischer als Sängerin gegen ein Honorar von 1.800 Mark, "und Crescendo kam zwar immer eine Stunde zu spät, aber dafür waren wir mit denen immer ausverkauft", sagt Anita Ulbricht und erinnert sich lachend an Electra: "Die haben den größten Krach auf der Bühne gemacht. Weil sich die Bevölkerung schon beschwerte, ist mein Mann auf die Bühne und hat um leiseres Spielen gebeten. Aber den hat gar keiner gehört." 

Wer hart feiert, muss auch hart arbeiten

Und dann war da noch diese ewige Konkurrenz mit Höckendorf: "Dort war mehr los als bei uns, da mussten wir schon ein bisschen Elan aufbringen", sagt Arnold. Eine Weile haben sie wöchentlich einen Tanzabend veranstaltet- später hieß das dann Disco: "Da haben wir die Höckendorfer abgehängt."   

Ein enormes Pensum, denn die Jugendclub-Mitglieder arbeiteten ehrenamtlich: "Bedienung, Einlass, Souvenirverkauf für die Bands - für all das floss kein Geld an uns." Dafür galt für sie um so mehr: Wer hart feiert, musst auch hart arbeiten. "Wenn wir Tanz oder Konzerte im Winter ansetzten, musste ich früh 4 Uhr zum Gasthof und den Saal anheizen. Und mittags noch einmal", sagt Frank Arnold. "Hinterher haben wir natürlich noch sauber gemacht", wirft Ulbricht ein. Das schweißt zusammen: Sowohl die Arnolds als auch die Ulbrichts haben sich während ihrer Jugendclub-Zeit als Paare zusammengefunden. Noch heute sind alle vier eng befreundet. Und manchmal werden sie noch angesprochen: "Neulich in Oelsa kam jemand auf uns zu und meinte: 'Da habt ihr mich damals ni reingelassen! Da bin ich eben durchs Fenster geklettert."

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