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"Dem Handwerk gehen die Chefs verloren"

Für mehr als 1.000 Unternehmen im Landkreis werden in den nächsten zehn Jahren Nachfolger gesucht. Ein Projekt hilft jetzt beim Finden.

Projektmitarbeiter Sven Müller bringt im Landkreis Partner für Firmenübergaben zusammen.
Projektmitarbeiter Sven Müller bringt im Landkreis Partner für Firmenübergaben zusammen. © Norbert Millauer

Die Zahlen sind beeindruckend. Von den mehr als 4.000 im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gelisteten Handwerksbetrieben, haben rund 30 Prozent Inhaber, die älter als 55 Jahre sind. "Das bedeutet, dass etwa 1.200 Betriebe in den nächsten zehn Jahren an Nachfolger übergeben werden müssten", sagt Antje Reichel, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Südsachsen.

Das sei für sie aber auch alarmierend, und zwar in vielerlei Hinsicht. Gelingt eine Übergabe einer Handwerksfirma nicht, hat das erhebliche Auswirkungen für alle, bis hin zu enormen Preissteigerungen insbesondere im ländlichen Raum. Deshalb hat die Kreishandwerkerschaft zusammen mit der Handwerkskammer ein Projekt initiiert, das Partner für eine Betriebsübergabe zusammenbringen soll.

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Seit diesem Jahr ist Sven Müller extra dafür eingestellt worden. Für drei Jahre sind schon mal Fördermittel über ein Programm des Bundeswirtschaftsministeriums bewilligt worden. Es ist ein Pilotprojekt, das es so in Sachsen noch nicht gibt. Sächsische.de fragte Sven Müller, was daran so schwierig sein soll, eine gut gehende Firma an den Mann oder die Frau zu bringen.

Herr Müller, weshalb ist die Übergabe einer Handwerksfirma etwas, das alle interessieren sollte?

Jeder braucht ja mal einen Handwerker oder hätte gern mindestens einen Friseur- oder Bäckerladen in seinem Ort. Wenn die mal geschlossen sind, wird es schwer, sie wieder in Betrieb zu nehmen. Gibt es keine Handwerksfirmen mehr in der näheren Umgebung, erhöhen sich zwangsläufig die Preise für die Kunden. Das hat ja auch einen Versorgungscharakter. Umso wichtiger wird es sein, lokale Akteure aus Verwaltung und Räten mit einzubinden und aufzuklären, damit dem Handwerk nicht die Chefs verloren gehen.

Was können Sie leisten, was andere nicht können?

Als unsere Hauptaufgabe sehen wir erst mal an, zwei Pools zu schaffen, also einen von übergabewilligen Inhabern und einen von übernahmewilligen Neuunternehmern. Vordergründig sollten das natürlich Handwerker sein. Bei größeren Betrieben können wir uns aber auch gut Betriebswirte vorstellen, die eine Handwerksfirma übernehmen. Diese Partner wollen wir gern zusammenbringen. Bisher kamen zwar auch schon Inhaber auf die Handwerkskammer zu, wenn es um Übergaben ging. Nun wollen wir aber zusätzlich aktiv auf die Betriebe zugehen - frühzeitig.

Warum ist die langfristige Planung bei einer Übergabe so wichtig?

Einen perfekten Zeitpunkt der Übergabe gibt es nicht. Klar ist aber auch, dass es einen Monat vor der Rente zu spät ist, sich Gedanken zu machen. Eine Nachfolge geht auch ins Persönliche. Da hilft es, wenn man schon länger miteinander gearbeitet hat. So erkennt der Übernehmer auch besser, dass es Regen- wie Sonnentage im Leben eines Unternehmers gibt. Zudem wird klarer, welche Fähigkeiten als Führungskraft gefragt sind. Nur geschickte Hände reichen da nicht.

© SZ Grafik

Gibt es Branchen, wo jetzt schon absehbar ist, dass das Nachwuchsproblem besonders groß ist?

Das lässt sich aus der Statistik schon gut ablesen. Bei Kfz-Betrieben oder den Tischlern gibt es zwar viele ältere Inhaber, aber auch viele Lehrlinge, die den Beruf ergreifen. Bei den Elektrotechnikern oder Installateuren sieht das aber anders aus. Auch das kann irgendwann zum Nachteil im ländlichen Raum werden, wenn beispielsweise das Telekommunikationsnetz defekt ist oder die Heizung streikt und es Tage dauert, bis man einen Handwerkertermin bekommt.

Die Generation der Babyboomer geht demnächst in Rente. Kompetenter Nachwuchs ist dann überall gefragt. Ist das Handwerk dem Wettbewerb um die besten Führungskräfte gewachsen?

Auch deshalb gibt es ja dieses Projekt. Wir planen Veranstaltungen nicht nur in den Meisterklassen, sondern auch schon früher. Die Eltern reden vielleicht noch bei der Berufswahl mit. Bei der Entscheidung, sich selbstständig zu machen, kann es nicht genug an Informationen geben. Wegen der Corona-Maßnahmen ist für uns zwar derzeit noch der Weg in Berufs- oder Oberschulen verwehrt. Aber auch dort wollen wir demnächst Veranstaltungen mit direkten Gesprächen organisieren und dabei auf die Möglichkeiten im Handwerk aufmerksam machen.

Was ist der Vorteil daran, eine "gebrauchte" Firma zu übernehmen, als völlig neu zu gründen?

Man könnte einen Kundenstamm übernehmen, der schon mal einen Grundstock sichert. Erfahrene Fachkräfte müsste man sich nicht erst suchen. Viele Betriebe haben auch Maschinen, die gut gewartet sind, auch wenn sie keinen großen Buchwert mehr haben. Das könnte günstiger sein, als neue Maschinen zu kaufen. Es ist auch nicht zu unterschätzen, dass man Zahlen aus der Vergangenheit als Orientierung hat.

Es gibt auch nicht übergabefähige Unternehmen. Was ist mit denen?

Auch die beraten wir im Übergang und dort ist auch etwas zu übergeben wie etwa ein Kundenstamm. Für viele Inhaber ist der eigene Betrieb die einzige Altersvorsorge. Damit das auch so Wirklichkeit wird, muss man natürlich jede Übergabe im Detail betrachten. Wir haben das mal in drei Kategorien eingeteilt. 1. Interne Übergaben, also an Familienangehörige oder langjährige Mitarbeiter. 2. Externe Übernehmer finden. Und Drittens sind es die nicht übergabefähigen Unternehmen.

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Das kann man wohl sagen. Nach einer Ausbildung als Kfz-Mechaniker habe ich den Meister sowie den Betriebswirt gemacht und 16 Jahre selbst ein Unternehmen geführt. Später habe ich jahrelang als Dozent bei der IHK und zuletzt bei der Handwerkskammer gearbeitet. Da habe ich viele Betriebe mit den unterschiedlichsten Herausforderungen kennengelernt. Diese Erfahrungen werden mir und der Zielgruppe in diesem Projekt helfen.

Kontaktdaten: Kreishandwerkerschaft Südsachsen, E-Mail: [email protected], Tel. 0350153040

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