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„Döbeln bekommt zu wenig Geld“

Gastredner Axel Viehweger hält die Politik für verfehlt. Ankerstädte wie Döbeln müssten besser unterstützt werden, um ihre Funktion zu erfüllen.

© André Braun

Von Jens Hoyer

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Döbeln. Einmal im Jahr laden die drei großen Genossenschaften der Region – die Wohnungsgenossenschaft Fortschritt Döbeln (WGF), die VR-Bank Mittelsachsen und die Raiffeisen-Handelsgenossenschaft Mittelsachsen – ihre Geschäftsfreunde und Partner zum Empfang ein. Am Mittwoch zogen alle drei Genossenschaften eine positive Bilanz des vergangenen Jahres. Eine, die Axel Viehweger aber nicht teilen mag. Der Vorsitzende des Landesverbandes sächsische Wohnungsgenossenschaften zog als Gastredner ein bitteres Fazit: „Ich bin mit 2017 nicht zufrieden.“ Das habe aber nicht an irgendwelchen Geschäftszahlen, sondern an den politischen Entwicklungen gelegen. Anders als in den Genossenschaften gebe es „kein Wir in der Politik, da war nur ein Ich. Sonst hätte man gemerkt, wie die Stimmung unter den Menschen ist. Nach der Wahl scheint man zu erkennen, wie ein Ostdeutscher denkt und fühlt. Das stimmt optimistisch“, meint Viehweger.

Beim Landesverband gehe es nicht mehr nur um Wohnungen. „Wir machen aus Sorge um das Land viel mehr Politik als früher.“ Die Aufgabe: Eine Allianz für attraktive Städte zu schmieden. Viehweger misst den sogenannten „Ankerstädten“ wie Döbeln eine große Bedeutung bei. Sie stellten die Infrastruktur für Wohnen, medizinische Versorgung, Bildung und Freizeit bereit. „Sie müssen ihre Aufgaben aber auch erfüllen können. Das Geld sollte nicht mehr nach Köpfen, sondern nach Aufgaben verteilt werden“, sagte Viehweger. „Dresden und Leipzig bekommen viel zu viel und Döbeln bekommt zu wenig.“

Döbeln hält Viehweger für ein gutes Beispiel, wie die verschiedenen Akteure von Verwaltungen, Wohnungsgesellschaften, Krankenhaus und Vereinen zusammenarbeiten können. „Dieses ressortübergreifende Denken brauchen wir überall.“ In weiten Teilen der Politik sieht er das nicht. „Da hat jeder seine Scheuklappen. Man müsste mehr Kompromisse schließen, aber das schaffen sie nicht“, so Viehweger.

Bei den Genossenschaften macht man aus den Rahmenbedingungen das Beste. Dabei kann das, was für den einen gut ist, durchaus schlecht für den anderen sein. Beispiel Zinsen: Es sei schon verkehrte Welt, wenn für Guthaben mehr Zinsen gezahlt werden, als für kurzfristige Kredite hereinkommen, sagte Angelika Belletti vom Vorstand der VR-Bank Mittelsachsen. Trotzdem wurden an die 16 000 Mitglieder knapp 450 000 Euro Gewinn ausgeschüttet und das Eigenkapital aufgestockt. Auch die Region hatte etwas vom guten Abschneiden. Die Bank mit rund 150 Mitarbeitern zahlte 1,8 Millionen Euro Steuern und spendete 40 000 Euro. In diesem Jahr will sich die Bank verstärkt um die Mitgliederwerbung kümmern.

Bei der Raiffeisen-Handelsgenossenschaft (RHG) Mittelsachsen sind die niedrigen Zinsen gut fürs Geschäft. Sie sind mit dafür verantwortlich, dass der Bau und damit auch das Geschäft brummt. Aber die nächste Delle kommt bestimmt, meint Vorstand Horst Franke. Deshalb hat die RHG Leisnig-Oschatz mit der RHG Hainichen fusioniert, um besser für den Wettbewerb aufgestellt zu sein. Der Vorstand von derzeit vier Personen wird 2019 auf zwei reduziert. Dem wachsenden Bedürfnis der Kunden nach günstigen Preisen und mehr Service will die RHG durch den Umbau ihres Marktes in Waldheim gerecht werden. Dort werden klassischer Verkauf und digitale Welt zusammengebracht. Bei Bedarf sei der Onlinehandel möglich, so Franke.

Die Wohnungsgenossenschaft Fortschritt hat im vorigen Jahr 1,1 Millionen Euro in Instandhaltung und rund vier Millionen in Balkone, den Wohnpark in Döbeln Ost II, die Stadtvillen in Döbeln Nord und die neue Verwaltung in Döbeln Ost I gesteckt. Die Fertigstellung der Stadtvillen und der Umzug der Verwaltung werden in diesem Jahr verfolgen, so Vorstand Stefan Viehrig. Außerdem sei geplant, 120 neue Mieter zu gewinnen. Der Leerstand liegt bei rund 3,4 Prozent.