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Neuer Pflegeberuf ist in Döbeln umstritten

Die Schüler begrüßen die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten. Die Ausbilder kritisieren die fehlende Bindung an die Firma.

Janine Lehmann (links) und Sisi Lechel (rechts) absolvieren bei Kathrin Langhof (Mitte) von Pflege zu Hause ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau.
Janine Lehmann (links) und Sisi Lechel (rechts) absolvieren bei Kathrin Langhof (Mitte) von Pflege zu Hause ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau. © Dietmar Thomas

Region Döbeln. Anderen Menschen helfen, das war von Anfang an das Bestreben von Janine Lehmann. Also absolvierte die 20-Jährige aus Döbeln nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Döbelner Seniorenzentrum. Und stellte dabei fest, welche Mühe hinter der Pflege steckt. Aber auf die Altenpflege festlegen, das wollte sich die junge Frau nicht. Schließlich gibt es auch noch andere Menschen, die der Pflege bedürfen. Umso mehr kam ihr die Reform der Pflegeausbildung entgegen. 

Seit September 2020 können in Deutschland generalisierte Pflegekräfte ausgebildet werden. Nach deren Abschluss können die Auszubildenden in allen Bereichen, und nicht mehr nur zum Beispiel in der Altenpflege eingesetzt werden. Doch das Modell ist umstritten. Warum? Wir haben nachgefragt.

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Die Schüler loben die Vielfalt,aber fühlen sich als „Küken“.

Auch Sisi Lechel hat mit der generalisierten Pflegeausbildung jetzt ihren Traumberuf in Angriff genommen. „Ich habe Verkäuferin gelernt, weil ich zeitig Mama geworden bin“, sagt die 21-Jährige. Jetzt, da ihr Kind in die Schule gekommen sei, wolle sie noch einmal durchstarten und hat die Lehre zur Pflegerin begonnen.

 Dass diese verallgemeinert worden ist, begrüßen die beiden jungen Frauen. Die Möglichkeiten mit dem Abschluss seien vielfältig, sind sich die Schülerinnen einig. Sie spüren jedoch auch, dass sie die Ersten sind, die diese Ausbildung absolvieren. „Dass wir die Küken sind“, sagt Sisi Lechel.

Es gebe einen gewissen Fahrplan, doch zu Beginn sei vieles noch unklar gewesen, aber auch wegen der Corona-Pandemie. Fester Praxispartner der beiden ist der ambulante Pflegedienst „Pflege zu Hause“ aus Döbeln. Dort werden sie ihre erste Praktikumszeit verbringen. Im Verlauf der Ausbildung sind weitere praktische Phasen unter anderem im Krankenhaus sowie in stationären Pflegeeinrichtungen geplant. „Partner sind unter anderem das Pflegeheim in Technitz sowie die Regenbogenschule in Döbeln“, sagen die beiden Auszubildenden.

Heimerer Schule begrüßt die neue Ausbildung, wäre aber konsequenter.

Den schulischen Part ihrer Ausbildung absolvieren Janine Lehmann und Sisi Lechel an der Heimerer Schule in Döbeln. Dort haben zu Beginn des neuen Lehrjahres 28 Auszubildende in der Fachrichtung begonnen, neun davon aus dem Klinikum Döbeln, informiert Grit Hesse, zuständig für Marketing und Kommunikation bei der Sozialpflegeschulen Heimerer GmbH. „Die Reform sehen wir durchweg positiv“, sagt Hesse.

 Aber vonseiten der Schule hätte sie konsequenter sein können. Bedeutet: Auf die mögliche Spezialisierung in Richtung Alten- oder Gesundheits- und Kinderkrankenpflege im dritten Ausbildungsjahr hätte verzichtet werden können. „Weil die Altenpflege damit eine Niveaustufe herunterrutscht“, erklärt Hesse.

Nachteilig an der neuen Ausbildungsform sei, dass sie viel Zeit für die Vor- und Nachbereitung benötige, unter anderem in der Planung der Praxisphasen. „Es ist eine sehr feinmaschige Abstimmung notwendig, damit ein hoher Zeitaufwand verbunden“, sagt Grit Hesse. Aus ihrer Sicht überwiegen dennoch die Vorteile der Ausbildung. Nicht nur die Tatsache, dass die Pflege aller Menschen damit abgedeckt werde, auch die praktischen Einsätze der Schüler in der Ausbildung sind um zehn Prozent gestiegen. Die Ausbildung sei zudem wissenschaftlich fundiert und auf ein einheitliches europäisches Niveau gehoben worden. 

Hesse befürchtet darüber hinaus nicht, dass sich durch die generalisierte Ausbildung mehr Schüler für eine Zukunft im Krankenhaus entscheiden und kaum einer mehr in die Altenpflege gehen möchte. 

Die ambulanten Pflegedienste warten ab oder bilden gar nicht mehr aus.

Genau diese Befürchtung hat Ina Porst vom gleichnamigen Häuslichen Kranken- und Altenpflegedienst in Roßwein. „Wir bilden nicht mehr aus. Unsere Praxisanleitung, die wir selbst ausgebildet haben, ist weg“, begründet Porst. Die neue Form der Ausbildung sei aufwändiger. „Pflegedienstleitung und Praxisanleitung in eine Hand nehmen, das geht nicht“, meint Porst. 

Zudem befürchte sie, dass sich viele, die eigentlich in der Altenpflege arbeiten wollen, durch die Praktika in Krankenhäusern auch in diese Richtung wechseln werden. „Ich glaube nicht, dass sie in der Altenpflege bleiben, wenn sie einmal im Krankenhaus gewesen sind“, meint Porst. Ihre letzte Auszubildende, die berufsbegleitend gelernt habe, habe im September 2019 ausgelernt.

Kathrin Langhof vom Döbelner Pflegedienst Pflege zu Hause bildet seit fast 20 Jahren aus. Sie sieht die neue Ausbildung mit gemischten Gefühlen. „Auf der einen Seite finde ich es wirklich gut, dass sie wieder zusammengelegt wurde“, sagt die Pflegedienstleiterin. Sie hofft, dass der Beruf dadurch wieder mehr Anerkennung in der Gesellschaft erfährt. 

Aber sie glaube leider nicht, dass mit der neuen generalisierten Pflegeausbildung der Mangel an Fachkräften flächendeckend ausgleichen wird. Zudem befürchtet auch Langhof, dass zukünftig weniger Absolventen im Pflegeheim oder der ambulanten Pflege arbeiten werden. „Ich hoffe natürlich, dass ich damit falsch liege“, erklärt Kathrin Langhof.

Für einen Zwischenweg zwischen Ausbildung und Aufgeben hat sich der Pflegedienst Brambor aus Roßwein entschieden. Wie Pflegedienstleiter Benjamin Brambor informierte, setzt das Unternehmen mit Hauptsitz in Roßwein die Ausbildung für ein Jahr aus. „Wir haben dieses Jahr keinen Azubi in diese neue Ausbildung geschickt. Wir starten 2021.“ Brambor sieht die Generalisierung grundsätzlich kritisch. 

Zwar werde den Azubis eine Vielfalt an Einsatzmöglichkeiten gegeben, doch aufgrund der vielen Praktika in anderen Einrichtungen bleibe wenig Zeit und Gelegenheit, in der ausbildenden Firma tätig zu sein. Zeit, die fehle, um den Azubis die „Firmenphilosophie“ mit auf den Weg zu geben. Für Brambor selbst sei dies nicht das Problem, da das Roßweiner Unternehmen selbst vielfältig aufgestellt sei und den Azubis verschiedene Einsatzmöglichkeiten gegeben werden. „Das ist ein großer Vorteil für unsere künftigen Azubis und uns als Träger der Ausbildung, um die Azubis auch im Nachgang der Ausbildung an das Unternehmen zu binden“, so der Pflegedienstleiter. Aktuell werden von dem Pflegedienst 14 Azubis in Erst- und berufsbegleitender Ausbildung auf ihrem Weg zur Pflegefachkraft begleitet. Weil er befürchtet, dass sich vor allem im ersten Jahr viele Azubis gegen die Altenpflege und für andere Bereiche entscheiden, wolle er zunächst einmal abwarten. „Hier gilt es oft, erste Erfahrungswerte zu sammeln“, meint Brambor.

Klinikum Döbeln rechnet mitmehr Schülern im Praktikum.

Neun Azubis der neuen Richtung lernen seit Anfang des Monats am Klinikum in Döbeln. „Wir wollen erst mal sehen, was da auf uns zukommt“, sagte Lisa Schneider, Assistentin der Pflegedienstleitung. Das Klinikum rechnet mit mehr Schülern, die im Zuge der neuen Ausbildung die Praxis im Krankenhaus durchlaufen. 

Die Helios-Klinik in Leisnig hat sich vor allem Kooperationspartner in Leisnig gesucht, um die neue Ausbildungsform durchzuführen, sagte Praxisanleiterin Janine Kutzke von der Klinik. Vorteil der Ausbildung sei, dass die Absolventen flexibler eingesetzt werden könnten. 

Das Krankenhaus in Mittweida sieht sich gut vorbereitet auf die neue Ausbildung, äußerte sich Geschäftsführer Florian Claus. Insgesamt zehn angehende Pflegefachfrauen und -männer haben Anfang September ihre Lehre an dem Krankenhaus begonnen. Eine von ihnen ist Gina-Marie Jubelt. Die 20-Jährige hat zuerst ihr Abitur gemacht und sich nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr sowie einem Praktikum in der Pflege für das neue Berufsbild Pflegefachfrau entschieden. (mit DA/jh/rt) 

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