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Diskreter Wunsch der Spätaufsteher

BerlinerLuft

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Von Sven Siebert

Die Wessis, die Anfang der 90er Jahre in den Osten kamen, wunderten sich, dass sie morgens um halb neun in Bussen, Straßen- oder S-Bahnen fast ganz allein saßen. „Wie kommen die Leute denn zur Arbeit?“, fragte sich mancher. Die Antwort sickerte langsam ins Hirn der Zugereisten: Sie kommen mit Bus und Bahn, nur zwei Stunden früher als du! Das war eine der ersten schockartigen Erfahrungen deutsch-deutscher Annäherung. Wie sollte man bloß zusammenwachsen, wenn die einen erst ins Büro kamen, wenn sich die anderen schon wieder auf den Weg in die Sparte machten? Aus der postsozialistischen Bettflucht machte die sachsen-anhaltische Landesregierung schließlich sogar eine Image-Kampagne: „Willkommen im Land der Frühaufsteher.“

Inzwischen haben die Westdeutschen manche Uhr verstellt. Und auch bei der Sozialistischen Einheitpartei – inzwischen Die Linke – ticken die Wecker mittlerweile anders. Der „Spiegel“ berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, der saarländische Bundesvorsitzende Oskar Lafontaine habe sich in der Führung der Linken „mit einem diskreten Wunsch“ durchsetzen können: Am nächsten Sonntag wird sich der Parteivorstand nicht – wie jahrzehntelang üblich – vor Morgengrauen vor dem Friedhof in Ostberlin-Friedrichsfelde versammeln, um vor allen anderen Kränze an den Gedenksteinen von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht niederzulegen. In diesem Jahr versammelt sich die Parteiführung erst um viertel zehn und tritt dann planmäßig um halb zehn vor die Gedenkstätte der Sozialisten. Die eigentliche „LL-Demo“ beginnt um zehn. Ordner sind allerdings aufgerufen, sich bereits um neun „zu einer kurzen Einweisung“ an der Ecke Frankfurter Allee/Warschauer Straße einzufinden. „Vor Mac-Donald“, wie das Organisationskomitee wörtlich vermerkt. Das imperialistische Schnellrestaurant McDonald’s hat übrigens um diese Zeit schon geöffnet.

P.S: Die Wiedervereinigung bleibt nicht ganz ohne Rache. Der Bus mit den Genossen aus Hamburg verlässt die Hansestadt am Sonntagmorgen bereits um 6 Uhr.

Geringfügig intensiver als über das LL-Gedenken diskutiert die Hauptstadt dieser Tage über das seit 1. Januar geltende Rauchverbot in Gaststätten. „Der Tagesspiegel“ debattiert mit größtem Ernst über die Frage, ob es richtig sei, das Rauchverbot noch bis zum 1. Juli zu ignorieren, weil der Senat bis dahin ohnehin noch keine Bußgelder verhänge. Es sei unsinnig, sich in einer Kneipe voller Raucher ans Verbot zu halten, heißt es unter „Pro“; es sei unanständig, sich an ein demokratisch beschlossenes Gesetz nicht zu halten, steht unter „Contra“. Derweil wird in manchen Kneipen geraucht, in anderen nicht.

Die FDP ist bekanntlich mehrheitlich gegen ein gesetzliches Rauchverbot. Und der FDP-Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Beerfeltz ist Kettenraucher. Im Erdgeschoss der Parteizentrale in der Berliner Reinhardtstraße befindet sich das Restaurant „Manzini“ – so etwas wie die Kantine der freidemokratischen Parteispitze und ihrer Mitarbeiter. Das Lokal wurde jetzt in den „Manzini-Club“ umgewandelt. Für alle Mieter des Hauses ist die Mitgliedschaft kostenlos. Außenstehende zahlen einen Euro im Monat. Und was sieht die Vereinssatzung vor? Im „Manzini-Club“ darf geraucht werden.