merken
PLUS Döbeln

Weniger Dünger, schlechtere Ernten?

Ab 2021 müssen einige Landwirte in der Region Döbeln auf 20 Prozent Düngung verzichten. Der Verband fordert Entschädigung.

Vor allem Nahrungsweizen benötigt hohe Eiweißwerte und damit auch viel Düngung. Doch diese soll ab 2021 in Gebieten mit einer hohen Nitratbelastung deutlich eingeschränkt werden.
Vor allem Nahrungsweizen benötigt hohe Eiweißwerte und damit auch viel Düngung. Doch diese soll ab 2021 in Gebieten mit einer hohen Nitratbelastung deutlich eingeschränkt werden. © dpa-Zentralbild

Region Döbeln. Knapp die Hälfte der Flächen der Ostrauer Agrar AG liegt im roten Gebiet. In jenen Bereichen befinden sich die im Grundwasser festgestellten Nitratmengen über dem gesetzlich festgelegten Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Ab 2021 ist Vorstand Gerald Wagner daher gezwungen, auf den betroffenen Flächen die Düngung um 20 Prozent zu reduzieren. So sieht es zumindest die neue Düngeverordnung vor.

„Die Wissenschaft sagt, das hat keine Auswirkungen auf die Erträge. Aber wie es wirklich ist, bleibt abzuwarten“, sagt Wagner. Er befürchtet, dass es vor allem bei Produkten, die einen höheren Stickstoffgehalt benötigen, wie zum Beispiel Nahrungsweizen, zu Einbußen bei der Qualität, aber auch bei der Menge kommen wird. „Bei diesem sind hohe Eiweißwerte gefordert“, sagt Wagner. Jene Werte seien nur mit einer bedarfsgerechten Düngung zu erreichen. „Bei den anderen Früchten geht es zulasten des Ertrags“, ist sich Wagner sicher. Hinzu komme noch die anhaltende Trockenheit. „Das macht die Situation noch einmal prekärer.“

Anzeige
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?

Das therapeutische Gesundheitszentrum von PPS Medical Fitness in Dresden bietet modernste Möglichkeiten. Hier bringt Arbeiten Spaß und Erfüllung.

Verband kritisiert Messstellen

Der Sächsische Landesbauernverband kennt die Befürchtungen der Landwirte. Doch noch hat Präsident Torsten Krawczyk Hoffnung, dass es die Region nicht ganz so stark trifft. Hintergrund ist, dass die roten Gebiete noch einmal eine Neubewertung erfahren werden. Jene soll laut Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) im Januar 2021 vorliegen. Krawczyk hofft, dass ein erster Entwurf schon Ende November vorgestellt wird.

Zudem ist das Messstellennetz einer Überprüfung unterzogen worden. Der Landesbauernverband hatte ein Gutachten in Auftrag gegeben. In dem seien 127 von 173 Messstellen als „ungeeignet“ eingestuft worden. Lediglich sieben Messpunkte wurden für „geeignet“ befunden. Insofern sei es laut Krawczyk möglich, dass die betroffenen Gebiete auch in der Region Döbeln noch kleiner werden.

Aktuell gelten als belastet vor allem zwei Regionen im Altkreis: der Bereich rund um Ostrau sowie die Region um Waldheim und Hartha. In jenen Gebieten ist die Nitratbelastung im Grundwasser nach Angaben von Katrin Bernhardt vom LfULG besonders hoch. „Die Messwerte liegen in den Gebieten zwischen 50 und 120 Milligramm pro Liter“, so Bernhardt. Laut dem LfULG sei das Gutachten des Verbands jedoch nicht zu halten: „Es spiegelt nicht den tatsächlichen Zustand der Messstellen wider und ist aufgrund der gewählten Methodik aus fachlicher Sicht nicht haltbar“, heißt es dazu. 

Entschädigung für Landwirte

Nachvollziehen kann Krawczyk das nicht. In zwei Jahren soll das Messstellenetz auf aktuellem Stand sein, so der Präsident. Er vermutet, dass bis dahin einige Betriebe unrechtmäßig auf Dünger verzichten müssen, weil sie eigentlich nicht mehr zum roten Gebiet gehören. Jenen Betrieben sollte mindestens 100 Euro Entschädigung pro Hektar und Jahr gezahlt werden.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt der Wasserverband Döbeln-Oschatz. Er hat seit 2003 mit einigen Landwirten Vereinbarungen über den reduzierten Einsatz von Düngemitteln abgeschlossen. „Darin geht es unter anderem um einen Zwischenfruchtanbau mit dem Ziel einer Reduzierung von Düngemitteln von 20 Prozent gegenüber der zulässigen Menge“, so Stephan Bailieu, Geschäftsführer des Verbands. Die Kosten, die für den Landwirt zusätzlich entstehen, bekommt jener vom Wasserversorger erstattet. Pro Jahr zahle der Verband zwischen 15.000 und 30.000 Euro an die Betriebe. „Das entspricht zirka 0,1 Prozent der jährlichen Ausgaben des Verbandes“, sagt der Geschäftsführer. 

Für Krawczyk wäre dies der ideale Weg, wie generell mit dem Thema umgegangen werden sollte. „Diese Branchenlösung wäre unabhängig vom Gesetzgeber effizienter und erlaube regionale Gestaltungsmöglichkeiten. Eine einfache Lösung, wie die bloße Reduzierung der Düngung, ist nicht zielführend."

Mischung für gutes Trinkwasser

Für den Wasserverband sind die Nitratwerte in der Region derzeit noch kein Problem. „Dank der Mischung von regional gefördertem Grundwasser aus verschiedenen Einzugsgebieten liefert der Wasserverband Trinkwasser nach Vorgabe der Trinkwasserverordnung mit einem Nitrat-Grenzwert von deutlich unter 50 Milligramm je Liter“, erklärt Trinkwasserexperte Dr. Markus Biegel von der Veolia. An den vernetzten Systemen will der Verband auch weiterhin festhalten. Eine Wasseraufbereitungsanlage zur Nitratentfernung sei derzeit nicht notwendig, deren Einsatz auch zukünftig nicht absehbar.

Für die Landwirte hat Karin Bernhardt vom LfULG Tipps, wie sie mit der neuen Beschränkung ab 2021 umgehen können. Zum einen gibt sie den Hinweis, dass sich die begrenzte Stickstoffmenge auf alle Flächen eines Betriebs beziehe. Demnach könnten die Landwirte mit der Düngung variieren, an einigen Stellen normal düngen, an anderen dafür mehr reduzieren. Zudem verweist sie unter anderem auf eine ausgewogene Pflanzenernährung mit anderen Nährstoffen, moderne Ausbringverfahren, mit denen der Nährstoffverlust minimiert werden könnte sowie eine angepasste, optimale Fruchtartenabfolge.

Nitrat für Säuglinge gefährlich

Doch was ist eigentlich so gefährlich an dem Nitrat? Ausgangspunkt für den Grenzwert von 50 mg/l ist vor allem die Empfindlichkeit von Säuglingen. Deren Körper kann unter Umständen das Nitrat in Nitrit umwandeln. Durch Prozesse im Körper kann es dadurch zu einer verringerten Aufnahme von Sauerstoff kommen, heißt es vonseiten des Umwelt-Bundesamtes.

In Sachsen besteht das öffentliche Trinkwasser zu rund 61 Prozent aus Grundwasser. Fast 39 Prozent kommen aus den Talsperren, wenige Anteile werden auch aus Fließgewässern entnommen, so LfULG-Sprecherin Karin Bernhardt. Aber nicht allein die Landwirte sind für den Nitrat-Gehalt im Grundwasser verantwortlich, selbst wenn deren Anteil bei rund 53 Prozent liegt. Auch Waldgebiete geben Stickstoff ans Grundwasser ab. Ebenso zu einem Anteil von elf Prozent Abwasserbehandlungsanlagen von Kommunen, Industrie und Gewerbe. Auch dezentrale Einleitungen aus Kleinkläranlagen spielten eine Rolle.

Negativ auf den Nitratgehalt im Grundwasser wirkt sich zudem Trockenheit aus. „Bei länger anhaltenden, trockenen Perioden kann Nitrat im Boden und in der bis zur Grundwasseroberfläche ausgebildeten ungesättigten Zone angereichert werden“, erklärt Bernhardt. In Folge dieses und weiterer Prozesse werde in feuchteren Witterungsperioden verstärkt Nitrat durch den erhöhten Niederschlag über das Sickerwasser ins Grundwasser eingetragen.

Mehr lokale Nachrichten aus Döbeln und Mittelsachsen lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Döbeln