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Mehr Patienten in der Allgemeinpsychiatrie

Im Vergleich zum Vorjahr sind knapp neun Prozent mehr Patienten im Fachkrankenhaus Bethanien in Behandlung. Eine Folge der Corona-Krise?

Francisco Pedrosa Gil ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie am Fachkrankenhaus Bethanien.
Francisco Pedrosa Gil ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie am Fachkrankenhaus Bethanien. © Dietmar Thomas

Region Döbeln. Fehlende soziale Kontakte, Quarantäne, Angst vor dem Virus – die Auswirkungen der Corona-Krise und des Lockdowns auf das Leben der Menschen sind vielfältig. Wie sehr sie die Psyche belasten, das kann zurzeit noch nicht endgültig geklärt werden. Fest steht aber, dass am Fachkrankenhaus Bethanien in Hochweitzschen schon jetzt nicht nur im Bereich der Suchterkrankungen, sondern auch in der Allgemeinpsychiatrie 2020 deutlich mehr Patienten behandelt worden sind, als im vergangenen Jahr.

Für Januar bis September ist die Zahl der Patienten um neun Prozent gestiegen, wie Michael Veihelmann, Theologischer Geschäftsführer der Klinik, sagt. Sächsische.de hat daher das Gespräch mit Dr. Francisco Pedrosa Gil gesucht. Er ist Ärztlicher Direktor sowie Chefarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie am Fachkrankenhaus.

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Herr Pedrosa Gil, die Klinik Bethanien verzeichnet in diesem Jahr einen Patientenzuwachs von neun Prozent. Was ist die Ursache dafür?

Der Zuwachs an Patienten in der Allgemeinpsychiatrie kann verschiedene Ursachen haben. Auch ein Zusammenhang mit den pandemiebedingten Belastungen auf die menschliche Psyche ist nicht auszuschließen. Dies ist aus derzeitiger Sicht mit den zur Verfügung stehenden Daten nicht plausibel zu belegen.

Auf Grund der Laufzeit der Pandemie ist davon auszugehen, dass belastbare Aussagen hinsichtlich coronabedingter Erkrankungszahlen erst zu einem späteren Zeitpunkt auf Basis evidenzbasierter Auswertungen möglich sind.

Wie lässt sich mit den aktuellen coronabedingten Herausforderungen am besten umgehen?

Aus unserer Sicht sind für das seelische Gleichgewicht, mit der Krisensituation umzugehen, folgende Aspekte wichtig: Es sollte jeder sachlich „informiert“ bleiben, aber in der „richtigen Dosis“.

Man sollte sich durch Falschmeldungen im Internet und anderen Medien nicht verunsichern lassen, sich auf die vertrauenswürdigen Informationsquellen, wie zum Beispiel das Robert-Koch-Institut (RKI), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und insbesondere das Bundesgesundheitsministerium beziehen.

Für das Nervensystem, auch unter neurobiologischen Aspekten und psychologisch betrachtet, sollte ein übermäßiger Medienkonsum vermieden werden, einschließlich 24-Stunden-Onlinenachrichtensendungen. Das kann zu Stress führen, der in Panik und Angst münden kann.

In der Regel begrenzen sich die sozialen Kontakte der meisten Mittelsachsen derzeit auf den engsten Familienkreis. Das fördert mitunter auch Konflikte zutage. Wie kann hier das Zusammenleben auf engstem Raum trotzdem harmonisch gestaltet werden?

Richtig ist, dass die Reduzierung und Minimierung von sozialen Kontakten eine Belastungssituation für die Psyche ist. Hier empfehlen wir weiterhin einen strukturierten, klaren Tagesablauf. Trotz der Situation sollte der Kontakt zu Familienangehörigen und Freunden soweit wie möglich aufrechterhalten werden.

Zudem sollte nicht vergessen werden, dass uns geliebte Menschen auch gesundheitlich unterstützen, ebenso psychologisch, so dass ein Austausch hier von großer Bedeutung ist. Man sollte dem Gegenüber zu verstehen geben, dass man ihn nicht alleine lässt. Auch ein Brief kann helfen oder eine kurze SMS und ruhig auch aktiv auf Menschen zuzugehen.

Viele Abwechslungen im Alltag fallen zurzeit weg. Auf was sollten sich die Mittelsachsen jetzt konzentrieren?

Von Bedeutung für den Biorhythmus des Körpers und das Nervensystem sind ausreichende Schlafenszeiten und regelmäßige Mahlzeiten. Auch bei Home-Office sollte man das mit berücksichtigen. Wichtig ist auch, wie vor der Krise, ein Gleichgewicht zwischen ausreichender körperlicher Tätigkeit durch Bewegung und Sport sowie Schlaf, aber auch Aktivitäten, die Freude machen. Man sollte zum Beispiel trotzdem versuchen, seine Hobbys auszuüben.

Wie können wir mit der Angst vor dem Virus umgehen?

Psychotherapeutisch betrachtet ist es wichtig, positive Gefühle, wie Freude, zu verstärken, und negative Gefühle, wie Angst oder Panik, erst einmal anzuerkennen, zu reflektieren und gegebenenfalls mit nahestehenden Personen zu besprechen. Hier hilft es, psychologische Aktivitäten und Erlebnisse aus der Vergangenheit, die in der Biografie sehr positiv waren, als sogenannte Wiedererinnerung vor Augen zu haben.

Wenn alle „Stricke reißen“ sollte professionelle Hilfe gesucht werden.

„Angst“ als Stressfaktor sollte nicht unterschätzt werden, denn eine psychische Belastung kann auch zu Krankheitsbildern führen.

Welche genau gibt es da in der Region?

Bereits im Frühjahr, im Rahmen der ersten Welle, wurde in unserer Klinik – auch in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt und der psychosozialen Arbeitsgemeinschaft Mittelsachsen – eine Telefon-Corona-Hotline initiiert. Diese steht aktuell weiterhin für Fragen und Informationen, auch zum Umgang mit psychischen Krisen, zur Verfügung.

Zusätzlich sind unsere psychiatrische Institutsambulanzen in Döbeln, Hochweitzschen sowie Freiberg weiterhin geöffnet und fachärztlicherseits gut besetzt, einschließlich den psychologisch Mitarbeitenden. Diese werden wiederum von einem großen Team, unter anderem aus Pflege- sowie Sozialdienst, unterstützt.

Zudem gibt es mittlerweile auch im Internet entsprechende Online-Angebote, wie die Krisenkompass-APP der Telefonseelsorge, das Online-Training gegen Angstgefühle wie GET.ON oder das kostenfreie Angebot vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, das durch eine wissenschaftliche Studie begleitet wird.

Wie gestaltet sich aktuell die Arbeit in den Tageskliniken?

Die Tageskliniken erfüllen ihren Versorgungsauftrag in bestmöglichem Umfang. Die Einschränkungen durch die Umsetzung der Hygieneregelungen laut Infektionsschutzgesetz erfordern einen hohen Organisationsaufwand, um die Nachfrage bedienen zu können.

Insbesondere die Regelungen zu Abstandshaltung und Lüftung wirken sich dadurch reduzierend auf die möglichen Behandlungszahlen aus. Der Hygienekrisenstab überwacht die täglichen Entwicklungen und passt die bestehenden Regelungen entsprechend an.

Welche Besuchsregelungen gelten derzeit am Fachkrankenhaus?

Aufgrund der aktuellen Ausbreitung des Corona-Virus haben wir über vorbeugende Maßnahmen entschieden, um Mitarbeiter, Patienten und auch Besucher in besonderer Weise zu schützen. Daher gilt erneut ein genereller Besuchsstopp auf allen Stationen. Abweichungen sind in besonderen Situationen und Notfällen mit dem diensthabenden Arzt abzusprechen.

Strenge Hygienemaßnahmen, wie regelmäßiges Händewaschen, Desinfizieren, Mund-Nase-Schutz, sind inzwischen Alltag. Doch wie schmal ist der Grad zu einer Zwangsstörung?

Bei einer Zwangsstörung im klinischen Sinne handelt es sich um eine psychiatrische Grunderkrankung, die in unserem psychotherapeutisch-psychiatrischen Fachgebiet behandelt werden muss. So gibt es klare klinische diagnostische Leitlinien. Die Beachtung von strengen Hygienemaßnahmen muss nicht zwangsläufig in eine solche Störung münden.

Auch hier ist die Reflexion wichtig, der sachliche Umgang mit den Maßnahmen, ohne Angst und Stress zu triggern, die wiederum Risikofaktoren sind, um Krankheitsbilder wie Zwangsstörungen tatsächlich zu entwickeln

Die Corona-Hotline des Fachkrankenhauses Bethanien ist erreichbar unter Tel.: 03431656123. Sie ist täglich, außer am Wochenende sowie feiertags, von 10 bis 12 Uhr besetzt.

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