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Döbeln gegen Rechts

Am Sonnabend demonstrierten 350 Rechtsextreme in der Stadt. Die Bürger hielten mit eigenen Veranstaltungen dagegen.

Von Jens Hoyer und Jan Iven

Die Glocken der Nicolaikirche übertönten die gerufenen Parolen, als die Jungen Nationaldemokraten, ein Ableger der rechtsextremen NPD, am Gotteshaus vorbeizogen. Das Läuten war auch ein Zeichen für ein breites Bündnis gegen die Neonazis, dem sich auch die evangelische Kirche angeschlossen hatte. Viele Döbelner machten am Sonnabend Lärm, um ihrem Ärger über die Demonstration der JN durch die Stadt Luft zu machen. Das Bündnis „Döbeln ist bunt“ und die Antifa hatten zu Gegenveranstaltungen aufgerufen.

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Auf dem Wettinplatz empfingen die Gegendemonstranten hinter einem doppelten Polizeizaun die Rechtsextremen mit „Nazis raus!“-Rufen. Foto: Dietmar Thomas
Auf dem Wettinplatz empfingen die Gegendemonstranten hinter einem doppelten Polizeizaun die Rechtsextremen mit „Nazis raus!“-Rufen. Foto: Dietmar Thomas
An der Bahnhofstraße löste die Polizei eine Sitzblockade der linken Seite auf. Dabei ging sie nicht zimperlich vor. Foto: Jens Hoyer
An der Bahnhofstraße löste die Polizei eine Sitzblockade der linken Seite auf. Dabei ging sie nicht zimperlich vor. Foto: Jens Hoyer

Den etwa 350 Rechtsextremen standen rund 700 Gegendemonstranten gegenüber. Die 800 Polizeibeamten aus Sachsen, Hessen, Berlin und Thüringen sahen es als ihre Aufgabe an, die beiden Seiten auf Abstand zu halten. Was ihnen auch gelang, wenn in einem Fall auch mit ziemlich handfesten Methoden.

Die Demonstrationen verliefen weitgehend friedlich. Weniger friedlich war aber der Auftakt. Schon in der Nacht hatte es in Döbeln eine Prügelei gegeben. Gegen 1 Uhr war ein Notruf bei der Polizei eingegangen, sagte Polizeisprecher Frank Fischer. 15 Linke sollen drei Rechte verfolgt und am Edeka-Markt verprügelt haben. Einer landete im Krankenhaus, zeigte auf der Demo am Nachmittag aber schon wieder seine Blessuren. Um eine Gegenreaktion und weitere Zusammenstöße zu verhindern, schirmten starke Polizeikräfte in der Nacht das Café Courage an der Bahnhofstraße ab.

Die Leipziger Linken-Stadträtin Juliane Nagel hatte die Demo der Antifa durch Döbeln angemeldet. Ein Redner machte ein paar Zusammenhänge klar, warum die Rechtsextremen gerade in Döbeln gegen Polizeiwillkür demonstrieren. Im Februar hatte Innenminister Markus Ulbig die Nationalen Sozialisten Döbeln verboten. Das relativ bedeutungslose Splittergrüppchen war danach fast geschlossen der JN beigetreten, um das Versammlungsverbot umgehen zu können. Die JN war in den vergangenen Wochen in der Region sehr aktiv. Unter anderem mit einem Plakat „Menschenrecht bricht Staatsrecht“, einem Zitat, das Adolf Hitler in „Mein Kampf“ verwendete. Auch am Sonnabendvormittag hielt die JN kleinere Kundgebungen in Leisnig und Waldheim ab.

Das Bündnis „Döbeln ist bunt“ empfing die Neonazis am Ostbahnhof mit einem Pfeifkonzert. „Verschwindet aus dieser Stadt, ihr seid hier nicht willkommen“, rief die SPD-Bundestagsabgeordnete Simone Raatz in Mikro. Pfarrer Stephan Siegmund sprach von den Opfern des Rechtsradikalismus – zu dem auch die Neonazis selbst gehören, als „junge Menschen unter der Herrschaft eines alten Geistes“. „Lasst euch nicht zum Hass aufhetzen. Die Liebe ist der Sinn des Lebens“, sagte Siegmund in Richtung der Rechtsextremen. Frauen vom Verein Regenbogen kümmerten sich um die Demonstranten, verteilten Schnittchen und Kuchen. Nur 200 Meter Luftlinie entfernt gab es hinter dem Gymnasium ein Schulhofkonzert mit der alten und der neuen Schülerband und den Rappern von „Stiftlyrics“ aus Dresden. Das Newcomerkonzert sei schon länger geplant gewesen, sagte Schulleiter Michael Höhme. Dass es gleich noch ein Konzert gegen Rechts wurde, sei eine „schicksalhafte Fügung“.

Die Innenstadt war ab dem frühen Nachmittag weitgehend für den Autoverkehr gesperrt. Die Polizei schirmte die Aufmarschstrecke der Rechten ab. Aber an einigen Stellen nicht gut genug. An der Sparkasse hatten sich etwa 100 junge Leute auf der Straße niedergelassen. Nach und nach rückte immer mehr Polizei an, um die Sitzblockade aufzulösen. Nach der dritten Aufforderung, die Straße zu räumen, rückten die Beamten vor. Die Gruppe setzte sich ab – und zwar im Laufschritt in Richtung Bahnhofstraße, wo sich die Demonstranten auf der Brücke erneut hinsetzten. Die Polizei holte die Blockierer von der Straße und drängte sie ausgesprochen unsanft von der Demonstrationsstrecke. Drei Sanitäter aus Dresden schafften eine weinende junge Frau in einen Hausflur. Wie ein Augenzeuge berichtete, war ein Polizist auf sie gefallen und hatte sie mit dem Helm verletzt. Einige ältere Leute waren ziemlich aufgebracht über das massive Vorgehen der Polizisten. Ein Polizeiführer versuchte, die Wogen zu glätten.

Der Zug mit 350 Rechten lief zu diesem Zeitpunkt unter massiven Polizeischutz durch die Stadt. Vom Eingang des Lessing-Gymnasiums ertönten laute „Nazis-raus!“-Rufe. Auch aus den Seitenstraßen der Innenstadt erklangen immer wieder Protestrufe. Auf der Ritterstraße hielten die Rechten eine erste Kundgebung ab, vor dem Polizeirevier eine zweite. Die Versuche der anderen Seite, zu dem Demonstrationszug durchzubrechen, verhinderte das massive Polizeiaufgebot. Am Hauptbahnhof half die Polizei dann noch bei der Abreise: Eine Beamtin gab per Lautsprecher die Abfahrtzeit der Züge durch.