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Döbeln: Wenn Gärten verschwinden müssen

Das könnte der erste Schritt zurück ins Arbeitsleben sein. Frauen bauen Lauben zurück und kümmern sich ums Grün.

Isabelle Fligg (vorn links) und Navy Bös (rechts) räumen mit fünf weiteren Frauen in der Gartengruppe Schillerhöhe ungenutzte Lauben aus. Das Holz wird separat entsorgt.
Isabelle Fligg (vorn links) und Navy Bös (rechts) räumen mit fünf weiteren Frauen in der Gartengruppe Schillerhöhe ungenutzte Lauben aus. Das Holz wird separat entsorgt. © Dietmar Thomas

Döbeln. Das hatte der Vorsitzende der Gartensparte Schillerhöhe Andreas Börno nicht erwartet. Sieben Frauen packen ordentlich mit an, reißen Lauben ab und kümmern sich auch um die Pflege von Rasen und Blumenbeeten rund um das Vereinshaus.

„Was die Frauen hier leisten, ist beachtlich, da kann sich mancher Mann verstecken. Es wurden schon etliche Container mit Müll gefüllt. Die Frauen mussten da viel laufen“, so Börno. Er lobt auch ihre Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und ihren Arbeitswillen.

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Der Abriss ist notwendig, weil ein Teil der Gartensparte zurückgebaut werden muss, die Gärten nicht mehr benötigt werden. Von den ehemals 150 Parzellen der Anlage haben noch die Hälfte Pächter.

Einige von ihnen übernehmen die Pflege von brachliegenden Gärten. Dabei handelt es sich um diejenigen, die mitten in der Sparte liegen. Randbereiche, vor allem die, die an den Wald grenzen, werden beräumt und später der Natur überlassen.

Müll muss aus den Lauben in Döbeln

Doch zuvor gibt es jede Menge Arbeit. „Aus den Lauben muss der Müll herausgeholt und in Säcken zum Container gebracht werden. Alles, was aus Holz ist, entsorgen wir gesondert. Dann bauen wir die Laube Stück für Stück zurück“, so der Vereinsvorsitzende.

„Das sind Arbeiten, die unsere Vereinsmitglieder nicht stemmen können, als Altersgründen oder arbeitsbedingt.“ Andreas Börno ist froh, dass der Verein Unterstützung von den Frauen bekommt.

Die gehören zum Projekt „Schritt für Schritt“. Das wird vom Europäischen Sozialfonds in der Stufe fünf finanziert. Das heißt, Langzeitarbeitslose werden sozialpädagogisch komplett betreut. Vordergründige Aufgabe ist es, herauszufinden, warum sie so lange keiner Arbeit nachgegangen sind.

Oft spielen dabei Drogen, Alkohol, Schulden und chronische Krankheiten eine große Rolle. „Unser Ziel ist es, die Frauen und Männer auf Stufe vier des Projektes vorzubereiten. In dieser absolvieren sie Praktika in Betrieben“, so Sozialpädagogin und systemische Therapeutin Gabriela Hanke, die das Projekt leitet. "Es ist uns aber schon in den drei Durchgängen, die es bisher in Döbeln gab, gelungen, jeweils einen Teilnehmer in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln.“

Acht Wochen gemeinnützig arbeiten

Für zwei Jahre werden die insgesamt 16 Teilnehmer des Projektes betreut – coronabedingt, sonst sind es nur 18 Monate. In dieser Zeit leistet die Gruppe acht Wochen lang gemeinnützige Arbeit.

Da es schon eine gute Zusammenarbeit mit der Gartensparte Schillerhöhe und dem Kreisverband der Kleingärtner, insbesondere mit dem Vorsitzenden, gab, sind nun sieben Frauen im Einsatz. Außerdem stimmten die Voraussetzungen, wie das zur Verfügung stellen einer Unterkunft und von Toiletten.

„Ich bin froh, dass wir gemeinsam mit dem Kleingartenverein ein Vorhaben gefunden haben, bei dem die Frauen zeigen können, was in ihnen steckt. Außerdem haben sie so ein sichtbares Erfolgserlebnis. Und das ist wichtig“, sagte Gabriela Hanke.

10.000 Euro Unterstützung vom Kreisverband

Die Kleingartensparten können allein den Rückbau nicht stemmen. Denn der Rückbau von Kleingärten ist teuer. Die Container für den Müll und den Bauschutt kosten viel Geld.

Seit 2016 stellt deshalb der Kreisverband seinen Mitgliedsvereinen jedes Jahr insgesamt 10.000 Euro als Zuschuss zur Verfügung. Dafür hat der Kleingartenverband Rücklagen gebildet.

Eine Grundlage, diesen zu erhalten, ist ein tragfähiges Konzept für den Rückbau. Dazu gehöre zum Beispiel, dass Randgebiete nicht mehr verpachtet werden, so der Vorsitzende des Kreisverbandes Christian Werner.

Und genau solch einen Plan kann die Gartensparte Schillerhöhe nachweisen. Im Büro des Vereinsvorsitzenden hängt ein genauer Plan. „Der liegt uns erst vor, seit dem die Geyersbergstraße ausgebaut wurde“, sagte Andreas Börno.

Frauen des Projektes "Schritt für Schritt" kümmern sich auch um die Blumenrabatten auf dem Vereinsgelände der Gartensparte Schillerhöhe.
Frauen des Projektes "Schritt für Schritt" kümmern sich auch um die Blumenrabatten auf dem Vereinsgelände der Gartensparte Schillerhöhe. © Dietmar Thomas

Auf dem Plan hat er genau gekennzeichnet, welche der 75 Parzellen noch bewirtschaftet wird. Die hellgrün ausgemalten Flächen werden von Pächtern in Ordnung gehalten und die weißen Flächen stellen die Parzellen dar, die beräumt werden müssen. Immerhin sind das in der Gartensparte Schillerhöhe insgesamt etwa 30 Grundstücke, davon 15 am Wald und ein Teil im Kurvenbereich des Geyersberges.

Das Vorhaben soll in den nächsten drei bis vier Jahren umgesetzt werden. Dafür ist teilweise auch der Einsatz eines Baggers vorgesehen.

Eigentlich dürfte es unverpachtete Kleingärten, in denen noch Lauben, Gewächshäuser und Obstbäume stehen, gar nicht mehr geben. Jeder Pächter müsste sie selbst abreißen, wenn er seinen Kleingarten aufgibt.

Privatinsolvenz, Zahlungsunfähigkeit oder Hartz IV

„Doch diese Regel wurde in den vergangenen Jahren in vielen Vereinen zu lasch gehandhabt. Wahrscheinlich auch in der Hoffnung, dass die Gärten mit Laube besser zu vermieten sind“, so Christian Werner.

Es gebe auch andere Gründe, warum Pächter ihren Garten nicht mehr nutzen können. Dazu gehörten unter anderem Privatinsolvenzen, Zahlungsunfähigkeit oder Hartz IV.

Bei allen Sorgen gibt es trotzdem einen Hoffnungsschimmer. Während der Pandemie wurden neue Vereinsmitglieder gewonnen, einige Parzellen verpachtet. „Doch meist soll die Laube schon stehen. Solche Gärten haben wir nicht zu bieten. Denn die, die wir abreißen, will keiner mehr haben“, so Börno.

Wer Interesse an einem Kleingarten hat, könne sich gern umschauen und die Kontaktdaten im Briefkasten am Bürogebäude hinterlassen. Neben dem Abriss gibt es ein weiteres Vorhaben. Gemeinsam mit der Stadt und dem Kleingartenverband soll die Treppe in Richtung Geyersberg saniert werden. Über diese führt ein ehemaliger Wanderweg.

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