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Der den Kreuzchor in den Kuhstall holte

Nikolaus Flämig hat lange damit gewartet. Jetzt geht der profilierte Landwirt mit 77 Jahren in den Ruhestand, und pflegt weiter die Kirchenmusik.

Nikolaus Flämig war bis ins Alter von 77 Chef der Sadisdorfer Agrargesellschaft. Nun hat er den Schritt in den Ruhestand gemacht.
Nikolaus Flämig war bis ins Alter von 77 Chef der Sadisdorfer Agrargesellschaft. Nun hat er den Schritt in den Ruhestand gemacht. © Egbert Kamprath

Nikolaus Flämig, Vorstand der Sadisdorfer Agrargesellschaft, stand immer wieder in der Öffentlichkeit, auf einer Bauerndemo gegen das Töten einer ganzen Rinderherde in Freital nach einem Fall von Rinderwahnsinn, auf Bauernversammlungen nach der Sachsenmilchpleite. Gerne hat er Termine im Kuhstall wahrgenommen. Dorthin hat er einst sogar den Kreuzchor eingeladen.

Der Sohn folgt an der Spitze der Sadisdorfer Agrar AG nach

Kreuzchor und Kuhstall, das passt auf den ersten Blick nicht zusammen. Der Kreuzchor und die Familie Flämig hingegen haben eine enge Bindung. Nikolaus Flämig ist 1944 als Sohn des späteren Kreuzkantors Martin Flämig in Dresden zur Welt gekommen. Auch wenn sein Berufsweg auf andere Wege führte, war die Musik für ihn immer mehr als ein Hobby, auch jetzt, nachdem er mit 77 Jahren in den Ruhestand gegangen ist. Er und Jörg Reichel haben im Mai den Platz an der Spitze der Agrargesellschaft geräumt. Flämigs Sohn Felix und Sven Birnbaum folgen ihnen nach.

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In die Landwirtschaft, etwas weiter weg vom DDR-Staat

Nikolaus Flämig hat seine Kindheit in Dresden verbracht und eine Landwirtschaftsausbildung mit Abitur in Aschersleben absolviert. Danach wollte er gerne Lehrer für Deutsch und Musik werden. „Mein Vater riet mir aber, in der Landwirtschaft zu bleiben, um nicht zu abhängig vom Staat zu sein“, erzählt er. So studierte er in Berlin Landwirtschaft. Dort lernte er in der Studentengemeinde Hellmuth Herrmann aus Sadisdorf kennen. Das war mitentscheidend dafür, dass er nach dem Diplom ins Osterzgebirge ging und als Grünland- und Futterökonom in der damaligen Kooperativen Abteilung Pflanzenproduktion anfing.

Hier wurde der junge Diplomlandwirt 1971 zum Leiter gewählt und packte ein großes Bauprojekt an, die Jungviehanlage am Ortsrand von Sadisdorf. Der Betrieb wurde 1977 zur LPG Pflanze umgewandelt. „Hier galt die Linie der Partei. Wirtschaftlich war das nicht sehr erfolgreich“, erinnert er sich heute.

Jörg Reichel (li) und Nikolaus Flämig bei der feierlichen Einweihung des neuen Kuhstalls 2004 in Hennersdorf.
Jörg Reichel (li) und Nikolaus Flämig bei der feierlichen Einweihung des neuen Kuhstalls 2004 in Hennersdorf. © Egbert Kamprath
Die erste Kuh im Kuhstall Hennersdorf hat 2011 die Grenze von 100.000 Kilogramm Milch erreicht. Das war Anlass für eine kleine Feier.
Die erste Kuh im Kuhstall Hennersdorf hat 2011 die Grenze von 100.000 Kilogramm Milch erreicht. Das war Anlass für eine kleine Feier. © Egbert Kamprath
Hier dirigiert Nikolaus Flämig bei einem Chortreffen in seinem Heimatort Hennersdorf. Die Musik, speziell die Kirchenmusik, begleitet ihn sein ganzes Leben, auch jetzt im Ruhestand.
Hier dirigiert Nikolaus Flämig bei einem Chortreffen in seinem Heimatort Hennersdorf. Die Musik, speziell die Kirchenmusik, begleitet ihn sein ganzes Leben, auch jetzt im Ruhestand. © Egbert Kamprath

Spannend wurde es 1989. Eine Mitgliederversammlung entschied in geheimer Abstimmung, dass die Kooperation beendet wird. Die zwei Betriebsteile gingen getrennte Wege als Landwirtschaftsgesellschaft Hermsdorf/E. und als Agrargenossenschaft Sadisdorf, in der Flämig weiter an der Spitze stand. Das war die Gründung eines neuen Unternehmens, für das es damals keine Rechtsgrundlage gab. „Wir haben uns an dem alten Genossenschaftsgesetz von 1889 orientiert“, erinnert sich Flämig. Die Agrargenossenschaft Sadisdorf e.G. ist dann als eine der ersten Genossenschaften in Sachsen ins Register eingetragen worden.

Die Voraussetzungen für das neue Unternehmen waren durchwachsen. Es hatte keine Altschulden und der Betrieb war auch zusammengeblieben. Aber die Bauten und Einrichtungen waren nicht auf der Höhe der Zeit. Im Stall in Hennersdorf waren 16 Mitarbeiter damit beschäftigt, den Mist aus dem Stall zu fahren. „Die Milchleistung war mäßig, die Gesundheit der Tiere schlecht. Sie lebten in völlig untauglichen Haltungsbedingungen“, erinnert sich Flämig.

Vorsitzender der Sächsischen Milcherzeuger

Dazu kamen andere Probleme. Nachdem windige Bauunternehmen die damalige Sachsenmilch in die Pleite gewirtschaftet hatten, schlossen sich über 300 Landwirte zur Sächsischen Milcherzeugergemeinschaft zusammen. Nikolaus Flämig wurde ihr Vorsitzender. So blieben die Lieferanten zusammen, um einen guten Start mit der Molkerei in Leppersdorf zu ermöglichen, die 1996 in Betrieb ging. Die Milch aus dem Stall in Hennersdorf wird heute noch nach Leppersdorf geliefert.

Um mit den Förderbedingungen klarzukommen, gestaltete Flämig eine Unternehmensgruppe um die Agrargenossenschaft. Das operative Geschäft übernahm die Sadisdorfer Agrar AG, die mit der Genossenschaft verbunden ist. Zwei Tochterunternehmen sind für die Windkraftanlagen und die Mutterkuhhaltung zuständig.

Die Entscheidung: aufgeben oder neu bauen

Der Betrieb musste wirtschaftlicher gestaltet werden. Im Jahr 2000 standen in Sadisdorf 300 Kühe und in Hennersdorf 300 Kühe, die im Jahr 4,5 Millionen Kilogramm Milch gaben. Das war unwirtschaftlich. „Wir standen vor der Entscheidung: aufgeben oder neu bauen“, sagt Flämig. Parallel setzte das Unternehmen auf die Gewinnung erneuerbarer Energien mit Windkraft und Biogas.

2002 fiel die Entscheidung, in Hennersdorf einen komplett neuen Stall zu bauen, einen in dem die Kühe komfortabel leben können. Im November 2004 ging der erste Neubau für 400 Kühe in Betrieb. Der Neubau wurde in außergewöhnlichem Rahmen gefeiert. Flämig ließ seine Beziehungen zum Kreuzchor spielen und die jungen Sänger traten im Kuhstall auf.

Vier Anläufe nötig, um die Nachfolge zu regeln

„Danach ging es steil nach oben“, sagt Flämig. 2013 folgte der zweite Abschnitt des Neubaus. Heute leben die Kühe länger und gesünder. Außerdem geben sie im Schnitt 12.500 Kilogramm Milch pro Jahr. In zwanzig Jahren ist die Leistung um mehr als die Hälfte nach oben gegangen. Wobei die Umstände immer wieder schwierig sind. Lange Jahre war der Milchpreis niedrig. Die letzten Jahre war das Wetter ungünstig. Aber Flämig ist zuversichtlich, dass der Betrieb gut aufgestellt ist, um solchen Schwierigkeiten zu bestehen.

Eine Schwierigkeit war auch, die Nachfolge zu regeln. Nikolaus Flämig und Jörg Reichel, die beiden Chefs, haben weit über ihr Rentenalter hinaus gearbeitet. Vier Anläufe hat Flämig unternommen, um einen Nachfolger für sich zu finden. Nun hat er sich für eine Lösung in der Familie entschieden. Sein Sohn Felix Flämig und Sven Birnbaum, der im Betrieb gelernt hat, sind jetzt die neuen Vorstände der Sadisdorfer Agrar AG. Dieser Wechsel ging in Corona-Zeiten ganz leise über die Bühne.

An der Orgel in den Kirchen der Umgebung

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Nikolaus Flämig will aber nicht leise werden, zumindest nicht musikalisch. Er leitet seit 2003 den Chor des Kultur- und Kunstvereins in Kreischa und spielt Orgel, wenn Kirchgemeinden in der Umgebung ihn bitten, mal in Klingenberg, mal in Dorfhain oder Colmnitz. Derzeit überbrückt er eine Übergangsphase in der Stadtkirche Dippoldiswalde, nachdem Kirchenmusikdirektor Brückner in den Ruhestand gegangen ist. Dafür hat er von 2007 bis 2009 noch eine reguläre Kirchenmusikerausbildung absolviert.

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